Lebenserinnerungen von Gottfried von Goßler Jun.(*1939)
So fing es an
Am dritten Mai 1939 kam ich, als viertes Kind und einziger Junge der Calbenser Familie von Goßler auf diese Welt und zwar in Stendal.
Waldi Deutsch – wer kennt ihn noch in Kalbe – hatte meine Mutter ins Krankenhaus nach Stendal gebracht. Herr Deutsch hatte eine Autowerkstatt in
der Salzwedelerstrasse direkt gegenüber vom Fleischer Giese und betrieb eine Esso-„Apotheken“tankstelle. (Eine Vorrichtung in der man das Benzin
noch mit einem Hebel und einer Pumpe in ein Glas hochziehen mußte) Er hatte ein Auto, das noch nicht in Vorbereitung des Krieges von der Wehrmacht
beschlagnahm war, und schaffte es damit nachts , meine Mutter rechtzeitig ins Krankenhaus nach Stendal zu bringen.
Sonst wäre ich ein echter
Calbenser geworden. Ich wäre auf dem Rittergut II –heute Schloss von Goßler und Altersheim - in Calbe geboren worden. Mein Vater, der einzige
Landwirt der Familie, war damals schon zum Militär eingezogen und und mußte in Burg auf dem Truppenübungsplatz üben. Deshalb konnte er nicht so
schnell nach Calbe (ich schreibe Calbe/Milde mit C bis 19051, darnach wurde Kalbe mit K geschrieben, um den Ort von Calbe an der Saale zu
unterscheiden) kommen., um meine Mutter nach Stendal zu bringen. Er sah mich am nächsten Tag. Darnach ein-, zweimal : Anfang 1941 und dann erst
wieder 1954 im Durchgangslager Friedland (bei Göttingen) nach der Rückkehr aus der russischen Gefangenschaft. Zwölf Jahre war er Kriegsgefangener
in Rußland, ein Martyrium.
Seinen Namen fand ich später in der Gedenkstätte des Deutschen Widerstandes in Berlin. Er hatte 1943 mit anderen Offizieren und Mannschaften einen
Brief an die deutsche Heeresführung geschrieben mit dem Aufruf, Hitler abzusetzen. Dafür wurde er mit einem sogenannten Führerbefehl zum Tode
verurteilt und seine Sippe gleich mit. Meine Mutter , geborene Gräfin von Hardenberg (Neuhardenberg) , ist in Wernigerode, Berlin und Schlesien
groß geworden. Der Bruder des preußischen Staatskanzlers , Fürst Hardenberg , (Stein/Hardenbergsche Reformen) war ihr Ururgroßvater.
Die Vorfahren und wie aus der Kaufmannsfamilie Adlige und Staatsdiener wurden
Goßlers sind seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts in der Altmark. Neben den Altmärkern gibt es noch einen ostpreußischen und einen
schlesischen Zweig der Familie. Seit 1813 heißen wir von Goßler, weil Napoleons Bruder Jerome , König von Westphalen , so schrieb man es
damals, meinen Urururgroßvater Conrad Christian Goßler geadelt hatte. Er wurde in Kassel Generalstaatsanwalt des Königreiches Westphalen und
Mitglied des Staatsrates. Eigentlich aber war er preußischer Beamter in Magdeburg. Preußen hatte gegen Napoleon verloren (bei Jena und Auerstedt)
und mußte im Tilsiter Frieden Magdeburg und andere preußische Lande abtreten. Viele magdeburger Beamten wurden nach Kassel, der Hauptsatdt des
neuen Königreiches, beordert. Besonders wenn sie bürgerlich und nicht adelig waren. Napoleon stammte aus einer korsischen Bürgerfamilie. Meine
Vorväter stammen aus einer Magdeburger Kaufmannsfamilie. Conrads Frau, Anne Charlotte Cuny, die er in Magdeburg geheiratet hatte, kam aus einer
Hugenotten Familie . Ein Gedankensprung: Fontanes Vorfahren- auch Hugenotten- kamen ebenfalls aus Magdeburg- und sind mit den Altmärker- Goßlers
über Cunys verwandt. Ich habe Fontanes schriftstellerisches Können nicht geerbt. Er ist ja auch kein direkter Vorfahr, sondern Fontane und die
altmärker Goßlers haben über eine Urmutter dieselben Urur..großeltern namens Douzal.
Conrads Vater Christoph (der jüngere) und Großvater, der ebenfalls Christoph (der ältere) hieß – die Vorfahren kamen ursprünglich aus dem kleinen
Ort Gosel, daher der Name Gos(s)ler, heute liegt der Ort in der tschechischen Republik , südlich von Eger (Cheb)und heißt Kozly - waren im 18.
Jahrhundert wohl der größten Handelsherren in Magdeburg. Sie stellten Textilien her, besassen fluß- und sogar seegängige Schiffe. Christoph der
jüngere baute ein Schloss ganz in der Nähe Magdeburgs (Neu-Königsborn, es steht heute noch) und hatte mit seiner Frau, Catharina , geborene
Neumann , siebzehn Kinder. Conrad Christian war das fünfzehnte Kind. Christoph (der jüngere) war ein Pionier der Industralisierung. Er
installierte im Schloss eine Seidenweberei und brachte 12 Familien dort unter.
Christophs Söhne studierten Jura, so auch Conrad. Fast alle wurden preußische Beamte.
Conrad trat nach dem Ende des Königreiches Westphalen wieder in preußische Dienste (Justizministerium in Berlin) gefördert durch die Fürsprache
des Staatskanzlers Graf Hardenberg –ein Ururgroßonkel meiner Mutter-, wohnte dann am Potsdamer Platz in einem wunderschönen Haus mit einem großen
Garten. Damals lag dieser Platz fast vor den Toren Berlins. Man sehe sich heute den Potsdamer Platz an. Eine kleine Stadt! Es ist erwähnenswert,
dass Conrad im Königreich Westphalen die Errungenschaften der französischen Revolution kennen lernte. Ich nenne nur :Freiheit , Gleichheit –vor
dem Gesetz- Brüderlichkeit. Hardenberg hatte ihn sicher auch deswegen nach Berlin geholt, um Preußens Gesetze zu „entstauben“.
Conrad war in Magdeburg sehr angesehen und wurde 1840 zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt.
In Kassel lebte zu König Jeromes Zeiten noch eine andere Urururgroßmutter von mir, nämlich Diana Rabe von Pappenheim, geborene Frein Waldner von
Freundstein. Sie stammte aus dem Elsass (Sulz, heute Soultz) und war vor ihrer Ehe Hofdame in Weimar. Auf dem Friedhof in Wernstedt liegt Dianas
Ururenkelin Annlies v. Goßler , geborene Rabe v. Pappenheim, meine Großmutter. Diana war eine sehr schöne Frau. Eine ihrer Enkelinnen hat ein
lesenswertes Buch über Dianas Leben geschrieben. (Lily Braun. Im Schatten der Titanen.Ein Erinnerungsbuch an Baronin Jenny von Gustedt) Jenny war
Dianas und Jeromes gemeinsame Tochter, obwohl sie den Namen Rabe von Pappenheim trug . Die Titanen waren Napoleon, Goethe, Schiller, Humboldt. In
Goethes Haus in Weimar verkehrte sie . Diana hatte zwei uneheliche Kinder mit Jerome, dem König von Westphalen, Napoleons jüngstem Bruder.
(übrigens Jeromes Sohn aus erster Ehe mit einer Amerikanerin war der Gründer des US-amerikanischen FBI)
Wenn in Calbe auf Gut II –heute Schloss von Goßler über Diana gesprochen wurde, flüsterte meine Großmutter oder sprach Englisch,weil die
anwesenden Kinder, also meine älteren Schwestern, drei an der Zahl , die Geschichten über Diana nicht hören sollten. Es hieß dann „the girls
are present! Die Pappenheimschen Kinder, also auch mein Ururgroßvater Gottfried Rabe von Pappenheim, wurden Diana nach der Geburt ihres unehelichen zweiten Kindes weggenommen. (Mein Vorname Gottfried stammt aus dem Elsass, schon der Vater Dianas hieß so)
Nach dem Tod ihres Ehemannes Pappenheim (1815) ging Diana wieder nach Weimar und heiratete den angesehenen Witwer , Minister von Gersdorff. Es
wurde noch eine Tochter geboren, die einen Grafen Beust heiratete. Mir ist nicht bekannt, ob diese Familie Beust mit dem ehemaligen hamburger
Bürgermeister Ole von Beust verwandt ist. Die Welt ist manchmal sehr klein. (ein Herr v. Beust war auch Pate eines Bruders von Conrad Christian
(v.) Goßler in Magdeburg, lang vor der verwandtschaftlichden Beziehung zwischen Goßlers und Pappenheims)
Conrad Christian (v.) Goßler , also mein dreimaliger Urgroßvater, hatte mit seiner ersten Ehefrau Charlotte Cuny vier überlebende Kinder.
( Charlotte starb bei der Geburt des zweiten Sohnes, Karl Gustav von Goßler, später Kanzler Preußens (so etwas wie Justizminister) und
Syndikus der preußischen Königsfamilie . Er ist der Begründer des ostpreußischen Zweiges der Familie.) Der älteste Sohn Conrads, Albert
(1807-1869, Jurist , in Magdeburg geboren, in Zichtau gestorben und immer Hobbylandwirt) erwarb um 1850, nachdem er als Ministerpräsident
zweier anhaltinische Herzogtümer (Köthen, Dessau) in Pension gegangen war, das Gut Zichtau in der Altmark vom Amtmann Solbrig (vorher war es
Jahrhunderte ein alvenslebensches Gut.). Nach der Wende hat mein Vetter Hasso v. Blücher einen Teil des ehemaligen , in der kommunistischen
Zeit enteigneten Gutes, wieder erworben. Hasso von Blüchers Mutter war eine Goßler-Tochter aus Zichtau.
Salopp gesagt , Albert wurde von Preußen in die anhaltinischen Herzogtümerr geschickt ,um dort aufzuräumen. Die Herzogtümer waren Pleite und es
herrschte aus preußischer Sicht dort ein aufsässiger, liberaler Geist ( z. B. die Köthener Kellergesellschaft). Die Herzogsfamilie war sogar
katholisch geworden , um Preußen zu ärgern (siehe die Schriften von Professor Tullner , Universität Magdeburg). Dieser Geist scheint meinen
Ururgroßvater Albert aber angesteckt zu haben. Er unterdrückte ihn nicht, eher im Gegenteil. Es heißt, die auch von ihm unterschriebene neue
Verfassung für die Herzogtümer soll sogar ein Vorbild für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gewesen sein. Otto von Bismarck soll
wütend gewesen sein und wollte dem liberalen Spuk militärisch ein Ende machen , hat mir jemand erzählt. Das war aber letzten Endes nicht nötig,
schließlich war mein Ururgroßvater Albert auch einmal preußischer Beamter.
Mein Urgroßvater Martin (der ältere) wurde als zweiter Sohn der Zichtauer Goßlers Albert geboren. Zweite Söhne wurden damals in der Regel Soldaten. So auch mein Urgroßvater.
(Auf dem Friedhof an der Zichtauer Kirche ruhen fast alle Altmärker Goßlers und deren Ehefrauen). Mein Urgroßvater Martin machte, wie man heute sagen würde , Karriere in der preußischen Armee, war Adjutant beim Feldmarschall v. Moltke und später Chef der Zentralabteilung des preußischen Generalstabes. Seine Goßler-Vettern , Söhne von Karl Gustav, waren zur gleichen Zeit Staatsdiener in Preußen. ( Heinrich v. Goßler war Kriegsminister und Gustav von Goßler Kultusminister Preußens , Eugen Landrat in Schlesien, zwei weitere Vettern Generäle in der preußischen Armee).
Das Gut Zichtau erbte sein älterer Bruder Conrad, Landrat in Gardelegen. Er verwaltete es auch.
Calbe (Milde)
Martin kaufte um 1871, nach den Tode seines Vaters Albert, das Gut II in Calbe /Milde für 90.000 Mark von Eugenie Schildt ( vor 1871 gab es den
Preußischen Taler, nach 1871 die goldgedeckte Währung des Deutschen Kaiserreiches ,später auch Goldmark genannt). Eugenie Schildt ,Tochter einer
geborenen v. Alvensleben,war nicht verheiratet und hatte keine direkten Erben. Ich habe mir das Grundbuch für das Gut II im Jahre 1991 aus Barby
besorgt, daher meine Kenntnis. Zusätzlich gehörten uns zwei (oder drei, das weiss ich nicht mehr) Häuser in der Stadt Calbe. Vor einem hängt zur
Zeit in Kalbe eine rote Lampe!!(Die Grundbuchseiten der Häuser wurden zu DDR-Zeiten herausgerissen. Man fragt sich warum?? , Stasi?) Unser
gesamter Besitz wurde im Oktober 1945 von den Kommunisten enteignet. Junkerland in Bauernhand war die Parole. Wir haben es , wie man weiß, nie
zurückbekommen. Ein Rechtsbruch , verursacht durch die Regierung Kohl., basierend auf einer Lüge. Man behauptete , die Russen wüden sonst die
Wiedervereinigung nicht zulassen. Ich habe Gorbatschow persönlich gehört, als er sinngemäß sagte, (Vortrag in Berlin) mich interessierte nicht,
was die Deutschen mit ihrem Land machten, mir war nur wichtig, was die NATO unternahm.
Meine Eltern, Gottfried und Irmgard v. Goßler zogen 1931nach Calbe/Milde. Wir hatten ein zweites Gut (der Brümmerhof) in der Nähe von Soltau, das mein Vater bis zum Verkauf
( 1933) an den Hamburger Kaufmann Töpfer bewirtschaftete.
Meine Urgroßmutter, mit Mädchennamen Fanny Albertine von Pfuel , kam aus Potsdam. Sie war eine Enkelin des preußischen Generals und
Ministerpräsidenten Ernst von Pfuel. Ernst war nur sehr kurze Zeit Ministerpräsident. Er ließ in der Revolution 1848 in Berlin nicht
auf Revolutionäre schießen und wurde als zu liberal wieder abgesetzt. Als Militär hatte er Heeresschwimmschulen în Berlin , Prag und Wien
gegründet und war außerdem Gouverneur von Neuchatel, heute ein Teil der Schweiz. Fannys Eltern besaßen in Potsdam ein Haus, eine große Villa,
die noch heute meinen Vettern gehört (bis 1990 waren russische Offiziere drin , das Haus wurde zurückgegeben)
Zu meiner Urgroßmutter Pfuel zwei kleine Geschichten. Fannys Großvater , Ernst von Pfuel, hat nach dem Sieg über Napoleon , die auf dem
Brandenburger Tor thronende Quadriga aus Paris nach Berlin zurückgebracht. Deshalb durften zu Zeiten der preußischen Monarchie auch die
Nachkommen Pfuels durch das Brandenburger Tor schreiten oder mit der Kutsche fahren. Dies durfte normalerweise nur die Königsfamilie. Ich
sah das Brandenburger Tor von der West-und Ostseite und bin nur mit den Augen durchgegangen.---bisher. Pfuel kam aber auch mit russischen
Truppen (Kosaken)- als er Napoleons besiegte Truppen verfolgte- bis nach Bremen. Die Kosaken plünderten den Weinkeller im Bremer Rathhaus.
Meine Frau, aus der Bremer Kaufmannsfamilie Albrecht stammend, nimmt Pfuel das jetzt noch übel !!
Meine Urgroßmutter Pfuel hatte aber auch berühmte jüdische Vorfahren, namens Levin. Rahel Varnhagen von Ense , geborene Levin, (man findet
Auskunft über Rahel in elektronischen Nachschlagewerken) war eine Verwandte meiner Urgroßmutter. Levins waren sehr wohlhabende jüdische Bürger
Berlins. Heute würde man sagen Banker und Juweliere. Marcus Theodor Levin (später Marcus Theodor Robert-Tornow, die Familie ließ sich christlich
taufen), ein Bruder Rahels, ist ein direkter Vorfahr meiner Urgroßmutter Pfuel. (Markus Tochter heiratete Ferdinand von Lamprecht) Im Jahre 1933
erhielt mein Großvater Martin v. Goßler wegen dieser Abstammung ein Schreiben, dass er bitte mit seiner Familie die Adelsgenossenschaft verlassen
möge. Der damalige Vorsitzenden der Adelsgenossenschaft war zweifelsohne ein Anhänger des nationalsozialistischen Rassenwahns. Menschen mit
jüdischer Verwandtschaft, so steht es in dem Bescheid, waren in der Adelsgenossenschaft nicht willkommen -und das schon 1933! Hitler hatte
gerade, im Januar 1933, die Macht ergriffen.
Die Familie war gewarnt und mußte zwischen 1933 und 45 sehr vorsichtig sein , um nicht – ich drücke es sehr milde aus- diskriminiert zu werden.
Meine Großmutter (Jahrgang 1875) schaffte sich in dieser Zeit einen Krückstock an, um nicht die Hand zum damals eingeführten Gruße erheben zu
müssen.
Sie blieb demonstrativ bei den alten Grußformeln, denn sie „mußte“ sich ja auf den Krückstock stützen. Dieses Verstecken der Meinung über
Ideologien und Personen wird vielen ehemaligen DDR Bürgern nicht unbekannt vorkommen Auch mir nicht, denn ich bin bis 1951 in der DDR in Kalbe
zur Schule gegangen.
Das Schloss in Calbe (Milde)
Mein Urgroßvater mußte in Calbe ein neues Haus bauen- das jetzige Schloss- denn das alte , schöne Haus, ehemals ein alvenslebenssches Vorwerk,
war vom Schwamm befallen und mußte abgerissen werden.
Der Architekt des neuen Hauses oder Schlosses, so wurde mir erzählt, landete in der Psychiatrie. Das neue Schloss stürzte teilweise ein (die
Rotunde) und mußte wieder aufgebaut werden.
Die ersten Kinderjahre von 1939 bis Oktober 1945 verbrachte ich auf dem Gut.
Meine Liebe zur Natur entstand in dieser Zeit. Kaum konnte ich laufen beschäftigte ich mich mit den Fröschen und Vögeln um das Schloss herum.
Ich hieß der Glitzerjunge, weil der Schleim der Frösche, die ich zeitweilig mit mir herumtrug, auf meinen Sachen klebte. Die Nachtigallen im
Frühjahr habe ich immer noch im Ohr. Ich lief bis zur Rehhorst mit unserem Gärtner Bochenek und wir beobachteten Füchse , die sich bekriegten
(müssen wohl Rüden gewesen sein) . Das Krieg war, die Bedeutung diese Wortes konnte ich als kleines Kind nicht voll erfassen, bemerkte ich
daran , dass ganze Pulks von Flugzeugen über Calbe hinwegflogen. Sie flogen mit ihren Bomben nach Berlin.
Nachts wurde ich aus dem Bett geholt und schlaftrunken vom Gärtner Bochenek in den Keller des Schlosses gebracht . Einmal fielen Bomben auf die
Wiese neben der Wassermühle.
Alles schepperte. Es flogen auch brennende Flugzeuge gen Westen. Diese waren in Berlin angeschossen worden und versuchten, die eigenen Linien im
Westen zu erreichen. Manche haben es vielleicht geschafft. Viele werden abgestürzt sein.
Kurz vor Kriegsende kamen mehr und mehr Tiefflieger, die auf alles schossen, was sich bewegte. Ich lief gerade über den Hof, als auch auf mich
geschossen wurde. Die Geschosse zertrümmerten das Dach einer Scheune. Als Fünfjähriger verstand ich nicht so richtig die Gefährlichkeit der
Situation. Mulmig war mir schon.
Kriegsende
Dann kam der April 1945 und die Amerikaner errreichten Calbe als kämpfende Truppe.
Wir hatten weiße Bettlaken aus den Fenstern gehängt, was natürlich verboten war. Versprengte deutsche Soldaten suchten bei uns Unterschlupf. Ein etwa 17 jähriges (Bund Deutscher Mädchen) Mädchen wollte mit einer Panzerfaust die von Wernstedt aus eindringenden amerikanischen Truppen beschießen. Sie war fanatisiert von der Propaganda der Nationalsozialisten. Meine Mutter redete mit Engelszungen auf sie ein und machte ihr klar, dass das unser aller Tod bedeuten würde. Sie konnte sie davon abhalten.
Als die kämpfende Truppe unser Schloss erreichte,mußten wir uns alle, alte Männer, Kinder und Frauen in einem Raum des Schlosses versammeln. Neben mir saß mein Onkel, der ohne Gehör geboren war und deshalb nicht in den Krieg mußte. Die amerikanischen Soldaten fragten ihn etwas. Er konnte natürlich nichts hören und sie zerschlugen ein Bild hinter ihm, weil sie dachten, er wäre renitent. Das machte mir alles große Angst.
Tage später , wir Kinder spielten gerade in einer Scheune, sahen wir schlafende amerikanische Soldaten im Stroh liegen. Flaschen drum herum. Wir verschwanden aus der Scheune. Später kamen sie in unser Haus und meine Mutter fand die Situation auch wegen meiner Schwestern , neunzehn und einundzwanzig Jahre alt, gefährlich. Sie mußten sich verstecken. Die Amerikaner waren betrunken. Sie zogen aber ab, nachdem meine Mutter ihnen eine Flasche Congnac gegeben hatte. Einer von ihnen zerschlug dann mit seinem Gewehr eine Fensterscheibe am Schloss vor dem Saal. Ein Schuß löste sich, traf ihn und er war , wie wir am nächsten Morgen feststellten, tot.
Meine Mutter informierte sofort den amerikanischen Kommandanten. Ich glaube er hieß Captain Meiners. Er sprach fließen Deutsch. Er drohte, wenn wir den Soldaten erschossen hätten, würde er Calbe in Schutt und Asche legen. Meine Mutter erklärte ihm die Situation und sagte , sie würde die Begleiter des Toten erkennen.. Der Captain nahm meine Mutter mit nach Peine (bei Hannover) , dort mußte die Kompanie antreten und meine Mutter fand die Begleiter unter den Soldaten heraus. Sie waren einschlägig , ich denke , als Alkoholiker und als undiszipliniert bekannt. Calbe wurde nicht zerstört . ( Diese Geschichte habe ich schon einmal erzählt und stand in der Altmarkzeitung).
Die US-Armee wollte möglichst schnell nach Tangermünde an die Elbe. Calbe war für sie uninteressant, bis auf den Goliath, die riesige Funkstation für deutsche U-Boote, deren Funkmasten ich immer sah, aber ich wußte mit fünf Jahren natürlich nicht, welche Bedeutung die Anlage hatte. Der Goliath, leistungsstärkster Langwellensender seiner Zeit, wurde im Mai 45 ein großes Gefangenenlager der Amerikaner. Soweit ich mich erinnere, waren zehntausende deutsche Soldaten dort auf den Wiesen für kurze Zeit eingesperrt. Die Gefangenen froren, es gab nicht genug Unterkünfte auf den Goliathwiesen und die Amerikaner hatten Schwierigkeiten , genug Nahrung herbei zuschaffen. Noch hatten sie andere Prioritäten. Die Sendeanlage war für die deutsche U-Bootflotte kriegswichtig, wurde aber von den Allierten im Krieg nicht zerstört- sonst wäre Calbe vielleicht auch total zerbomt worden- weil die Allierten den Funkverkehr abhören wollten und weil der Goliath als gut sichtbare Wegmarke für die Bomber nach Berlin diente. Bessere Navigationsmöglichkeiten als auf Sicht zu fliegen gab es damals kaum. Die spätere russische Besatzung baute die Sendeanlagen ab und in der Sowjetunion wieder auf. Der russische Kommandant in Calbe- ein Georgier- holte sofort unser Klavier ab. Er stahl es. Es sei ihm verziehen, er war wohl musikalisch. Andere Russen beraubten meine Großmutter, nahmen ihr den Armschmuck weg und entfernten aus dem Schloss Wappenstühle sowie die Standuhren. Meine Schwester sah sie auf dem Bahnhof. Sie wurden wahrscheinlich nach Russland transportiert. Unsere Köchin , Elise Wichmann, sie hat mich noch nach der Enteignung, wenn ich sie in der Schlossküche besuchte, verpflegt, mußte für die Besatzer Spiegeleier braten.
Auf die Amerikaner folgten englische und ich glaube auch kurze Zeit belgische Soldaten.
Die Engländer habe ich in bester Erinnerung. Ich stand an unserem Karpfenteich , gleich hinter dem heutigen Rehabilitationsgebäude und suchte Pilze. Steinpilze wuchsen dort. Es kamen plötzlich englische Soldaten vorbei, sie sahen mich und vielleicht meine etwas ängstlichen Augen. Einer kam zu mir und brachte mir ein großes Stück Schokolade. Ich habe es nie vergessen. Dieses kleine Erlebnis hat mich für die Engländer eingenommen.
Die Russen kommen
Am 1. Juli kamen die Russen. Die Altmark wurde getauscht gegen Westberlin, so hieß es damals. Die Engländer zogen ab und boten uns zwei Lastwagen an, damit wir mit ein wenig Hausrat nach Westen fliehen konnten. Sie wußten oder ahnten, was kommen würde. Aber wir blieben.
Ich stand an der Neuendorfer Chaussee in unserem Park und beobachtete den langen Zug von russischen Panjewagen, die an der Wassermühle vorbei Richtung Calbe fuhren. Die Russen waren offensichtlich hungrig. Sie gingen zum Burggraben und zu unserem Karpfenteich, warfen Handgranaten hinnein, holten die getöteten Fische heraus und aßen sie roh mit etwas schwarzem Kommissbrot. Viele Jahrzehte später nach der Wende auf einer Radtour durch den Spreewald, erzählte mir jemand, dass die russischen Soldaten sich immer selbst versorgen mußten. Einen Offizier ,der für die regelmäßige Versorgung zuständig war, gab es wohl nicht.
Im Juli bis zum September merkten wir nicht viel von den Russen. Im heutigen Rathaus wurde ein Lazarett eingerichtet. Einige Russen starben in Kalbe, ich vermute an schweren Infektionen oder Typhus und sind auf dem alten Friedhof begraben. In den Wipfeln der Bäume nistet im Frühjahr eine Krähenkolonie. Heute befindet sich neben dieser Grabstelle eine Gedenktafel an die Toten der Familie von Alvensleben, die mein Onkel Ludolph von Alvensleben nach der Wende eingerichtet hat. Ganz in der Nähe liegen auch die Schildtschen Töchter (Eugenie und Schwester) begraben. Die eigentlichen alvenslebenschern Gräber haben die Kommunisten zu DDR- Zeiten zerstört und eine Tankstelle darauf errichtet. Ein ehemaliger Klassenkamerad aus Kalbe hat mir von dieser Grabschändung berichtet. Es kam eine Art Ritterrüstung zum Vorschein, denn Alvenslebens lebten über 500 Jahre in Kalbe bis sie im Oktober 1945 enteignet und vertrieben wurden.
Die Enteignung
Die Goßlers erlitten das gleiche Schicksal. Anfang Oktober 1945 wurde uns schriftlich mitgeteilt (unterschrieben von Ofensetzer Nieverth, dem damaligen Bürgermeister) ,
dass wir enteignet seien, den Ort verlassen müßten und nur für jede Person ein Bett, ein Löffel usw mitnehmen dürften. Für meinen Vater , der seit der Kesselschlacht um Stalingrad noch in Gefangenschaft war- wir wußten nicht, ob er noch am Leben war- durften wir nichts mitnehmen. Morgens kam ein Leiterwagen, der uns abtransportierte. Es ging nach Wernstedt etwa 4 km westlich von Calbe.
Die Enteigneten mußte den Kreis verlassen und Wernstedt lag in einem anderen Kreis (Gardelegen) als Calbe (Salzwedel). Ehe wir morgens unser Gut verliessen, gab es in der Küche Schokoladensuppe . Man könnte sagen, das war die Henkersmahlzeit.
Nicht nur Alvenslebens und wir wurden enteignet, sondern alle Bauern , die mehr als hundert Hektar (Gut II war zu der Zeit 160 Hektar groß) ihr Eigentum nannten und teilweise Jahrhunderte bewirtschaftet hatten.
Wir lebten in Wernstedt schräg gegenüber der Kirche, meine Großmutter mit meinem gehörlosen Onkel – dem älteren Bruder meines Vaters- 200 Meter von uns entfernt.
Ich höre sie immer wieder sagen:“ Das wird sich alles wieder ändern“ Meine Mutter schaute sie ungläubig an, aber sie hatte recht. Im Jahre 1989 nach 44 Jahren, änderte sich alles.

Nicht mehr auf dem Gut
Ich war 1945 sechs Jahre alt und schulpflichtig. In Wernstedt gab es keine Schule für mich. Also bat meine Mutter den Bürgermeister von Calbe , ob wir nicht wieder zurückkommen könnten, damit ich eingeschult werden könnte. Wir durften und zogen zu meiner Patentante Minna Müller in der Salzwedelerstrasse 17 . Heute heißt diese Strasse Ernst Thälmannstrasse.
Minna Müller war die Schwester von Julius Müller. Julius Müller war später mein Lehrer in der Volksschule. Er hatte eine große Sammlung von Steinbeilen aus der Steinzeit, die er in der Umgebung Calbes (Königsgraben , Secantsgraben) gefunden hatte. Er unterrichtete Geschichte. Diese Familie Müller war in Calbe prominent. Ein Bruder war evangelischer Bischof. Die Namen meiner Lehrer . Dröscher, Herper, Teidtge, Jenrich, Daenert, Feske und der Direktor Lübcke fallen mir sofort ein. Sie waren alle sehr freundlich zu mir. Jedenfalls mußte ich nicht leiden in der Schule, obwohl meine Familie doch zu den „Gebranntmarkten“ gehörten in der kommunistischen Welt. Der bekannte Schauspieler Manfred Krug , der gerade gestorben ist, hörte ich neulich im Fernsehen sagen, er hätte gern in der DDR gelebt. Alle seien gleich gewesen und gleich arm. Das stimmt nicht. Wir waren noch ärmer und vollkommen ungleich, eine diskriminierte Schicht der Bevölkerung.
Wir lernten Russisch in der Schule. Ein Satz aus unserem Lehrbuch ist mir seltsamerweise nicht entfallen. Kot na schemodanje. Heißt: der Kater sitzt auf dem Koffer. Später habe ich Russisch richtig gelernt, weil eine meiner Tätigkeiten (Erdgasgeschäft bei Shell), mich nach Sachalin hätte führen sollen. Es wurde nichts daraus, aber ich kann heute einigermaßen Russisch sprechen. Eine sehr schöne und sehr schwierige Sprache.
Ich war in Calbe kein guter Schüler, da ich kaum Schularbeiten machte.
Ich erinnere mich, dass wir zu Stalins Geburtstag immer eine Karte mit Glückwünschen an den Genossen in Moskau unterschreiben sollten. Ich habe das nie getan, sondern schob die Karte weiter. Kein Lehrer hat mich je verpetzt. Aufsätze mußten wir schreiben und begründen, warum die ehemals deutschen Gebiete jenseits Oder/Neiße polnisch bzw russisch sein müssen. (Ausnahme Stettin, diese Hafenstadt hätte die DDR gern gehabt) Das Saarland hingegen - von den Franzosen annektiert- sei deutsches Gebiet und müsse zurückgegeben werden. Diese Sprachregelung mußte in den Aufsätzen stehen , sonst bekam man eine schlechte Note. Ich war natürlich nach der kommunistischen Ideologie der Sohn eines Junkers und Ausbeuters. Ich kann mich nicht entsinnen, ob ich das einmal schreiben mußte.
1946 kam eine Karte von meinem Vater aus der Gefangenschaft , aus Stalingrad.
Die Calbenser wußten vor uns, dass mein Vater noch lebte. Es waren Klappkarten mit dem Roten Kreuz und dem Halbmond darauf. Der Postbote konnte die Karte lesen und hat dies sicher getan. In Calbe kannte jeder jeden.
Inhaltsreiches konnte mein Vater – er war Hauptmann der Reserve - nicht schreiben, aber er hatte die furchtbare Schlacht von Stalingrad überlebt. Er sollte noch lang (bis 1954) in der Sowjetunion bleiben müssen.Was mein Vater erdulden mußte – von Hitler zum Tode verurteilt mit Führerbefehl und zwölf Jahre Gefangenschaft in Russland –bewegt mich mehr und mehr, je älter ich werde.
Wir, meine Mutter, meine jüngste Schwester und ich, lebten sehr kümmerlich bei Minna Müller in der Salzwedelerstrasse 17 (zwei Zimmer, Gaslicht). Gehungert haben wir, meine Mutter bettelte um Milch bei den Bauern, die nicht enteignet waren. Im Winter 46/47 war es sehr lang eisig kalt, Krähen lagen erfroren in Astgabeln. Eine harte Zeit. Bekam man Lungenentzündung, konnte man sterben. Infektionen konnten in der Regel noch nicht mit Antibiotika bekämpft werden. Ich bekam eine Blutvergiftung und weil die Gemeindeschwester Prontosil, ein Sulfonamid, besorgen konnte, wurde ich schnell wieder gesund.
Das Herumstromern in Calbes Natur mit den Schulfreunden habe ich in schönster Erinnerung, trotz allem. Ich kannte jede Ecke und Pflanze , jedes Tier und so geht es mir heute noch, wenn ich nach Kalbe komme. Sogar die große Trappe bekam ich auf der Rehhorst, hinter unseren Wiesen, zu sehen. Noch heute kann ich am Gesang der Vögel erkennen , um welche Spezies es sich handelt. Die verschieden Rabenvögel hatten es mir besonders angetan. Nach der Wende nahm ich eine junge Saatkrähe , die in „unserem“ Park aus dem Nest gefallen war,mit nach Hamburg. Wir zogen sie mit Hundefutter groß. Es sind bekanntlich kluge Vögel.
Schwarz über die Zonengrenze
Schließlich brach in Calbe die sogenannte russische Krätze aus. Es war keine eigentliche Krätze, die durch Parasiten ausgelöst wird, sondern wir Kinder waren so verhungert, dass Mangelerscheinungen auftraten. Wunden heilten nicht mehr; aus Eiweißmangel wahrscheinlich. Es wurde entschieden, dass meine jüngste Schwester und ich in den Sommerferien in den Westen mußten, wo es damals schon wieder genug zu essen gab, jedenfalls Butter (Fett) und Eiweiß in Form von Milch.
Meine älteste Schwester , die inzwischen am Bodensee bei unseren Verwandten lebte, holte uns ab und wir gingen schwarz, wie man das nannte , über die Zonengrenze in die britische Zone nach Süschendorf bei Lüneburg. Der Hinweg über Salzwedel und zu Fuß weiter in Richtung Lüneburg ging glatt. Kein Russe oder Volkspolizist hielt uns auf. Erlaubt war das Überschreiten der Zonengrenze natürlich nicht. Man brauchte Papiere um zu reisen. Diese bekam man nicht ohne weiteres. Das „schwarz“ über die Zonengrenze gehen war die Regel. Es wurde auf diesem Weg auch ein lebhafter Tauschhandel betrieben.
Kaum waren wir eine Woche in Süschendorf bei Bekannten auf einenm Gut, wo es morgens immer Milchsuppe gab, waren meine Wunden an den Beinen verheilt. Ausflüge wollten wir machen , an die Elbe um dort zu baden. Aber das war unmöglich. Es herrschte Kinderlähmung und eine Impfung dagegen gab es noch nicht. Die Ansteckungsgefahr war zu groß.
Wir mußte zurück nach Calbe in die russische Zone. Wiederum ein „schwarzer“ Grenzgang. Wir fuhren in die Nähe von Lüchow mit der Bahn und gingen von dort zu Fuß in Richtung Salzwedel. Irgendwo dazwischen auf einer Wiese stand ein bewaffneter Russe und hielt alle Schwarzgänger, wir waren nicht allein- vielleicht ein Fehler- auf. Wir mußten uns auf die Wiese setzen. Meine Schwester , fünfzehn Jahre älter als ich, sie hätte meine Mutter sein können, wollte nicht warten. Sie bat mich, laut zu weinen. Wir gingen zu dem jungen Russen. Er sah meine Angst, die sich inzwischen bei mir auch eingestellt hatte und er ließ uns gehen. Bald waren wir in der Nähe Salzwedels. Ein Volkspolizist kam uns entgegen und wollte uns aufhalten. Das war zu viel für meine Schwester. Dem Russen entkommen und nun sollten wir von einem deutschen Polizisten aufgehalten werden. Das kam nicht infrage. Meine Schwester schnautzte den Polizisten an:“ Der Russe läßt uns durch und sie wollen uns aufhalten, kommt nicht infrage“ und wir gingen unbelästigt weiter bis Salzwedel. Am Bahnhof Salzwedel kamen wir nicht weiter. Wir übernachteten in einem leeren Eisenbahnwagon und fuhren am nächsten Tag mit der Kleinbahn nach Calbe.
Die Versorgungslage in Calbe war weiterhin sehr schwierig für uns, aber auch für viele Calbenser. Bernhard Baas, ein Bauer der unter 100 Hektar bewirtschaftete und deshalb nicht enteignet worden war, half uns. Wir bekamen Kartoffeln und einmal sechs Zentner Zuckerrüben. Diese wurden gewaschen, zerschnitten und in etwas Wasser solange gekocht, bis nur noch Sirup übrig blieb. Der Brotaufstrich für den Winter war gerettet. Ich sammelte Pilze und entwickelte mich immer mehr zum Pilzexperten. Mein Schulfreud in Calbe, Sohn einer Flüchtlingsfamilie aus dem Sudetenland, meinte sogar, man könnte auch Teufelspilze, sie sehen fast aus wie Steinpilze nur rötlicher, essen, wenn man sie nur lange kochen würde.
Das habe ich nicht gewagt. Aber Steinpilze, Champignons und Pfifferlinge und auch Birkkenpilze gab es in „unserem“ Park in Calbe hinter dem Schloss und an der Lindenalle in Richtung Calbe..
So überlebten wir die Hungerjahre. Man ging auch Felder stoppeln, so hieß das. Die abgeernteten Kornfelder und Kartoffelfelder wurden nach Ähren und Kartoffeln abgesucht. Die Ähren wurden per Hand gedroschen und in einer Kaffeemühle gemahlen. Das Brot schmeckte köstlich. Geholfen haben auch entbitterte Eicheln. Wie wir sie entbittert haben, weiß ich nicht mehr. Es gab ein Verfahren. Diese entbitterten Eicheln wurden gemahlen und auch teilweise zur Herstellung von Ersatzkaffee benutzt. Der gebrauchte Kaffeesatz wurde dann noch als Mehl zum Kuchenbacken genutzt. Es durfte nichts verkommen. Die fast aufgegessenen Äpfel, also den Apfelgriepsch , das Gehäuse, habe ich für meine Mutter aufgehoben , Sie bat darum und aß diese Griepsche, wie wir sie nannten. Heute , im Jahre 2016, klingt das alles unglaublich.
Eines morgens kam ein russischer Offizier zu meiner Mutter. Er fragte verdeckt , ob sie nicht Nachrichten aus dem Westen liefern könnte. Er fragte nicht direkt, aber meine Mutter verstand, was er wollte. Der KGB (NKWD?) oder wie die Spionageorganisation der Sowjets damals hieß, wußte, dass wir zahlreiche Verwandte im Westen hatten. Ein Bruder meiner Mutter, Graf Hardenberg, war Vermögensverwalter, heute heißt das Controller, beim Fürsten Fürstenberg mit einem Büro in Überlingen am Bodensee. Er hatte diese Funktion schon vor dem Krieg. Darüber hinaus war sein Sohn, mein Vetter, mit einer Fürstenberg Tochter
verheiratet. Die Russen wußten natürlich auch, dass mein Vater in Stalingrad in Gefangenschaft war. Meine Mutter fragte den Offizier, ob er verheiratet sei, was er bejahte und fragte weiter, was er davon gehalten hätte , wenn ein deutscher Offizier in der Sowjetunion seine Frau gebeten hätte, für die Deutschen zu spionieren. Daraufhin verließ er unsere Wohnung in der Salzwedelerstrasse.
Die Flucht
Jetzt war es höchste Zeit, die DDR zu verlassen. Hinzu kam , dass es für mich in der DDR keine weiterführende Schule gegeben hätte. Ich war kein Arbeiterkind, schlimmer noch Kind eines Junkers. Diese Sorte Mensch hatte unter Kommunisten kein Recht auf höhere Bildung. Das stand in keinem Gesetz, aber es war die Realität.
Heimlich mußte die Flucht nach Westen geplant werden. Mitnehmen konnten wir fast nichts. Die wenigen silbernen Löffel und Gabeln, die wir trotz Enteignung gerettet hatten, wurden per Paket zu unseren Verwandten an den Bodensee geschickt. Meine Mutter schrieb als Adresse auf die kleinen Pakete „ An Frau Gr. Hardenberg“. Ich bin überzeugt, dass auch in der Post spioniert wurde, überall arbeiteten Spitzel des Geheimdienstes der DDR, später Stasi. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie nicht merkten, was vorbereitet wurde. Aber man verriet uns nicht. Eine Kiste mit Silber blieb bei Minna Müller auf dem Dachboden in der Salzwedelerstrasse. Nach der Wende war sie unauffindbar. Man hat sie uns gestohlen. Ich glaube noch nicht einmal in böser Absicht. Es war unmöglich , sie uns zukommen zu lassen. Unser Wappen ist darauf eingraviert, drei Rosen. Unten zwei , oben eine Rose. Es hieß immer Goßlers stehen auf zwei Beinen ,sprich Rosen. Dieses Wappen findet sich auch in der Kalbenser Kirche an der Prieche, neben der alvenslebenschen Empore, gegenüber der Kanzel. Neben dem Schloss eine letzte Erinnerung an Goßlers in Kalbe.
Im März 1951, der Koreakrieg hatte ein paar Monate vorher begonnen, war es soweit. Meine Mutter hatte mich bei Herrn Daenert, meinem Klassenlehrer, für ein paar Tage abgemeldet. Es durfte nicht auffällig sein, dass wir eine Reise unternahmen. Auch in diesem Eall bin ich sicher, dass Herr Daenert, der übrigens ein Klassenkamerad meiner ältesten Schwester war, Bescheid wußte, aber uns nicht verriet. Das Menschenrecht, seinen Wohnsitz frei im eigenen Land zu wählen, gab es für die meisten Menschen in der DDR nicht. Für uns schon gar nicht.
Meine Mutter fuhr nach Berlin und begab sich in ein Flüchtlingslager. Ich fuhr mit meiner dreizehn Jahre älteren Schwester, die unerlaubterweise den Interzonenzug Hannover- Berlin in Magdeburg verlassen hatte, um mich und meine jüngste Schwester in Calbe abzuholen, wieder nach Magdeburg. Wir stiegen dort in den Interzonenzug nach Hannover. Alles geschah soweit ohne Kontrollen, unser Glück. In Helmstedt wurden wir von einem Russen kontrolliert, der die fehlenden Stempel monierte. Es hätte alles in Westberlin abgestempelt werden müssen. Wir kümmerten uns nicht darum und gingen unter Protest des Russen- er rief stoi, stoi, geschossen wurde damals selten- weiter in den Westen.
Meine Mutter , flog von Westberlin nach Hannover. Ich traf sie wieder in einem Füchtlinglager in Baden. Flüchtlinge wuden damals auf verschiedene Bundesländer verteilt. Wir lebten dort in Nissenhütten. Wohnraum war knapp, vieles zerstört, der Aufbau hatte kaum begonnen. Es gab genug zu essen, das war es. Da mein Onkel am Bodensee für uns garantierte, durften wir, Gott sei Dank, nach Überlingen an den Bodensee ziehen. Ein Paradies für uns: der See , die liebliche Landschaft, das Alpenpanorama. Nichts war zerstört und die Kommunisten waren weit weg. Wir waren frei. Noch heute fahre ich mit meiner Frau, den Kindern und Enkeln zweimal im Jahr dorthin. Dennnoch waren wir Flüchtlinge, Fremde und ich hatte meine Heimat -das wußte ich damals natürlich nicht- für immer verloren.
Fast 40 Jahre Jahre sollte es dauern, bis ich mit meiner Frau und den Kindern wieder nach Kalbe kam. Alles drängte mich, meine Heimat den Kindern zu zeigen. Inzwischen lebten wir in Hamburg , nachdem wir fast die ganze westliche Welt kennengelernt hatten. Wir lebten und arbeiteten in Holland, England und Nigeria und lernten Land und Leute kennen. Ich habe nach dem Studium der Volks– und Betriebswirtschaft in Hamburg, Saarbrücken und Toronto, bei einem in der ganzen Welt tätigen Unternehmen im Erdgasgeschäft und anderen Bereichen gearbeitet (Shell). Das ist eine eigene Geschichte.
Mai 1989: Erste Reise nach Kalbe
Im Jahre 1989 kam Hamburg, nach Gesprächen des Hamburger Bürgermeisters Voscherau mit Honecker in den sogenannten grenznahen Kreis und wir konnte einen Tagespassierschein für die „Zone“ - wie unser Sohn sagte – erhalten. Das Wort Zone hielt sich sehr lange im Westen. Ich wollte unseren Kindern unbedingt zeigen, was real existierender Kommunismus oder Sozialismus bedeutet. Und sei es auch nur für einen Tag. Sie sollten auch etwas über Goßlers in der Altmark erfahren und sehen, was in Zichtau und Kalbe noch an uns erinnert .
Im Mai 1989 fuhren wir über Bergen/Dumme in die Altmark. Sehr früh sind wir aufgebrochen in Hamburg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Hinter Bergen/Dumme begannen die Grenzzkontrollen der DDR. „Wo wolln se denn hin“ war die erste Frage des Grenzers.
Meine Antwort:“Zum Schluss nach Kalbe“. Er mißverstand mich (bewußt?) und antwortete , ein Schloss gäbe es dort nicht. Ich verstand sofort, er war vorbereitet, wußte genau wer wir waren und dachte wohl, wir wollten „unser“ Schloss besuchen. Zweite Frage: „Wen wollen Sie denn besuchen“. Ich überlegte und antwortete Hermann Reifgerst- einer meiner früheren Klassenkameraden in Kalbe. Antwort des Grenzers: „Der lebt nicht mehr, ist an Lungenentzündung gestorben“. Ich hatte seit fast 40 Jahren keinen Kontakt mehr zu Hermann, meinem Schulfreund, und sah den Grenzer wohl etwas erstaunt aber unwissend an..
Meine erste Begegnung in Kalbe war dann Hermann Reifgerst, er war höchst munter.
Mir wurde klar , das waren alles Fangfragen , die mir an der Grenze gestellt wurden. Hätte ich gesagt , das stimmt nicht , Hermann lebt, hätte der Stasi-Mann gewußt, dass ich Kontakt zu meinem Freund aus Kalbe gehabt hätte.
Wir hielten erst in Zichtau und besuchten die Goßlerschen Gräber an der Kirche. Dann fuhren wir über Engersen nach Kalbe durch das Gardelegener Tor. Ich erkannte alles wieder. Kaum gab es Veränderungen. Kein Mensch war auf den Straßen. Alles war grau. Ich bekam einen Schreck. Ich war nie in Sibirien, aber das Wort kam in mein Gehirn. In Kalbe klopfte ich auch bei Hasso Mattmann, ebenfalls ein Klassenkamerad von mir. Er schickte seine Frau in den ersten Stock. Begegnungen mit Menschen aus dem Westen waren nicht erwünscht oder erlaubt, sagte er uns. Wir tauschten Erinnerungen aus und verließen sein Haus nach hinten über die kleine Milde. Das führte dazu, dass die Stasi unsere Spur verlor. Jedenfalls berichtete mir Hasso Mattmann nach der Wende, dass er damals zur Polizei (Stasi) nach Gardelegen mußte und sie fragten ihn, wo wir denn zwischen 14 und 15 Uhr gewesen seien.
Wir wurden also beobachtet. Ich habe nichts davon bemerkt. Wir besuchten Frau Kohlhoff in der Gerichtsstrasse, Tochter von Frau Fiebig. Herr Fiebig, war zu Lebzeiten Theologieprofessor in Leipzig. Frau Kohlhoff, in Leipzig aufgewachsen, hatte deshalb einen sächsischen Tonfall in ihrer Stimme. Den hörte man damals im Westen fast nie. Frau Kohlhoff freute sich sehr über unseren unangekündigten Besuch.
Dann ging es weiter zu „uns“. Das Schloss war in einem erbärmlichen Zustand. Hinein konnten wir nicht. Wir gingen über den Hof- nur noch Reste des Jungviehstalles und des Kuhstalles waren sichtbar- dann weiter zur Rehhorst. Dort stehen, wie ein Tor, zwei Kastanienbäume. Einst mein Stromergebiet zu Kinderzeiten. Dort aßen wir unser mitgebrachtes Brot, denn ein Lokal, das für uns geöffnet war, fanden wir nicht. Es fanden gerade Jugendweihen statt und die wenigen Speiselokale in Kalbe waren für uns geschlossen . Das viele Zwangsumtauschgeld, ich glaube es waren pro Person 20 Ostmark, konnten wir nicht ausgeben.
Wir besuchten die Burg und trafen auf dem Burgturm den Sohn vom früheren Bürgermeister Nieverth. Er fragte uns , wo wir denn herkämen, wußte aber genau , wer wir waren. Auch die Familienverhältnisse meiner Frau- mit Mädchennamen Albrecht- eine Kusine vom damaligen Ministerpräsidenten Albrecht in Niedersachsen- kannte die Stasi. Dies hat mir Hasso Mattmann erzählt, der die Verwandtschaftsverhältnisse so ohne weiteres gar nicht wissen konnte. (Hatte die Stasi im Bremer Einwohnermeldeamt Spitzel sitzen?)
Wir besuchten den Pfarrer (Neumann), der uns von der Konkurrenzveranstaltung Jugendweihe erzählte.
Gegen Abend verließen wir Kalbe und fuhren nach Wernstedt. Dort suchten wir das Grab meiner Großmutter und fanden es neben der Kirche auf dem Friedhof. Jedenfalls fanden wir die Grabplatte. Sie lehnte an einer Mauer. Eine Bewohnerin Wernstedts zeigte uns die Grabstelle und wir legten die Grabplatte wieder auf das Grab meiner Großmutter. Dort liegt die Platte heute noch.. Meine Großmutter starb 1961. Ein Begräbnis in Zichtau auf dem Goßlerschen Friedhof neben ihrem Mann wurde nicht erlaubt. So wurde sie in Wernstedt begraben. Wir konnten nicht kommen, da meine Mutter es für zu gefährlich hielt. Auf der Fahrt nach Salzwedel hinter Kakerbeck, dem längsten Straßendorf der Welt, wie ich es nenne, blinkten uns die Autos ständig an. Ich dachte, das ist eine Warnung, irgendwo kontrolliert die Polizei die Geschwindigkeit. Das war aber nicht der Fall. Man begrüßte uns durch das Blinken . Ein Westauto kam auf dieser Strecke wahrscheinlich nicht so oft vor. Das waren die ersten Zeichen für eine Wiedervereinigung. Aber soetwas kam mir im Mai 1989 absolut nicht in den Sinn. Wir näherten uns der Grenze. Die erste Kontrolle. Ich musste aussteigen. Der DDR Grenzer:“ Machen sie mal die Rückbank hoch“. Wir wussten, dass so etwas kommen würde. Es war bekannt, dass Flüchtlinge sich manchmal unter der Rückbank versteckt hatten und deshalb alles untersucht wurde.
Ich hatte keine Ahnung ,wie man die Rückbank unseres Auto hochklappen oder rausnehmen könnte. Meine Frau kannte meine handwerkliche Ungeschicklichkeit und fürchtete, dass ich keinen Erfolg haben würde. Der Polizist klopfte ungeduldig auf das Auto. Ich bat ihn schließlich , mir doch zu helfen. Er sagte irgendetwas von „ ich würde mal zum Werkzeugkasten gehen“. Schließlich konnte ich die Rückbank runterklappen. Weiter ging es.
Wir wurden ein letztes Mal nach ca 100 Metern kontrolliert und dann waren wir wieder in Niedersachsen. Ein Gefühl der Freiheit überkam uns.
Die Wende
Es vergingen ein paar Monate. Ich wollte wieder einen Antrag für einen Tagesausflug nach Kalbe stellen. Das Wunder trat ein. Keiner hatte dran geglaubt, jedenfalls im Westen nicht.
Die DDR ging unter. Die Bürger befreiten sich selbst vom Joch der Kommunisten , die sich Sozialisten nannten.
Ich war damals Chefvolkswirt der Shell in Deutschland und hielt mich ab und zu in London bei der Muttergesellschaft auf. (Die Shell ist kein amerikanisches Unternehmen, sondern ein holländisch/britisches)
Der damalige Bundeskanzler Kohl hatte gerade seinen 10 –Punkte Plan veröffentlich, der eine Vereinigung erst nach einer langen Übergangszeit als Konföderation vorsah. Die Reaktion einiger britischer Kollegen war schieres Entsetzen. Niemals dürften die beiden deutschen Staaten zusammen gehen, dachten und sagten sie. Ein Mißtrauen gegenüber Deutschland war tief verwurzelt. Churchill hatte die Deutschen folgendermaßen charakterisiert: Entweder liegen sie dir zu Füßen, oder du hast sie an der Gurgel. Der erste und zweite Weltkrieg wirkten immer noch nach. Das Recht auf Selbstbestimmung konnte man nicht verneinen, man hatte es immer wieder betont, aber ein vereintes Deutschland machte sowohl vielen Engländern als auch sicher anderen Völkern Angst. Der französische Präsident sprach in Weimar sogar von Goethe als einem DDR-Dichter. Einzig der amerikanische Präsident, der ältere Busch, sagte, dass der weitere Verlauf der deutsch deutschen Zusammenarbeit Sache der Deutschen sei.
Ich hielt es damals für klug zu schweigen, wurde auch von meinen Kollegen aus aller Welt gar nicht gefragt. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen als eine schnelle Wiedervereinigung. So kam es dann. Ich war immer ein „ Gesamtdeutscher“ geblieben , allerdings nach langem Berufsleben in mehreren Ländern international geprägt.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich wieder nach Kalbe fuhr. Ich glaube , es war im Frühjahr 1990. Ich besuchte meinen früheren Spielkamerad Hermann Reifgerst und wir gingen über „unsere“ Felder. Er sagte, bald gehört euch dies wieder. Ich war innerlich skeptisch, aber es kribbelte in meinem ganzen Körper. Kalbe war meine Heimat. Ein anderer alter Klassenkamerad meinte :“Was willst du eigentlich hier. Du hast doch alles in Hamburg.“
Es wurde auch ein Klassentreffen veranstaltet in Kalbe bei Jägers am Kriegerdenkmal. (Es muß Krügerdenkmal ausgesprochen werden, denn die Kalbenser sagen auch Kürche und nicht Kirche) Auf dem Klassentreffen schlug jemand vor , wir sollten berichten, wie es uns in den vergangenen 40 Jahren ergangen sei.. Dies wurde sofort von einigen abgelehnt. Ich habe erst später verstanden warum. Zuviel war passiert in DDR-Zeiten.
Noch ehe klar war, dass wir ein zweites Mal enteignet würden, diesmal von der Regierung Kohl und nur die Mobilien wieder erhalten sollten, die es allerdings in der Regel nicht mehr gab, oder irgendwo verteilt in Haushalten schlummerten. Wie sollte es auch anders sein nach fast 50 Jahren. „In großer Güte“ hat uns das Verfassungsgericht einen sogenannten Ausgleich zugesprochen., der in unserem Fall ca 5 Prozent des Marktwertes des Ackerlandes und der Wiesen in Kalbe entsprach. Wir haben auch das Recht erhalten, bestimmte Flächen zu einem „rabattierten“ Preis wiederzukaufen, was mein Sohn in Zichtau getan hat. In Kalbe gab es keine zusammenhängenden Fläche, alles war aufgesiedelt. Die Siedler waren eigentlich keine Eigentümer. Modrow hat sie kurz vor der Wiedervereinigung zu Eigentümern gemacht.
Die Nachwendezeit und einige suspekte Umtriebe
Inzwischen war in Kalbe eine sogenannte Kurgesellschaft gegründet worden. Kalbe mußte entwickelt werden und man wußte , dass im Untergrund Sole bzw. warmes Wasser vorhanden sein müßte. Dies war durch die zahlreichen Bohrungen nach Öl und Erdgas in dieser Gegend bekannt .
Ein findiger Mann aus Kalbe mit beachtlichem Organisationstalent hatte sich der Sache angenommen. Mein Onkel Ludolph von Alvensleben als auch ich wurden eingeladen , in einem Kuratorium „ehrenhalber“ mitzuarbeiten. Wir willigten nach einigem Zögern – weil wir nicht wußten, wir wir helfen könnten - ein. Im Kuratorium saßen auch der erste Ministerpräsident von Sachsen- Anhalt, Dr Gies, Hartmut Perschau (auch einmal Bürgermeister Kandidat in Hamburg) und zeitweilig sogar Uwe Seeler (man fragt sich warum!) und noch viele andere Ortsansässige ,wie z. B. der Landrat vom Kreis Gardelegen und sein Rechtsberater.
Ich glaube , man hat uns damals in den Kreis der „Berater“ aufgenommen, weil noch nicht klar war, was aus unserem, von den kommunistischen Behörden 1945 gestohlenem Eigentum ,werden würde. Unterschwellig war wohl jedem klar, dass man Eigentum nicht einfach in einem Rechtsstaat wegnehmen kann. Heute weiß ich: man kann. Fragt sich nur , ob dies ein Bruch der Rechtsstaatlichkeit war. Das Grundgesetz mußte erst geändert weden. Ein späterer Bundespräsident, damals noch Richter hat hier mitgewirkt. Aber ca 100 Abgeortnete des Bundestages haben gegen die Änderung gestimmt. Die Regierung Kohl hat behauptet, die Russen würde ein Rückgabe des enteigneten Landes nicht dulden. Wenn man es dennoch täte , wäre die Wiedervereinigung in Gefahr. Eine Zwangslage wurde so vorgetäuscht.
Nie hat jemand verlangt, dass inzwischen bebaute Flächen zurückgegeben werden sollten. Man kann fast 50 Jahre DDR nicht alles wieder rückgängig machen. Aber das Land und die Häuser in staatlicher Hand hätte man den vertriebenen Eigentümer wieder zurück geben können. Wir mußten es zurückkaufen. Es erkläre mir mal einer, warum das die Russen geduldet haben. Es sieht vielmehr so aus, als ob der damalige Finanzminister eine Einnahmequelle gesucht hat.
(siehe auch die Dissertation von Constanze Paffrath. Sie hat in ihrer Dr-Arbeit an der Uni Duisburg die Machenschaften der Kohl Regierung enthüllt, zum Ärger einiger CDU-Leute))
Zugesagt wurde uns von der Kurgesellschaft ein Wohnrecht, mir im unserem Haus (Schloss) , meinem Onkel Alvensleben in seinem Gutshaus. Ich sah in diesem Moment im Gesicht des Rechtsberaters des Kreises Gardelegen eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich des uns zu gewährenden Wohnrechts. Ein Wohnrecht ist ein sehr strarkes Recht, fast stärker als Eigentum. Ich befragte in dieser Sache einen mir bekannten Rechtsanwalt in Hamburg, der mir sofort sagte, daraus wird nichts. Die Kommune Kalbe – oder der Kreis Gardelegen, das weiß ich nicht mehr- war irgendwann zu DDR-Zeiten Eigentümer des Schlosses geworden und ist nicht ohne weiteres befugt, einer Privatperson ein Wohnrecht einzuräumen.
In einer Beratungspause vor unserem Schloss hörte ich einmal, dass im Schloss eine Bank errichtet werden sollte, nämlich die Bank von Palau . Palau hatte ich schon einmal im Geschichtsunterricht vor vielen Jahren gehört. Palau ist ein Staat im Pazifischen Ozean.
Palau war einmal deutsche Kolonie (bis 1914). Eine seltsame Geschichte.
Ich hörte damals aber auch von einer staatstragenden Person, die es im Kreise der Kurgesellschaft mehrfach gab, den Ausspruch, man solle mit diesen Sachen aufhören.
Erst viel später ging mir ein Licht auf. Beim Umtausch der Ostmark in die D-Mark sind bekanntlich Milliarden verschwunden. Man vermutete Stasimachenschaften dahinter. Handelte es sich bei der Bank von Palau womöglich um gewaschene -oder zu waschende-Stasigelder?
Natürlich spielte das Thema Stasi immer eine Rolle in der Wendezeit, auch in Kalbe.
Mir wurden Unterlagen gezeigt über Berichte von sogenannten Informellen Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR in Kalbe, die über Predigten des Pfarrers in Kalbe die sibyllinische
Botschaft aufschrieben. „ Heute hat der Pfarrer durchaus im Sinne des Sozialismus gepredigt“
Die Unterschrift fehlte! Ich habe aber auch Berichte gesehen von Informellen Mitarbeitern die über andere IMs berichteten: Ist Herr/Frau soundso ein Spion des Westens wurde darin gefragt. Man bespitzelte sich gegenseitig. Ich frage mich heute manchmal, ob man hierüber überhaupt berichten sollte.
Es ist Vergangenheit, verjährt könnte man sagen. Können nachfolgende Generationen hieraus etwas lernen? Vielleicht, ich bleibe skeptisch, da ich sowieso der Skeptischen Generation angehöre.
Nach dem Krieg lehrte in Hamburg ein Soziologe namens Schelsky. Er prägte den Begriff „Skeptische Generation“ auch für meinen Jahrgang. Wir glaubten nichts mehr ohne nachzufragen. Die sogenanten 68-er im Westen Deutschlands haben hier ihre Wurzeln. „Hinter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“ . Ein solches Spruchband zeigte ein Student in Hamburg beim feierlichen Einzug der Magnifizenz und Eminenzen- der Professoren- in die Aula der Hamburger Uni. Damals ein Skandal.
„Unser“ Schloss, es hieß immer Schloss von Goßler, wohl weil es so schlossartig gebaut wurde. Es hat aber auch Elemente einer italienischen Villa, finde ich. Schloss Granitz auf Rügen , viel größer als „unser“ Schloss, wurde zur selben Zeit erbaut und zeigt gewisse Ähnlichkeiten. Es war vielleicht der Stil der Zeit um 1870. Jedenfalls ist es ein Unikum.
Der Schlachthof und Monsieur Salomon
Der findige Kalbenser Mann mit großem Organisationstalent (???), hatte es nach der Wende auch fertiggebracht , einen französische Schlachthof-Industriellen , Monsieur Salomon , nach Kalbe zu locken.
Salomon wollte in Kalbe oder Umgebung einen Schlachthof errichten. Ihn begeisterten die grünen Wiesen um den Ort herum und er dachte wahrscheinlich an die Fleischrinder Rassen La blonde d’Aquitaine oder Charolais , die man in Kalbe und Umgebung grasen lassen könnte. M. Salomon sprach fließend Deutsch. Er hat meinen Onkel Alvensleben und mich und unsere Frauen nach Paris eingeladen. Leider wurde nichts daraus.
Es gab zu viele Schlachthöfe in der DDR und in Deutschland insgesamt. Der Schlachthof wurde nicht gebaut.
Bei einem Besuch in Kalbe , sagte ein Kalbenser zu M. Salomon: „Wir haben hier auch ein Schloss“. Es wurde den Salomons-seine Frau war dabei- alles gezeigt. Zum Schluss sagte Madame Salomon zu ihrem Mann .“Cheri, as tu vu ici un chateau?“ Liebling, hast Du hier ein Schloss gesehen? Also doch kein Schloss? Mit den französischen Schlössern an der Loire kann sich „unser“ Schloss in Kalbe nicht messen. Das war nun klar! Das Schloss hatte ursprünglich Toiletten „ Marke Fallherab“. WCs waren 1870 eine Seltenheit. Es gab keine elektrischen Pumpen. Meine Urgroßmutter hatte auf den Toiletten den französichen Spruch angebracht „Au nom des tous les nez fermez le couvercle“ Im Namen aller Nasen schließen Sie (bitte) den Deckel. So lernte ich früh Französisch, die Sprache der feinen Leute!!
Die Idee , Kalbe in eine Kurstadt zu verwandeln, fand ich gut und mutig. Die heiße Sole im Untergrund ist immer noch vorhanden. Es ist ein Schatz, den Kalbe vielleicht eines Tages heben kann. Bad Bevensen etwas weiter nördlich in Niedersachsen ist auch ein Erfolg geworden. Übrig geblieben aus diesem Bestreben ist die Reha- Anlage an der Strasse der Jugend auf unserem enteigneten Acker.
Übrigens warum Strasse der Jugend, wo doch fast nur alte Menschen am Ende der Strasse leben.
In den ersten Jahren der DDR, wurde „unser“ Schloss in ein Jugendheim oder eine Jugendherberge verwandelt. Das weiß kaum noch einer in Kalbe , deshalb Strasse der Jugend.
( in einem Breitrag zur Geschichte der Stadt Kalbe/Milde, siehe Google , Gottfried von Gossler,Kalbe wird ein Bild vom Schloss gezeigt mit dem Untertitel Jugendheim)
Dem Koordinator der Kurgesellschaft gelang es ebenfalls zwölf Millionen DM aus EU-Töpfen nach Kalbe zu holen. Die Milde wurde von diesen Geldern gesäubert, der Alvenslebensche Park gepflegt. Die Bäume dort nummeriert. Ein Schildbürgerstreich oder eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?
Noch heute findet man eingewachsene Plaketten an vielen Bäumen. Auch „unser“ Schloss wurde renoviert, es war vorher in einem erbärmlichen Zustand, total heruntergekommen.
Manche Entwicklungen liefen auch in die falsche Richtung. Mir ist nicht bekannt, ob die Kurgesellschaft rechtlich noch existiert. Ich denke, man hat sie aufgelöst. (Herr Thiele in Salzwedel kann hierüber Auskunft geben.)
1952 wurde der Kreis Kalbe (Milde) gegründet, aus dem Schloß wurde der Sitz des Landrates und später der des Vorsitzenden des Rates des Kreises. Zu dieser Zeit standen auf dem Gelände noch 2 Baracken und rechts von der Straße der Jugend weitere 2 Baracken für die Verwaltungsangestellten des Rates des Kreises. Im Schloß selbst war unten die Küche, in der oberen Etage das Grundbuchamt und in der Mitte der Ratssitzungssaal und die Räume des Vorsitzenden des Rates des Kreises. Noch Anfang der 80-iger Jahre wurde an Stelle des Verwalterhauses ein neues Verwaltungsgebäude errichtet. Zum 31.12.1987 wurde dann der Rat des Kreises aufgelöst.
 Das ehemalige Verwaltergebäude des Gutes
Der Verkauf des Schlosses
Anfang der 90-er Jahre wurde das Schloss versteigert. Ich bekam vom Landrat schriftlich das Angebot mitzusteigern. Mindestangebot 450.000 DM mit einem Vermerk , dass es einen Sachwert von über 1000.000 DM habe. Ich war damals ziemlich fassungslos. Mein Neffe wollte mitbieten. Er lebte und arbeitete in Luxemburg. Wir haben ihm abgeraten.
Was sollte man mit einem großen Haus ohne Grund und Boden und ohne Einnahmequellen anfangen. Die Landwirtschaft gehörte nicht dazu. Sie trug zu unseren Zeiten dazu bei , das Schloss zu unterhalten. Es wäre für uns ein Geldgrab geworden. Vermietung kam auch nicht infrage. Wer sollte es in Kalbe mieten? Zu unserer Zeit war das Schloss nicht von anderen Gebäuden umgeben, es lag in der Natur. Ist der Platz heute noch für ein Schloss attraktiv? Ich glaube darüber kann man streiten.
Ein Herr Müller, Erfinder der Kurstadtidee wie er mir sagte, kaufte es für das zu DDR Zeiten gebaute und später erweiterte Altersheim Sanssouci. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er 450.000 DM für diesen „Klotz am Bein“ bezahlt hat. Welche Bank würde das finanzieren, denn andere Kapitalquellen als Kredite konnte es ja kaum zu der Zeit geben. Oder irre ich mich? Welcher ehemalige einfache DDR-Bürger verfügte über eine halbe Million DM ? Das Schloss hatte einen negativen Ertragswert, wie die Banker sagen. Man konnte es kaum nutzen , mußte es aber heizen, Reparaturarbeiten vornehmen. Alte Menschen waren dort nicht unterzubringen. Herr Müller sagte mir einmal triumphierend: “ Ich habe es gekauft und gebe es nie wieder her“. Als ob wir es ihm wegnehmen wollten! Meine Schwestern können im übrigen den Anblick der gestohlenen Heimat nicht mehr ertragen. Die Enteignung und Vertreibung war ein größerer Schock für sie als für mich. Ich war 1945 sechs Jahre alt und wohl zu jung für ein Trauma. Inzwischen ist das Altersheim in neuen Händen und ich hoffe, Herr Boshamer findet eine Nutzung für das unter Denkmalschutz stehende Schloss. Das wäre dann ein Schloss sans souci. Auf Deutsch: Ein Schloss ohne Sorgen!

Inzwischen hatte mein Vetter, Hasso von Blücher den Gutshof Zichtau von der BVVG (Bodenverwaltungs und -verwertungs GmbH) zurückgekauft. Die BVVG war eine staatliche Gesellschaft , die das enteignete , Land, Wiesen usw für den Bund verkaufte..
Das Angebot für das ehemalige Volksgut Isenschnippe und Zichtau lag bei 12 Millionen DM.
Wir bewerteten es und kamen auf einen viel geringeren Betrag. Wir hatten auch das Gefühl , dass von politischer Seite alles unternommen wurde um den Verkauf an meinen Vetter zu verhindern. Steckten alte Seilschaften dahinter? Schließlich erwarb mein Vetter nur den Gutshof und etwas Land hinter dem Gutshof. Inzwischen hat er dort erheblich investiert.
Ich hatte schon in den 90-er Jahren einen Antrag auf Landrückkauf bei der BVVG in Magdeburg gestellt. Fast ein Jahrzehnt bekam ich keine Antwort. Dann plötzlich wurde uns eine geschlosssene Fläche von ca 70 ha in Zichtau (Richtung Schwiesau) auf alten Goßlerschen Gutsflächen angeboten. Mein Sohn kaufte diese Flächen, auch wenn die Auflagen den Wert der Flächen erheblich reduzierten. So sind Goßlers wieder in der Altmark angekommen.
Mal sehen,was die Zukunft bringt.
Ich habe früh meine Heimat verloren- unfreiwillig und habe deshalb die halbe Welt kennengelernt: London, Amsterdam, Toronto, Lagos, Rio, Buenos Aires, Paris, Houston, San Francisco, Tucson, Kapstadt, Nairobi usw...
Dennoch fühle ich mich immer wieder von Kalbe angezogen.Das muß doch heißen, dass ich diesen Ort liebe!
Gottfried von Goßler
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