Geschichten über Kalbe Milde
 

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Die ersten Schrecken des Dreißigjährigen Krieges.

Von Pastor Sültmann Mehrin.

Gern hätte unser Landesherr, der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg, seinem Gebiet den Frieden erhalten, aber er mußte bald erkennen, daß der Krieg unvermeidlich sein würde¸ und da bereits die ersten Kämpfe den grausamen verwüstenden Charakter dieses Krieges an den Tag gelegt hatten, erließ er unter dem 1. Februar 1620 eine Verordnung, in der es unter anderem hieß:
„Nun stehet außer zweifell, daß der Göttliche, Gerechte Zornn über unser geliebtes Vaterland das heiliche Reich Teutscher nation albereits angangen, ja lichter lohe brenne. Dasselbte bestettigen je mehr als zuviel die schreckliche Landverheerungen, die mitten in unserm Vaterlande nicht ohne besondere Traurigkeit und hochetpfindlichen schmertzen eines jeden getreuen patrioten um eine geraume zeit über erfahrenn, theils auch mit augen angesehen werden müssen. Damit wir vor itzo übergehen die übermeßige grausamkeiten, so von frembden nationen, ob sie sich woll mit dem Namen auch Christen zu sein rhuemen, mitten auf des Reichs boden durch mord, raub, brand zusambt unerhörten Jungfrawen und Frawen-schenden in ungehliche wege verübt, betrieben und begangen worden. Ja es ist alles mit Kriege und Kriegsgeschrei erfüllet."

Der Nachfolger Johann Sigismunds, der Kurfürst Georg Wilhelm, sah sich genötigt, am 5. Juni 1623 eine besondere Soldatenordnung auszustellen, in welcher der von den Söldnern dem Lande zugefügte Schaden mit folgenden Worten geschildert wird: „wie man noch an deme, was der arme Landmann nach seinem vermöge gutwillig und ohne pflicht verreichet, ninderts begnüget sei; sondern mit Seugern, jungen Gänsen, Hünern, Eyern und dergleichen gepeiset sein wollen; und daß nicht allein Bieres die Fülle sondern auch Brandtwein soviel als sie nur immer sauffen wollen, zur Hand sein müssen.“

Am 14. Januar 1626 hatte Thomas III. von dem Knesebeck aus Tilsen sein Amt als Landeshauptmann der Altmark angetreten; er hatte das Unglück, daß sofort nach seinem Antritt die Kriegsnot mit voller Wucht über unsere Heimat hereinbrach. Die Stände des niedersächsischen Kreises, welche den König Christian IV. von Dänemark zum Kriegsobersten gewählt hatten, verlangten im November 1625 die Räumung ihrer Gebiete von den Truppen des Kaisers. Obgleich die Verhandlungen mit den kaiserlichen Generälen Tilly und Wallenstein sich bis Ende Februar 1626 hinzogen, begannen doch die Feindseligkeiten schon in den ersten Tagen des Jahres. Während die dänische Armee unter dem General Fuchs in dem Gebiet von Bardowik bis Dannenberg mit dem Hauptquartier in Ülzen bereit lag, um den Landstrich westlich der Elbe vom Feinde frei zu halten, richtete der König von Dänemark am 1. Februar 1626 ein Schreiben an den Kurfürsten von Brandenburg, welches den eigentlichen Anfang der kriegerischen Unternehmungen in unserer Heimat bezeichnet: er sähe sich genötigt die Städte Garleben, Soltwebell, Stendell und Tangermünde mit etlichem Kriegsvoll zu besetzen, damit sie nicht zu ihrem höchsten Nachteil vom Feinde eingenommen würden; der Kurfürst möchte ihm solch Vorhaben nicht verdenken und jene Städte anweisen, die Besatzung willig ein zunehmen; es werde dafür Sorge getragen werden, daß die Soldaten Disziplin hielten und den Untertanen die Garnison nicht zu schwer falle. - Da der Feind bereits ganz in der Nähe, nämlich im Kreise Jerichow stand, wurde indessen die Antwort des in Ostpreußen weilenden Kurfürsten nicht mehr abgewartet, sondern die Besetzung der Altmark schleunigst durchgeführt. Wir treffen daher den General Fuchs wenige Tage darauf in Beetzendorf, wo er im Schloß Quartier nahm und von wo aus er an den Rat von Salzwedel die Aufforderung richtete, ihm die Stadt offen zu halten, damit er sich den Paß nicht selbst öffnen müsse. Der Brief lautet: „Meinen freundlichen Gruß und willige Dienste zuvor. -Insonders lieb und gute Freunde, Euch mag ich nicht verhalten, was S. Kön. Maj. zu Dennemark-Norwegen mir gnädigst aufgetragen, mit einer Anzahl Volcks durch die Alte Mark zu reisen; Mir aber ein offen Paß aus dem Lande Lüneburg zu haben nöthig, als habe ich euch deswegen freundlich ersuchen wollen, euch rund und offen zu erklären, ob ihr mir mit meinem Volck, auch Partheyen oder Zufuhren, so mir aus dem Lande zu Lüneburgk geschehen, sonderlich die meinen Paß-Zettul haben, wollet frey und sicher durch hin und wieder passiren lassen. Do nun solches geschiehet, also soll auch hingegen von den Meinigen kein Leyd wiederfahren. Im Fall ihr aber mirs werdet wegern, habt ihr leichtlich zu erachten, daß ich den Paß selbst öffnen muß, welches ich viel lieber überhoben sein will; auch das etwas ungleiches daraus entstehen sollte, wenn mir der Paß gesperret würde, für männiglich entschuldigt sein will. Bin auch eurer schriftlichen Wiederantwort alsbald und unverzüglichen, wo ich anzutreffen, welches ihr im Kloster Dambecke zu erfahren habt, erwartend. Wolte ich euch erheischen der Nothdurft nach nicht verhalten. Datum Betzendorff den 6. Februarij A 1626 Johann Philipp Fuchs von Birnbach, zu Möhren, Alten Rechenbergt und Schwaningen Ritter, Obrister und der Kön. Maj. zu Dennemarck Norwegen General d'Infanterj et Artiglerj."

Kurz darauf setzte er seine Truppen in Marsch; sein Ziel war Tangermünde. Die Güssefelder Kirchenchronik berichtet über den Durchzug: „General Fuchs durch die alte Marke gegen folgende Fastnacht gezogen am - 13. Februar - und Kalbe durch seinen Hauptmann Lex nehmen lassen, alles ausgefressen und ausgesoffen und was sie erhaschen können mitgenommen; sind insonderheit zu Güssefelde und Thöritz 2 000 mann gelegen, die zu Güssefelde in 1 1/2, Tag und 2 Nacht 1 203 Gulden, zu Bühne 380 Gulden und Wiezen 33 Gulden nach der Bauern Angabe verzehret. Darauf tag und nacht ein stetiges Trocken (Ziehen) gewesen, haben viel Dörfer zum Hause Kalbe gehörig Zulage müssen geben, das Haus (Burg) besetzet und der Paß verwahret worden. Den 19. Februar 13 hundert Reuter und 60 Wogen hier gewesen, den 22. noch Hundert, den 24. nochmals." Es waren dies die ersten Truppen, welche unsere Vorfahren im Dreißigjährigen Kriege zu Gesicht bekamen, ungezählte Scharen, Freund wie Feind, sollten ihnen in einem Zeitraum von über 20 Jahren folgen. Vor Salzwedel, welches zur Sicherung der kriegerischen Unternehmungen in der Altmark unentbehrlich war, erschienen die ersten Soldaten am 15. Februar. Es waren 600 Mann Fußvolk, denen bald darauf Artillerie mit sechs Geschützen folgte. Nach einigem Widerstreben öffneten die Bürger die Tore. General Fuchs hatte inzwischen seinen Marsch nach Osten fortgesezt und am 17. Februar die Elbe erreicht. Sein Augenmerk war auf Tangermünde gerichtet, welches er noch am selben Abend an der Spitze eines Infanterie und Kavallerie-Regiments überrumpelte und trotzdem die Bürger die Verteidigung versuchten, alsbald eroberte. Die Schrecken des Krieges wurden sofort fühlbar, denn obgleich die Dänen der eigenen evangelischen Partei angehörten, begannen die Soldaten sich gleich in den ersten Tagen übel aufzuführen und warfen ihren Wirten die Speisen an den Kopf und die Butter gegen die Wand. Der Feldherr selbst hielt sich nur einen Tag in der Feste auf, am 19. Februar, dem ersten Fastensonntage, rückte er vor Stendal und forderte die Aufnahme einer Besatzung. Der Rat und die Bürgerschaft weigerten sich, brachten ihre Geschütze auf die Wälle und hielten hier wie auf ihren Tortürmen starke Wache. Nun ließ der General Geschütze ausfahren. Es wurde aber nur ein Kanonen schuß abgefeuert, dessen Kugel das Dach eines Hauses an der Jakobi kirche durchschlug, ohne großen Schaden anzurichten. Um größeres Unheil zu verhüten, entschloß man sich nach vier Tagen, eine Besatzung von drei Kompanien aufzunehmen. Der Oberst Lippe, welcher an der Spitze dieser Truppen einzog, starb bereits im März und wurde in der Marienkirche bestattet, wo sein Grabstein noch vorhanden ist.

So war unsere Heimat mit einem Male von Kriegsvölkern über schwemmt. Sieben Jahre lang waren die Feindseligkeiten schon im Gange, aber die Altmärker hatten das Kriegsgeschrei nur von ferne gehört, jetzt gellte es ihnen plötzlich furchtbar in die Ohren. Wenige Monate waren vergangen, da herrschten in unserem Landstriche schon dieselben schlimmen Zustände wie anderwärts; und wenn auch die Offiziere mit barbarischer Strenge durchgriffen, gelang es ihnen nicht, unter ihren Leuten außerhalb des Dienstes Manneszucht zu halten, zu mal viele von den Soldaten Weiber und Kinder bei sich hatten. Im Juli 1626 kam ein Magdeburger Zeitungsblatt heraus, welches die Verhältnisse in der Altmark folgendermaßen schildert: Am 21. dieses M. sein in 60 Soldaten in Polkow (Pollau bei Osterburg) eingefallen und das Dorf ausgeplündert. Am 22. ist zu Tangermünde ein Galgen aufgerichtet und am 23. zwei Soldaten daran gehenckt und ein Reiter mit dem Rade gerichtet worden. Die Soldaten wurden unruhig um Sold. Ein Hamburger Schiff hat nach Tangermünde gewolt, ist von den Mansfeldischen außgeladen. Obwohl wegen jüngstgemelter Meuterei drei Soldaten eingezogen worden und durch das Spiel das Hangen uf einen Gefreiten gefallen (d. h. die Schuldigen mussten würfeln, wer von ihnen hängen sollte), hat sich doch solcher heimlich loß gemacht. Der General Fuchs hat sich erklärt, mit seinem Willen keinem Meuterer das Leben zu schenken, wenn auch alle Soldaten für einen solchen bitten würden. Am 24. dieses sein wieder 2 Soldaten an den Galgen gebracht, und einer mit einem Arm 1 stund lang aufgehenckt und alsdann zum Schelmen gemacht. Daselbst zu Tangermünde verkauffen die Kriegsknechte ein Schaf umb 2 Groschen, ein Kuh 1 Thaler,

   
  
 

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