„So wurde Kalbe nicht dem Erdboden gleichgemacht"
Zum Artikel Kapitulationsgespräche vom Brunauer Postamt aus", der am 22. Juli 2026 in der Altmark-Zeitung er schien, schreibt
Gottfried von Goßler aus Hamburg:
Wenn ich Berichte über das Kriegsende, die Gespräche in Brunau und die schrecklichen Verbrechen nicht nur in der Scheune in Gardelegen, sondern
auch auf dem Marsch dorthin lese, fällt mir dann immer mein Erlebnis im April 45 ein. Ich war fast sechs Jahre alt. Die US-Armee hatte Kalbe
eingenommen und ich hörte, dass der Vater unserer Hilfe in der Küche auf dem Gut (Hilde Lübeck, sie wohnten etwas links vom Burgausgang/Stendaler
Straße) den Amerikanern am Petersberg mit einem weißen Tuch entgegengegangen war. (gemeinsam mit dem stv. Bürgermeister Korporal) Ich glaube,
darauf stand die Todesstrafe. So wurde Kalbe nicht dem Erdboden gleichgemacht.
Ich erlebte das Ende des Krieges in unserem Schloss, im Zimmer, in dem sich jetzt das Wartezimmer von Dr. Krüger befindet. Dort mussten wir uns
versammeln. Neben mir saß der Bruder meines Vaters. Er war ohne Gehör geboren und deshalb nicht eingezogen. Ein US-Soldat sprach ihn an. Da er
nichts verstand, antwortete er nicht. Daraufhin zerschlug der Soldat mit seiner Waffe ein Bild hinter uns. Ich habe mich sehr erschrocken, deshalb
erinnere ich mich wahrscheinlich daran. Amerikanische Soldaten durchsuchten das Schloss. Es gab dort ein Alkohollager mit französischem Cognac.
General Guderian hatte es angelegt. Wahrscheinlich Beute aus Frankreich. Unser Saal war von der Wehrmacht requiriert. Viele Flaschen waren auch
nach diesem Ereignis übrig und wurden später geplündert, ausgetrunken und teilweise in den Teich an der letzten Kurve zum Schloss entsorgt. Es
wimmelte damals von Betrunkenen im Park. Ein Flüchtling aus dem Saarland, der bei uns im Verwalterhaus (jetzt Klein Sanssouci) einquartiert war,
lag blau im Gesicht, lallend, unter dem Bett. Ich verstand es als Sechsjähriger nicht. Er muss etwa 14 Jahre alt gewesen sein.
Tage später, wir spielten in einer Scheune hinten auf dem Hof, dort war Heu gelagert, sahen wir plötzlich amerikanische Soldaten schlafend im Heu.
Vier oder fünf waren es.
Wir flüchteten…
Meine 21 und 19 Jahre alten Schwestern hatten sich im Turmhäuschen des Hauses versteckt. Es gab Gründe dafür. Meine Mutter servierte den Soldaten
jedem etwas Alkoholisches, wonach sie verlangten. Ich stand neben meiner Mutter. Das war ein gewisser Schutz für sie, denke ich heute. Die
Soldaten verzogen sich.
Am nächsten Morgen lag ein Soldat tot vor dem Saal des Schlosses. Er hatte mit seinem Gewehrkolben ein Fenster eingeschlagen, dabei löste sich
wohl ein Schuss. Der amerikanische Kommandant - ich habe Captain Meiners in Erinnerung, das kann aber falsch sein drohte meiner Mutter: „Wenn Sie
oder ein Kalbenser das getan hat, legen wir Kalbe in Schutt und Asche." Meine Mutter schilderte das Vorkommen mit den vier betrunkenen Soldaten.
Daraufhin wurde meine Mutter mit nach Peine genommen – warum Peine bei Hannover, weiß ich nicht. Vielleicht war dort das Hauptquartier der
US-Soldaten.
Die US-Soldaten mussten antreten. Meine Mutter fand die vier „Besucher“ heraus. Daraufhin sagte der US-Kommandant - er sprach fließend Deutsch:
„Frau von Goßler, ich glaube Ihnen.“ Die vier sind einschlägig bekannt. Kalbe wurde nicht dem Erdboden gleichgemacht.
Im Übrigen kann es sein, dass der amerikanische Kommandant wusste, wer meine Mutter war. Ihr Urgroßvater war der Besitzer von Neu-Hardenberg.
Ihr Vetter war am 20. Juli (Attentat auf Hitler) beteiligt. In Neu-Hardenberg trafen sich die Verschwörer.
Jedenfalls bot uns die spätere englische Besatzung im Juni 1945 an, uns mit zwei Lastwagen mit nach Westen zu nehmen. Wir wussten nicht, dass uns
unter den Kommunisten Enteignung und Deportation drohten, und blieben. Die westlichen Alliierten wussten es.
Ich war ein sechsjähriges Kind und wundere mich manchmal, dass ich mich daran so gut erinnere. Vielleicht, weil es so einschneidende Ereignisse
waren.
Gottfried von Goßler
Hamburg
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung v. Herrn Goßler)
Quelle Leserbrief der Altmarkzeitung v. 30.07.2026
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