Geschichten über Kalbe Milde
 

 


 

 

 
Von der Beibehaltung der Steige hinter den Bürgerhäusern zu Calbe a. d. M. nach den Hopfengärten.

Am 31. Oktober 1718 reicht die Bürgerschaft von Calbe an den König Fr. Wilhelm 1. ein sehr demütiges und bewegliches Immediatgesuch ein. Es lautet wörtlich: Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König, allergnädigster Herr!

Ihro Kgl. Majestät haben am 1. Juni 1718 aller gnädigst befohlen, dass die über die Stadtgräben in den ohne Mauern und Pallisaden befindlichen Flecken gewesenen Steige sollen allsofort weggenommen werden. Nun seynd zwarten, allergnädigster König und Herr, wir dero getreuste Untertanen schuldig und verbunden, Ihro Kgl. Majestät alleruntertänigst nachzuleben.

Es besteht aber, allergnädigster König und Herr,
1. die meiste Nahrung dieses Ortes in Hopfenbau, wovon fast alle Menschen ihres Lebens Unterhalt allhier haben müssen. Die Situation ist

2. also beschlossen, dass viele Hopfengärten rings um den Flecken hinter eines jeden Hofe über die Milde belegen seien; zu diesen Hopfengarten kann man

3. mit Mist und benötigten Hopfen-Staken keinen anderen Zugang haben als vermittelst der Steige über den hin und wieder kaum drei Ellen (d. h. also 2 Meter) breit hinter den Höfen liegenden Milde-Strom, gestalt die übrigen Zugänge zu diesen Gärten im großen Umwege aus beiden Toren keine Zufuhr, wegen des morastigen Grund und Bodens, auch nicht ein einziges Fuder Mist- oder Hopfenstaken verstatten, und müssen also viele aus unserer Mitte zu ihrem totalen Ruin sich dieser Gärten entschlagen; über dem wird auch, allergnädigster König und Herr

4. Dieser kleine Strom gleich anderen Wässern zur Winterszeit stark überbrücket, und wenn gleich

5. alle Steige gänzlich entfernt würden, so wäre es dennoch etwa boshaften Defraudanten, welche doch verhoffentlich nicht unter uns sind, ein leichtes, diesen kleinen Strom vermittelst Überwerfung nur eines einzigen Hopfen-Stakens zu überschreiten.

Ihro Kal, Majestät verstatten und erlauben doch uns dero armen und getreusten Untertanen allergnädigst, dass wir bei solcher wahren, wahrhaftigen Bewandnis Ihrer Kgl. Majestät aus höchst dringender Not zu Fuße fallen und alleruntertänigst bitten dürfen, uns dero Kgl. Huld und Gnade zu erzeigen, und die Beibehaltung derer unentbehrlichen Steige, wie es von undenklichen Jahren allhier gewesen, fernerhin allergnädigst zu gönnen. Solche Kgl. Huld und Gnade werden wir mit unserem armen Gebeth für Ihro Kgl. Majestät bei Gott dem Allmächtigen hin wiederum verbitten, wie wir uns denn allergnädigster Erhörung getrösten und in allertiefster Treue und Untertänigkeit demütigst verharren.

Ihro Majestät alleruntertänigste Knechte
Samuel Dithmar, Senator.
Heinrich Steffens, Senator.
Hans Thomas, Läsicke, Schulz, Lüder, Gottfried Behrens Deputierte.
Allerseits im Namen der sämtlichen Bürgerschaft.

Milde
die vielen Steige und Brücken


Diese Eingabe gibt uns ein genaues Bild der Stadt Calbe, wie sie sich dem Beschauer nach außen darbot. Unterschrieben hat Samuel Dithmar, Senator. Das war der 70jährige Organist und Schulkollege Dithmar, der schon 1687 als Senator im Kirchenbuch bezeichnet ist, also seit 31 Jahren das Amt eines Ratsherren und zeitweiligen Bürgermeisters bekleidete. Er war 1649 in Stolberg im Voigtlande als Sohn des dortigen Stadtrichters Johannes Dithmar geboren und kam 1669 als Schulkollege und Organist nach Calbe, gelangte bald zu Ansehen und Ehren, wurde Senator und von den Bürgern gar oft zum Patenamt als Gevatter begehrt, so dass um das Jahr 1700 herum der Name Samuel in vielen Familien als Rufname üblich war nach dem allbeliebten Patenonkel Samuel Dithmar. Übrigens ist er der Vorfahr der heutigen Familien Thielecke und Beyer in Calbe, und die hochbetagte Witwe Dithmar trägt noch seinen Familiennamen.

Der an zweiter Stelle unterzeichnete Heinrich Steffens war Senator und Krahmer (d. h. Kaufmann) und wohnte an der oft genannten Ecke (jetzt Petri). Der Deputierte Läsicke war Ackermann und wohnte in der Marktstraße auf dem jetzt dem Kaufmann und Bankier Herrmann gehörigen Grundstück. Das Gesuch der Bürgerschaft war ein Immediatgesuch d. h. ein unmittelbar an den König gerichtetes Gesuch, das nicht erst durch die Behörden lief. Die Calbenser Bürgerschaft sowohl, wie einzelne Bürger haben von diesem Vorrecht, direkt sich an den Landesherrn zu wenden oft Gebrauch gemacht. Vor dem Stadtschloss in Potsdam steht noch heute die Bittschriftenlinde noch immer grünt sie vor welcher Bittsteller aus dem Volk ihre Briefe zu dem Stadtschloss emporhielten, bis ein Adjutant zur Entgegennahme des Gesuches aus dem Schlosse herauskam. Ebenso machten sich Untertanen mit ihren Gesuchen auf den Weg, wenn der große Friedrich in der Nähe Manöver abhielt. Das haben auch Calbenser getan und sich zu Fuß auf den Weg bis hinter Magdeburg gemacht.

Kurz, das Immediatgesuch der Calbenser Bürgerschaft über die Beibehaltung ihrer Steige - heute sind es ja Brücken mit eisernen Trägern und Eichenbelag - wurde vom König dem zuständigen Kriegstat Hartmann in Tangermünde zur Untersuchung und Begutachtung überwiesen. Hartmann berichtet demnach: Ich habe die Lage der Stadt Calbe in Augenschein genommen und gefunden, dass die Milde rings um den Flecken nahe hinter den Einwohnerhäusern, herumgeht; gleich hinter diesem Fluß liegen die Hopfengärten, wovon sich meistens der Flecken ernähren muss, dergestalt, dass ein jeder Bürger durch Hülfe des Steiges den im Herbst gepflückten Hopfen in sein Haus bringen, den benötigten Dünger von seinem Hofe in die Gärten karren, den Hopfen zu der Herbstzeit damit decken, im Frühjahre die Staken und zwar alles mit geringer Mühe und Unkosten kann hineintragen lassen. Zwischen der Milde und diesen Hopfengärten ist ein schmaler Damm, von dem ab aber ist ein Grund, worüber man in dieselben gehen muss, an einigen Stellen von 6 bis 9 Schritt breit. Dieser Grund ist fast allerorten dermaßen morastig, dass man darüber auch einen Steig bis zur Gartentür legen muss, denselben aber mit Pferd und Wagen zur Herbst- und Frühjahrszeit, wenn man das meiste in den Gärten zu tun hat, niemals, als nur einzig und allein bei hartem Frost passieren kann, zu welcher Zeit dann auch die Milde dergestalt vereist ist, dass man ohne Steige hinübergehen kann, wo man will. Auf der anderen Seite dieser Gärten, nach den Wiesen und dem Felde zu, ist ein im Sumpf stehendes Gehölz und Wasser, die meiste Zeit halb Mann tief, dass also kein anderer Zugang ausfindig zu machen ist, als entweder durch Beibehaltung der Steige, ober dass die Bürger Ihren Weg zu den Toren hinaus über den Damm nehmen. Bei den letzteren aber würden die Bürger, indem mancher über 1.000 bis 1.500 Schritt und weiter gehen muss, nicht nur viele Zeit zu anderer Arbeit verlieren, sondern auch viele vermehrte Unkosten, sowohl bei Pflücken, als Düngen und Staken anwenden müssen, und dadurch abgehalten würden, den Hopfenbau gehörig fortzusehen.

Aus diesen und anderen von der Stadt Calbe angeführten wahren Umständen, und das ein jeder mit einem Hopfenstaken die Milde, wenn er nur will, es sei Tags oder Nachts, passieren kann, ohne das ein Mittel vorgeschlagen werden könne, solches zu verhindern, so wäre meine alleruntertänigste, pflichtmäßige, jedoch unvorgreifliche Meinung, dass die Steige beibehalten werden können.
Ich bin zeitlebens Ew. Kgl. Majestät untertänigster und treugehorsamster
G. Hartmann.

Auf diesem Bericht ergeht der Kgl. Befehl, dass die Steige hinter den Bürgerhäusern beibehalten werden dürfen. Interessant aber ist der Zusatz, es hat der Hartmann aber desto fleißiger visitieren und aufpassen zu lassen, damit nicht einer oder der andere Bürger sich selbige auf eine unzulässige Art zum Nachteil der Accise bediene, in welchem Fall derselbe exemplarisch zu bestrafen wäre.
Berlin, den 24. Januar 1719. Fr.W.

Die beiben Torschreiber am Gardeleger und am Salzwedeler Tor mussten also streng „vigilieren“ (d. h. aufpassen), dass die Fremden sowohl, wie auch die einheimischen Bürger, unter denen es doch „verhoffentlich keine boshaften Defraudanten gab“, ihren Zoll, die Accise genannt, an den Toren entrichtet. Jedes Fuder Holz, Heu, Hopfen, Steine, Lehm, oder irgend eine Ware oder Schlachtvieh musste bei der Einfahrt in die Stadt beim Torschreiber versteuert, und die gezahlte Accise an die Kgl. Accisekasse abgeführt werden. Gegen Entrichtung einiger Pfennige oder Groschen bekam der Besteuerte seinen kleinen Schein mit dem kgl. Stempel und der darauf vermerkten Accise-Abgabe. Manche Dinge waren frei und brauchten nicht versteuert zu werden. Dann trugen die Zettel oben den Vermerk: Gratis. Solche alten, 150 Jahre alten, kleinen Accisezettel werden in Calbe heute noch von Einheimischen als Andenken aufbewahrt. Ob nicht auf Schleichwegen doch noch manch Gut in die Stadt hinein oder aus ihr herausgebracht wurde das deuten ja die vorstehenden Aktenstücke schamhaft an. Es gibt ja viele Anekdoten von klugen Torschreibern und listigen Bürgern, die sich gegenseitig zu überlisten suchten, nicht nur in Calbe, sondern überhaupt da, wo es eine Accise gab und ein Torschreiberhaus stand.

Hopfendämme rechts von der Milde
Hopfendämme rechts von der Milde


Es erhob in der Stadt Calbe nun auch der Magistrat ein Damm und Brückengeld für die Benutzung der von ihm gepflasterten Dämme und erbauten Brücken. Der Magistrat oder der leitende Ratsherr war, ehrenamtlich mit der Leitung der städtischen Verwaltungsgeschäfte betraut. Ein Gehalt bezog er dafür nicht, nicht einmal für seine Schreibmaterialien. Er nahm die Miete des einen Zimmers der Ratsbube ein, 5 Taler im Jahre, ferner die Gebühren für die ausgestellten Lehr- und Freibriefe bei den Gewerkschaften der Schneider, Schumacher und Leineweber, und den Zoll für die Benutzung der städtischen Brücken und Dämme ein, musste aber aus eigenen Mitteln die Dämme und Brücken erhalten, und hatte das zweifelhafte Recht, für ausgeführte städtische Arbeiten in Ermangelung einer städtischen Kämmereikasse aus seiner Tasche die Kosten zu verauslagen, oft auf lange Sicht, manchmal aber auch auf Nimmerwiedersehen. Es liegt eine Akte vor vom 9. Mai 1740, betitelt Gesuch des Magistrats zu Calbe wegen Damm und Brückengeld, so einen Teil ihres Salaril (ihrer Entschädigung) ausmacht.


Entnommen einem Aufsatz von Pfarrer Mosenthin, ergänzt durch Henning Krüger
 
 
 
 
 
   
  
 

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