Geschichten über Kalbe Milde
 
 


Das Laurentius-Kloster zu Calbe
 

Ein Beitrag zur Erläuterung Thietmars von Merseburg
von Robert Holtzmann.
Band 6 Jahrbuch der historischen Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt, Magdeburg 1930

Seit zwei Jahrhunderten geht der Streit, ob der in der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg (1009—1018) genannte Ort Calbe (Calwo, Calva) die heutige Stadt Calbe an der Milde ist, in der Altmark, 62 km nördlich von Magdeburg gelegen, oder vielmehr die Stadt Calbe an der Saale, im ehemaligen Nordthüringgau, 24 km südlich von Magdeburg. Nachdem zuletzt im Jahre 1886 der verdiente Oberpfarrer (spätere Superintendent) Julius Müller für Calbe an der Milde eingetreten war 1), schien diese Deutung allgemeine Zustimmung zu finden, obgleich der Geschichtsschreiber von Calbe an der Saale, Gustav Hertel, sofort Bedenken dagegen äußerte 2). Wie schon früher Wilhelm von Giesebrecht 3), so erklärten sich jetzt Friedrich Kurze, Albert Hauck, Karl Uhlirz, Fritz Curschmann und andere Forscher übereinstimmend für das nördliche Calbe 4). Im Jahre 1916 aber traten Hugo Mötefindt und Hans Nicolai in einer gemeinsamen ausführlichen Untersuchung nun doch wieder für Calbe an der Saale ein 5). Die von ihnen vorgebrachten Gründe sind noch nicht wieder untersucht worden, und die ganze Angelegenheit ist in der Literatur der letzten vierzehn Jahre überhaupt kaum wieder berührt worden. Es lohnt indes aus mehr als einem Grund, das Thema, auf das der Verfasser dieser Seiten durch die Arbeit an der Neuausgabe Thietmars geführt wurde, noch einmal vorzunehmen.

An zwei Stellen kommt der Ort Calbe bei Thietmar vor. An der ersten wird ein Kloster des heiligen Laurentius in Calbe erwähnt, an der zweiten ein Nonnenkloster Calbe, womit natürlich gleichfalls das Laurentius-Kloster gemeint ist.

1. Das Laurentius-Kloster zu Calbe im Slawensturm des Jahres 983, Thietmar III

Das erste mal nennt Thietmar III, 18 (11) Calbe im Zusammenhang mit dem großen Slawensturm, der 983 an der deutschen Ostgrenze losgebrochen ist. Der Chronist berichtet im Kapitel vorher die Einnahme und Zerstörung der Bischofsitze Havelberg und Brandenburg, fügt dann einen Zug der Böhmen unter der Führung Dedis (von Wettin) gegen Zeitz an, der aber in Wahrheit schon einige Jahre früher stattgefunden haben muss, und fährt nun fort: „Nachher verwüsteten sie das Kloster des heiligen Märtyrers Laurentius in dem Ort, der Calbe heißt, und setzten den Unsrigen wie flüchtigen Hirschen nach; denn unsre Missetaten schufen uns Furcht und ihnen kräftigen Sinn." Der Abodritenfürst Mistui, so heißt es dann weiter, steckte den ehemaligen Bischofsitz Hamburg in Brand und verwüstete ihn; nur die Reliquien der Heiligen seien durch ein Wunder in den Himmel gerettet worden. Mistui aber, so schließt der Bericht, wurde später wahnsinnig, weshalb man ihn in Ketten legte; als er mit geweihtem Wasser besprengt wurde, rief er: „Der heilige Laurentius verbrennt mich”, und ohne die Freiheit wieder zu erlangen, kam er elend um 6).

Wer die Verwüster des Laurentius-Klosters zu Calbe waren, wird nicht ausdrücklich gesagt. Der Satz: „Nachher verwüsteten sie ...” hat kein bestimmtes Subjekt. Voran geht, daß die Zeitzer Kirche von einem Böhmenheer eingenommen und geplündert wurde; aber die Böhmen kommen für Calbe nach der gewöhnlichen Ansicht nicht in Betracht, da ihr Zug gegen Zeitz schon einige Jahre früher stattgefunden hat und der ganze Satz über sie bei Thietmar infolge einer irrigen Anordnung des Materials an eine falsche Stelle gekommen zu sein scheint 7). Kurze meint daher, die Worte „Nachher verwüsteten sie” griffen weiter zurück, Subjekt seien diejenigen Slawen, welche Havelberg und Brandenburg zerstört hatten 8), also die Liutizen, die demnach jetzt über die Elbe herüber gekommen wären. Anders Mötefindt und Nicolai 9). Auch sie glauben, daß Thietmar die Geschichte von dem Zug der Böhmen unter Dedi einer Quelle entnommen und falsch eingereiht habe, möchten dasselbe aber auch von der folgenden Erzählung über die Verwüstung des Laurentius-Klosters zu Calbe annehmen, so daß also doch die Böhmen Subjekt in dem Bericht über Calbe wären, nur daß das ganze Ereignis schon einige Jahre vor 983, im unmittelbaren Anschluß an die Einnahme und Plünderung von Zeitz stattgefunden haben müßte.

In Wahrheit kann jedoch gar kein Zweifel darüber sein, daß Thietmar weder die Liutizen noch die Böhmen für die Verwüster von Calbe hält, sondern den Abodritenfürsten Mistui, von dem er im Anschluß an die Ereignisse in Calbe die Verwüstung Hamburgs erzählt, und daß somit als Subjekt zu dem Satz „Nachher zerstörten sie . . .” ganz allgemein die aufständigen Slawen zu denken sind. Daß Mistui der Zerstörer des Laurentius-Klosters in Calbe gewesen ist, ergibt sich mit voller Sicherheit aus dem Ausruf, den man ihm vor seinem kläglichen Ende in den Mund legte, aus jenem Weheschrei, daß der heilige Laurentius ihn verbrenne. Denn was in aller Welt soll denn dieser Ausruf für einen Sinn haben, wenn nicht den, daß Mistui sich durch den Zorn des heiligen Laurentius verfolgt glaubte, und diesen Zorn kann doch nur die Zerstörung des Laurentius-Klosters in Calbe bewirkt haben! Das hat schon Müller ganz richtig erkannt 10). Und auch Mötefindt und Nicolai können diese Beziehung nicht leugnen. Sie meinen indes 11), daß in dem Bericht Thietmars über das Ende des Mistui nur eine volkstümliche Erzählung vorliege, und daß der Fama da eine Verwechslung unterlaufen sei. Sie habe nämlich den, über die Aufhebung des ihm geweihten Bistums Merseburg 981 ergrimmten Laurentius, der zornig Otto II. erschienen sein soll und nach Meinung der Frommen den ganzen Slawensturm von 983 veranlaßt hatte, mit dem durch die Verwüstung des Laurentius-Klosters zu Calbe beleidigten Laurentius durcheinander gebracht, den Ausruf des Mistui nach dem Zorn über Otto II. gebildet. Es ist schwer zu sagen, wie man sich das vorzustellen hat. Thietmar, der nach Mötefindt und Nicolai Calbe durch Dedi und die Böhmen zerstört werden läßt, glaubt doch offenbar auch an den Ausruf Mistuis, wobei es dann völlig unverständlich bleibt, wie Mistui mit Calbe in die falsche Beziehung gesetzt worden sein soll. Man könnte sich solches vielleicht bei Otto II. denken oder bei Erzbischof Gisiler von Magdeburg oder bei sonst jemandem, der bei der Aufhebung des Bistums Merseburg mitgewirkt hat, aber doch nicht bei einem Mann, der mit Merseburg niemals irgend etwas zu tun hatte. Wie sollte die deutsche Fama, die den ganzen Slawensturm von 983 dem Zorn des heiligen Laurentius über die Aufhebung des Bistums Merseburg zuschrieb 12), just in dem Tod des Abodritenfürsten, der an diesem Slawensturm teilgenommen hatte, gleichfalls ein Werk des Laurentius sehen, wenn dazu kein anderer Anlaß als eben die Aufhebung Merseburgs vorlag? Traten doch die Slawen nach jener Fama geradezu als die Rächer des Heiligen auf! Nein, der dem Mistui in den Mund gelegte Ausruf hat wirklich nur Sinn, wenn er sich auf das, dem heiligen Laurentius in Calbe durch Mistui zugefügte Unrecht bezieht. Das gehört zu den Dingen, die man nie hätte bestreiten dürfen. Gewiß, was uns Thietmar über Mistuis Ende erzählt, mag durchaus der Fama angehören, ein volkstümliches, unglaubwürdiges Gerede sein. Trotzdem bleibt es sicher, daß die Fama und Thietmar glaubten, Mistui habe das Laurentius-Kloster zu Calbe zerstört; denn nur deshalb konnten sie ihm das schlechte Gewissen gegenüber dem heiligen Laurentius andichten.

Freilich muß hier noch eine andere Frage geklärt werden. Es war nämlich (was Mötefindt und Nicolai nicht wußten, obgleich es ihnen gut in ihre Konstruktion gepaßt hätte) seit der Ausgabe Thietmars durch Kurze (1889) umstritten, ob der Satz über Mistuis Ende, seinen Wahnsinn und den Ausruf: „Der heilige Laurentius verbrennt mich” wirklich auf Thietmar zurückgehe. Wir besitzen bekanntlich die Original-Handschrift Thietmars, und der Satz über Mistuis Ende steht da nicht im Text, sondern mit einem Verweiszeichen, am unteren Rand der Seite 13). Lappenberg, der 1839 die Chronik Thietmars zuerst in den „Monumenta Germaniae historica” (Scriptores Bd. 3) herausgegeben hat, hielt die Hand, die diese und eine Reihe ähnlicher Randnotizen geschrieben hat, für die Hand Thietmars 14), und so konnte noch Müller, nach dem damaligen Stand unserer Kenntnis mit Recht, sich darauf berufen, daß es sich um einen Zusatz „von des Bischofs Thietmar eigener Hand” handle. Drei Jahre darauf hat die Ausgabe Kurzes uns gelehrt, daß die Ansicht Lappenbergs ein Irrtum war. Nicht Thietmar, auch nicht einer seiner Schreiber, sondern eine um ein Jahrhundert spätere Hand, die Kurze mit N bezeichnet und der Zeit Heinrichs V. zuweist, hat diese Randnotizen geschrieben 15). Zwar ist jedesmal auf der gleichen Seite ein Zusatz, den Thietmar zu der betreffenden Stelle des Textes gemacht hat, ausradiert worden, so daß die N-Notizen also an die Stelle von Zusätzen Thietmars getreten sind. Aber Kurze hielt es doch für ungewiß, ob der Schreiber N auch wirklich das, was Thietmar geschrieben hatte, wortgetreu wiederholt hat. Er stand der Glaubwürdigkeit der N-Notizen also mit einiger Skepsis gegenüber und hat sie daher auch nicht eigentlich in den Text gesetzt, sondern mit einem Stern in die Anmerkungen verwiesen. Eben deshalb konnte er auch, ohne Rücksicht auf den, nur durch eine N-Notiz überlieferten Ausruf Mistuis („Der heilige Laurentius verbrennt mich"), nicht den Abodritenfürsten, sondern die Liutizen für die Verwüster Calbes halten.

Mötefindt und Nicolai wissen das nicht, da ihnen die Ausgabe Kurzes unbekannt geblieben ist. Sie benutzen noch immer die alte Ausgabe Lappenbergs und sind daher noch immer der Ansicht, daß es sich um einen Zusatz „von des Bischofs Thietmar eigener Hand” handle 16). Wäre ihnen die neue Ausgabe nicht entgangen, so hätten sie sich vermutlich mit Eifer die Ansicht Kurzes über den Interpolator N zu eigen gemacht, die Stelle über das Ende Mistuis als unglaubwürdigen Einschub behandelt und also die ganze unzulängliche Konstruktion von einer Verwechslung volkstümlicher Erzählungen nicht nötig gehabt.

Heute allerdings kann ihnen diese nachträgliche Feststellung nichts mehr nützen. Denn unsere Kenntnis von den Eigenarten der Thietmar-Handschrift ist inzwischen weiter vorangeschritten, und wir wissen jetzt, daß die Skepsis Kurzes unberechtigt war. Die Randnotizen, um die es sich handelt, sind zwar in der Tat nicht von Thietmar geschrieben, sondern von einem Schreiber aus den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Aber sie sind die völlig wortgetreuen Wiederholungen von Zusätzen, die Thietmar selbst an den Rand oder zwischen die Zeilen seiner Chronik nachgetragen hatte, und die der Schreiber N, aus einem Schönheitsbedürfnis heraus, durch eine gefälliger angeordnete Abschrift ersetzt und dann ausradiert hat. Daß dem so ist, hat Bernhard Schmeidler 1918 bündig erwiesen 17). „Die gesamte Tätigkeit von N charakterisiert sich nach allem Bisherigen als die eines Kalligraphen, der an den unschön zwischen den Zeilen und auf den Seitenrändern nachgetragenen Notizen Anstoß nahm, sie in sauberer Schrift, zumeist auf den unteren Rändern, wiederholte und dann die ursprünglichen Nachträge tilgte." Es handelt sich also bei diesen N-Notizen nicht um Interpolationen, sondern um „ursprünglichstes und eigenstes Eigentum von Thietmar selber”, und die betreffenden Sätze müssen bei einer Neuausgabe Thietmars wieder aus den Anmerkungen heraufgenommen und in den Text gesetzt werden.

Mithin bleibt es dabei: Thietmar schrieb die Zerstörung Calbes dem Abodritenfürsten Mistui zu. Dann aber bezieht sich sein Bericht bestimmt auf das nördliche Calbe, d. h. auf Calbe an der Milde. Hätten Mötefindt und Nicolai mit ihrer Behauptung, daß nicht Mistui, sondern die Böhmen nach der Einnahme von Zeitz bis Calbe vorgedrungen seien, das Richtige getroffen, dann käme allerdings nur Calbe an der Saale in Betracht 18). Mit dieser Folgerung sind sie im Recht; aber ihre Prämisse beruht auf Irrtum.

Thietmar ist übrigens nicht der einzige Autor, der uns von der Eroberung Calbes und den anderen slawischen Greueltaten berichtet. Zwei Magdeburger Quellen erzählen sie mit ihm ganz ähnlichen Worten, die einen nahen quellenkritischen Zusammenhang gewiß machen, aber sie erzählen sie teilweise in anderer Reihenfolge, was die Ereignisse in anderem Zusammenhang erblicken läßt. Diese beiden Quellen sind: die Magdeburger Erzbischofschronik (Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium), in diesen Teilen der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts angehörend, und die Magdeburger Annalen (Annales Magdeburgenses, früher Chronographus Saxo genannt), die aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammen 19) Thietmar bringt, wie wir sahen, die Ereignisse in dieser Reihenfolge: Havelberg-Brandenburg, Zeitz, Calbe, Hamburg. Dagegen stellt die Erzbischofschronik die beiden letzten, der Annalist die beiden ersten Ereignisse um 20). Und beide Quellen weisen die Zerstörung Calbes ausdrücklich den Abodriten und ihrem Fürsten zu, ja die Chronik läßt sogar jenes Wunder, durch welches die Reliquien der Heiligen gerettet wurden, und das Thietmar vom Brand Hamburgs berichtet, vielmehr in Calbe geschehen und erzählt auch das Ende Mistuis und seinen Ausruf, „er könne den Feuerbrand nicht ertragen, den ihm Laurentius zufüge”, im Anschluß an die Verbrennung von Calbe, mit dessen Schicksal diese Ereignisse bei ihr ja schließen. Die Darstellung der beiden Magdeburger Quellen würde also aufs beste zu der hier vertretenen Ansicht passen, wonach Mistui und die Abodriten Calbe zerstört haben, während ihre Darstellung mit Mötefindt und Nicolai nicht zu vereinen ist. Doch soll hierauf keinerlei Wert gelegt werden, da das quellenkritische Verhältnis Thietmars zu den beiden Magdeburger Berichterstattern zur Zeit noch ungeklärt ist, und da gerade an unserer Stelle die beiden Magdeburger Quellen, zwar vielleicht nicht ausschließlich, aber zum mindesten teilweise auf Thietmar beruhen 21). Wohl gibt es Forscher, welche die Meinung vertreten, daß sowohl Thietmar als die beiden Magdeburger Quellen eine alte, uns verlorene Magdeburger Chronik aus dem Ende des 10. oder dem Anfang des 11. Jahrhunderts benutzt haben 22). Aber auch wenn diese, von anderen bestrittene These zu Recht bestehen sollte, scheint an unserer Stelle doch daneben auch eine direkte Benutzung Thietmars in den beiden erhaltenen Magdeburger Quellen sicher zu sein, und sonach könnten die Umstellungen, von denen hier die Rede ist, auch einfach auf richtiger oder falscher Kombination der beiden Magdeburger Berichterstatter beruhen und also für uns bei einer Ausdeutung der Thietmarstelle ohne Belang sein.

Wir haben die beiden Magdeburger Quellen nicht nötig, da wir aus Thietmars eigenen Worten durch sorgfältige Untersuchung feststellen können, daß Thietmar zwar den Zug der Böhmen gegen Zeitz in einen falschen Zusammenhang gestellt hat, die Verwüstung des Laurentius-Klosters in Calbe aber zweifellos dem Abodritenfürsten Mistui zuschreibt. Dann aber kann an dieser ersten Stelle, wo Calbe bei Thietmar vorkommt, nur Calbe an der Milde gemeint sein.

2. Die Nonne Oda, Thietmar IV, und die Frage, zu welcher Diözese Calbe gehörte

Die andere Stelle über Calbe steht bei Thietmar IV, 57 (36). Sie handelt von Oda, der ältesten Tochter des Markgrafen Thiedrich (von der sächsischen Nordmark, + 985), und berichtet, daß Oda die zweite Gemahlin des Herzogs Miseco von Polen wurde. Diese Eheschließung bedeutete insofern einen ärgerlichen Skandal, als Oda bis dahin eine Nonne im Kloster Calbe gewesen war, weshalb ihre Heirat „allen Leitern der Kirche und am meisten ihrem Bischof, dem ehrwürdigen Hilliward, mißfiel 23)”. Hilliward war Bischof von Halberstadt (968-996), und es ist danach völlig klar, daß das Kloster Calbe, das Thietmar nennt, in der Diözese Halberstadt gelegen haben muß. Zum Überfluß ergibt sich das gleiche noch aus einem anderen Zeugnis. Die einzige Nachricht, die wir außer Thietmar und den oben besprochenen Magdeburger Quellen noch über das Laurentius-Kloster zu Calbe haben, ist eine Urkunde des Bischofs Reinhard von Halberstadt vom 18. Oktober 1121, in welcher der Bischof über das Nonnenkloster zu Calbe zugunsten des neuen, aus einem eingegangenen Schöninger Nonnenkloster gebildeten Augustiner-Chorherrnstiftes zu Schöningen bei Helmstedt verfügt 24). Es ist selbstverständlich, daß Calbe in seiner Diözese gelegen haben muß. Calbe an der Saale aber gehörte seit 968 zur Diözese Magdeburg. Die Ehe Misecos mit Oda wurde nach dem Tod seiner ersten Gemahlin, Dobrawa, die 977 gestorben ist 25), und also erst geraume Zeit nach der Gründung des Erzbistums Magdeburg geschlossen. Auch hier scheidet somit Calbe an der Saale aus. Calbe an der Milde hat dagegen in der Tat zur Diözese Halberstadt gehört.

Freilich wird das bestritten. Mötefindt und Nicolai erklären kategorisch: „Von Calbe an der Milde weiß man bekanntlich (!), daß es seit seiner ersten Erwähnung im Jahre 1196 zum Verdenschen Sprengel gehört”; was dagegen frühere Forscher (Danneil, Müller) vorbrachten, um diese Ansicht zu bestreiten, das stehe auf sehr schwachen Füßen 26).

In Wahrheit verhält die Sache sich folgendermaßen. Die Grenze zwischen den Diözesen Halberstadt und Verden wurde in der Gegend von Calbe eben durch die Milde gebildet 27). Heute liegt Calbe zu beiden

Karte von Calbe a.d.M.
Calbe an der Milde
(Das Gelände „Lorenz-Kirchhof” liegt wenig nördlich der Stadt, ist in der Karte mit NK bezeichnet. Der „Nonnenwerder” liegt südlich der Stadt, jenseits des Randes der Karte.)


Seiten der Milde, die zudem in zwei Armen die Stadt durchfließt, so daß der Haupt- und Kernteil Calbes sich auf einer Insel befindet. Allerdings ist der rechte, östliche Arm des Flusses der Hauptarm, und man kann also sagen, daß der Hauptteil der heutigen Stadt auf der linken Seite der Milde, d. h. auf der Seite der Diözese Verden, liegt. Aber ein Blick auf einen Plan der ganz regelmäßig gebauten Stadt zeigt, daß wir hier keine sehr alte Örtlichkeit, sondern eine typische Kolonialstadt vor uns haben. Die Anlage gehört frühestens dem 12. Jahrhundert an, und keinesfalls haben wir in ihr die urbs Calwo, d. h. den befestigten Ort Calbe aus der Zeit Thietmars, vor uns. Wo dieser älteste Teil Calbes zu suchen ist, zeigt gleichfalls ein Blick auf die Karte: wir finden ihn bei der Burg Calbe, von der noch heute ältere und neuere Reste vorhanden sind, und diese Burg liegt rechts der Milde, d. h. auf der Seite der Diözese Halberstadt 28). Dazu paßt aufs beste, was sich aus der späteren Geschichte des Orts über seine Beziehungen zu den Diözesen Halberstadt und Verden ergibt. Zwar ist es durchaus irreführend, wenn Mötefindt und Nicolai sagen, daß die Stadt seit ihrer (angeblich) ersten Erwähnung 1196 „bekanntlich” zum Verdenschen Sprengel gehört habe. Die Urkunde von 1196 enthält über die kirchliche Zugehörigkeit von Calbe gar nichts 29), und das ist auch früher niemals von jemandem behauptet worden. Richtig ist nur, daß zur Zeit des Kaisers Friedrich Barbarossa Grenzstreitigkeiten zwischen den Diözesen Halberstadt und Verden bestanden haben und schließlich durch Kaiser und Papst zugunsten von Verden geschlichtet worden sind 30), ohne daß wir wissen, ob diese Streitigkeiten sich auf die Gegend von Calbe bezogen haben. Außerdem ist nachgewiesen, daß wenigstens ein großer Teil von Calbe an der Milde seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts zur Diözese Verden gehörte 31). Doch wird noch 1518 in der Wittenberger Matrikel auch ein Student aus Calbe in der Diözese Halberstadt erwähnt 32), woraus man erkennen kann, daß es auch damals noch Teile von Calbe gab, die zum Sprengel von Halberstadt rechneten. Offenbar bildete die Milde noch immer die Grenze zwischen den Diözesen, so daß also um 1500 der größere Teil der Stadt zur Diözese Verden, ein kleinerer, aber älterer zur Diözese Halberstadt gehörte.

Dies die ganz einfache Sachlage. Wir haben es also nicht einmal nötig, mit Müller an eine Veränderung des Flußlaufes zu denken, wiewohl auch eine solche Änderung sehr möglich ist. Es spricht manches dafür, daß die Milde früher westlich von Calbe (im Lauf des heutigen Schanzgrabens und der Unteren Milde) geflossen ist, und daß mit dem Wechsel des Flußbetts die Streitigkeiten der beiden Diözesen zur Zeit Friedrich Barbarossas zusammenhingen 33). Dann hätte das ganze Gebiet, auf dem heute die Stadt Calbe steht, zu Thietmars Zeiten auf der Seite der Halberstädter Diözese gelegen. Aber ein strikter Nachweis läßt sich dafür nicht liefern, und es kommt für uns wenig darauf an. Genug daß der älteste Teil von Calbe, die Burg, noch heute rechts der Milde liegt und also auch zur Zeit Thietmars bestimmt zur Diözese Halberstadt gehört hat.

Jedoch mit einiger Neugierde wird man noch fragen, wie sich denn Mötefindt und Nicolai, die für Calbe an der Saale eintreten, mit der Diözese Halberstadt abfinden; denn Calbe an der Saale gehörte ja bestimmt zum Magdeburger Sprengel. Sie meinen folgendes. Calbe an der Saale habe doch „bis zum Jahre 965” (lies 968) zur Diözese Halberstadt gehört und sei erst dann zum Magdeburger Erzbistum geschlagen worden; und sie ziehen daraus einen merkwürdigen Schluß, der im Wortlaut angeführt werden muß, da er nicht ganz einfach zu verstehen ist: „Man wird hier vermuten können, daß das Nonnenkloster [des hlg. Laurentius] bei dieser Schenkung (?) eine Ausnahmestellung eingenommen hat, und uns lediglich keine nähere Urkunde darüber erhalten ist. Daß bei der Übereignung von Calbe an der Saale ähnliche Ausnahmen auch sonst noch gemacht worden sind, darauf weist die in der Schenkungsurkunde Ottos I. vom Jahre 961 (!) enthaltene Stelle: illa decimatione excepta, que episcopo Halberstadensi usque huc data est hin 34)”. Die Verfasser meinen also offenbar, Calbe sei an das Erzbistum Magdeburg geschenkt worden, und dabei habe das Laurentius-Kloster eine Ausnahmestellung behalten, so daß dem bisherigen Oberhirten, dem Bischof von Halberstadt, gewisse Rechte vorbehalten blieben. Und sie berufen sich dabei auf eine Urkunde Ottos I. vom 23. April 961, also aus einer Zeit, wo es noch kein Erzbistum und keine Diözese Magdeburg gegeben hat, sondern wo Calbe an der Saale noch, ebenso wie Magdeburg selbst, zur Diözese Halberstadt gehörte. Damals hatte Otto dem Moritzkloster zu Magdeburg (seiner Schöpfung)den Zehnten in Magdeburg, Frohse, Barby und Calbe an der Saale zugewiesen, soweit er in diesen Orten und Burgwarden nicht ausdrücklich dem Bischof von Halberstadt vorbehalten war. Das ist eine in keiner Weise auffallende Zehntschenkung, die mit der Gründung des Erzbistums Magdeburg nichts zu tun hat, von angeblichen Rechten, die der Bischof von Halberstadt über ein Kloster in Calbe an der Saale behalten hätte, ganz zu schweigen. Es ist doch wohl etwas abenteuerlich, auf diese Weise wahrscheinlich machen zu wollen, daß um 98o nicht der Erzbischof von Magdeburg, sondern der Bischof von Halberstadt die Oberaufsicht über eine Nonne in Calbe an der Saale gehabt habe, ja daß noch 1121 der Bischof von Halberstadt ein Kloster in Calbe an der Saale habe verschenken können.

Die Tochter des Markgrafen Thiedrich von der Nordmark war also Nonne in Calbe an der Milde, das zur Nordmark gehörte, und das ist gewiß an sich schon wahrscheinlicher, als wenn ihr Kloster in Calbe an der Saale, im Bezirk des Markgrafen Hodo, gelegen hätte.

3. Das Laurentius-Kloster zu Magdeburg, Thietmar I, IV

Man hat noch ein anderes Laurentius-Kloster bei Thietmar mit dem Laurentius-Kloster zu Calbe identifizieren wollen. Thietmar I, 12 (7) berichtet von einem nächtlichen Wunder, das sich einst in der Stadt Magdeburg ereignet habe zu der Zeit, als er dauernd dort geweilt hat, d. h. in den Jahren zwischen 988 und 1002, wo er im Kloster Berge erzogen worden ist und dann zu den Kanonikern des Hochstifts gehört hat 35). Er erzählte das Wunder am darauffolgenden Tag seiner Nichte (oder Base) Brigida, „die mit der Sorge des Hirten das Kloster des heiligen Laurentius leitete” und an Körperschwachheit daniederlag 36). Man wird also zunächst nicht anders glauben, als daß dieses Kloster, das unter Brigidas Leitung stand, sich in Magdeburg befunden hat. Nun machte zuerst Kinderling 37) auf ein Nonnenkloster in der Neustadt Magdeburg aufmerksam, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden ist, erinnerte daneben allerdings auch an das Laurentius-Kloster zu Calbe, so daß er dem Leser also die Auswahl ließ, und dieser doppelte Hinweis wurde noch von Lappenberg wörtlich übernommen, während der letzte Herausgeber Thietmars, Kurze, nur das Kloster in der Neustadt Magdeburg der Erwähnung für wert hielt 38), den Gedanken an Calbe hier also ausschließen wollte.

Aber gerade an das Nonnenkloster des heiligen Laurentius in der Neustadt Magdeburg darf bei dem Kloster, dem Thietmars Verwandte Brigida als Äbtissin vorstand, gewiß nicht gedacht werden. Denn es hat zur Zeit Thietmars noch nicht existiert, ist erst erheblich später, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, gegründet worden 39). Dies wußte Mülverstedt, weshalb er das Laurentius-Kloster der Brigida mit demjenigen in Calbe identifizieren wollte; freilich an welches Calbe man dabei zu denken habe, ließ er unentschieden 40). Daß aber das Laurentius-Kloster der Brigida nichts anderes als das Laurentius-Kloster in Calbe sei, hat Hertel von ihm übernommen, und auch Hauck hat das später hervorgehoben 41). Und Hertel, dessen Ausführungen Mötefindt und Nicolai wörtlich ihrem Text einverleibt haben, zieht daraus einen naheliegenden Schluß, daß nämlich Thietmar mit Calbe den Ort an der Saale meine. Er glaubt, daß Thietmar sich am Tag nach dem wunderbaren Ereignis aufgemacht und sich zu Fuß nach Calbe, zu seiner Nichte, begeben habe, wo er denn, wenn es sich um Calbe an der Saale und nicht um das viel weiter entfernte Calbe an der Milde handelte, am Nachmittag eingetroffen sein und seine Neuigkeit von sich gegeben haben konnte. „Wohl wird Thietmar, soweit es die Verhältnisse erlaubten, freundnachbarlichen Verkehr mit seinen nahen Verwandten unterhalten haben, und bei einem so wunderbaren Ereignis 42) ist es wohl zu verstehen, daß er in Ermangelung anderer Verkehrsmittel sich selbst nach Calbe auf den Weg machte, um die Neuigkeit zu vermelden. Ein rüstiger Fußgänger kann ganz gut den Weg von Magdeburg nach Calbe und zurück an einem Tage machen. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß die Äbtissin Brigitta in Magdeburg selbst anwesend gewesen ist, denn sonst würde das Gerücht auch ohne Thietmars Mitteilung und früher als am folgenden Tage zu ihren Ohren gekommen sein, so daß dies derselbe nicht besonders zu erwähnen gehabt haben würde."

In diesen Ausführungen wird ein etwas reichlicher Gebrauch von hypothetischen Vermutungen gemacht: wird wohl unterhalten haben, ist es wohl zu verstehen, kann ganz gut, es ist wohl nicht anzunehmen, würde, würde. Ist mit dem Kloster der Brigida wirklich das Laurentius-Kloster in Calbe gemeint, so läge es m. E. viel näher, anzunehmen, daß Brigida infolge ihrer Krankheit sich damals in Magdeburg befand; denn Thietmar sagt gar nichts von einer Wanderung, betont vielmehr, daß er zu jener Zeit continue, ohne Unterbrechung, in Magdeburg weilte, und die ganze Erzählung sieht durchaus danach aus, daß sich, wie der Vorgang selbst, so auch das Gespräch Thietmars mit seiner Verwandten in Magdeburg abgespielt hat. Nehmen wir aber an, daß die kranke Leiterin des Klosters Calbe sich damals in Magdeburg aufhielt, so entfällt jeder Grund zu der Annahme, daß ihr Calbe das an der Saale gelegene war.

In Wirklichkeit freilich liegen die Dinge noch ganz anders, und es kann mit voller Sicherheit behauptet werden, daß das Laurentius-Kloster der Brigida sich in der Stadt Magdeburg befunden hat und mit dem Laurentius-Kloster in Calbe lediglich den gleichen Patron gemein hatte. Wir wissen nämlich auch sonst, daß es in den letzten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts in Magdeburg ein Nonnenkloster gegeben hat. Brun von Querfurt erzählt in seiner 1004 verfaßten Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert von diesem coenobium, wo die Nonnen den Unterricht des berühmten Ohtrich genossen, und wo auch der junge Adalbert an seiner Seite hatte erscheinen und mit den Nonnen fröhliche Unterhaltung pflegen dürfen 43). Und dazu kommt Thietmar selbst, bei dem an einer späteren Stelle noch einmal und unzweifelhaft von einem Frauenkloster in Magdeburg die Rede ist. Thietmar IV, 64 (42) erzählt von einer Nonne Mathilde, Tochter des Markgrafen Thiedrich (und also einer jüngeren Schwester der oben genannten Oda), die um 999 einen Slawen Prebizlav geheiratet habe, aber in Brandenburg gefangengehalten und schlecht behandelt worden sei, bis sie schließlich die Freiheit wieder erlangt und nach dem Tod ihres Gatten „eine Abtei in Magdeburg” erhalten habe 44). Danach kann kein Zweifel sein, daß es zu Thietmars Zeit in Magdeburg ein Frauenkloster gegeben hat, obwohl wir sonst nichts von ihm hören; denn Thietmar, der die entscheidenden Worte (et abbaciam in Magadaburg) mit eigener Hand geschrieben hat, wußte in Magdeburg genau Bescheid, und daß wir über kleine und vielleicht kurzlebige Klöster nur zufällig einmal etwas hören, ist auch sonst genugsam nachzuweisen 45). Dann aber besteht natürlich nicht das geringste Bedenken, in jener Magdeburger Abtei, in der in den 70er Jahren des 10. Jahrhunderts Ohtrich unterrichtete, und die ums Jahr 1000 die unglückliche Mathilde als Leiterin erhalten hat, eben das Laurentius-Kloster zu sehen, welches vor ihr (um 990) von Brigida geleitet worden ist. Daß man Stifter dem heiligen Laurentius weihte, war schon vorher nichts Außergewöhnliches und seit dem Ungarnsieg Ottos des Großen auf dem Lechfeld, am Laurentiustag des Jahres 955 davongetragen, erst recht naheliegend. Nicht nur das Bistum Merseburg erhielt diesen Patron; auch ein Nonnenkloster in Calbe und ein anderes in Magdeburg waren ihm geweiht. Für die Frage, welches Calbe das Laurentius-Kloster beherbergte, kommt die Stelle über Brigida und ihr Kloster also nicht in Betracht, und damit fällt der letzte Scheingrund, der für Calbe an der Saale angeführt worden ist.

Die beiden Nonnenklöster zu Calbe an der Milde und zu Magdeburg dürften nur eine kurze Blüte gehabt haben und bald zerfallen sein. Von demjenigen zu Magdeburg hören wir nichts mehr. Aber es mag eine Erinnerung daran mitgespielt haben, als man zu Anfang des 13. Jahrhunderts ein neues Nonnenkloster in der Magdeburger Neustadt wieder dem alten Patron widmete. Über Geschichte und Geschick des Laurentius-Klosters zu Calbe erfahren wir einiges aus der Urkunde von 1121, durch die es endgültig verschwand. Wir hören hier, daß es schon mehrfach durch schlechte Menschen verheert und verwüstet worden war 46), ehe es nun mit allem Zubehör an die Augustiner-Chorherrn zu Schöningen überging. Wir hören aber auch etwas über seine Gründung; ja die Urkunde enthielt sogar eine Angabe über die Lage von Calbe, ist an der entscheidenden Stelle freilich unglücklicherweise zerstört. Dennoch lohnt es sich, etwas auf sie einzugehen.

4. Die Urkunde über das Kloster zu Calbe vom 18. Oktober 1121

Am 18. Oktober 1121 übereignete Bischof Reinhard von Halberstadt den Augustiner-Chorherrn zu Schöningen (Sceningensis cenobii) „einen Ort, der Calbe heißt, ... gelegen, in welchem die Gräfin Oda glücklichen Angedenkens, aus königlichem Stamm entsprossen, in frommem Gelübde eine Nonnen-Kongregation eingerichtet hatte" 47).

An der durch Punkte angedeuteten Stelle ist im lateinischen Original, hinter den Worten qui caluo dicitur, durch die Faltung und unsorgfältige Behandlung des Pergaments leider ein Loch und somit eine Lücke von etwa 3 cm entstanden, dahinter ist erst wieder ne sitü, also nenn situm, sicher lesbar. Es mögen, wenn es sich um zwei Worte mit normalem Zwischenraum (0,3 cm) gehandelt hat, von denen das zweite auf nem endete, etwa zehn bis elf Buchstaben ausgefallen sein. Eine, auf einem kleinen, in das Loch hereinragenden Pergamentlappen noch unzweifelhaft vorhandene Oberlänge beweist, daß der 2. oder 3. Buchstabe des ersten ausgefallenen Wortes ein f oder s gewesen ist 48). Außerdem kann man noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit behaupten, daß die Reste am Ende der Lücke auf die Buchstaben ua schließen lassen, so daß das letzte Wort also mit uanem (oder auch ianem) geendet hätte.

Die bisherigen Herausgeber der Urkunde haben auf verschiedene Weise versucht, die Lücke zu ergänzen. Leuckfeld, der sie 1714 zum erstenmal veröffentlicht hat, druckt: dicitur, juxta ... ulonem situm 49). Es scheint aber ausgeschlossen, daß er noch mehr gelesen hat, als wir heute lesen können; denn das Wort juxta ist unmöglich, da es zu der heute noch vorhandenen Oberlänge des 2. oder 3. Buchstabens nicht paßt. Sonach zeigt es sich, daß das Loch schon vor mehr als zwei Jahrhunderten vorhanden war. — Ein anderer Herausgeber, der sich unter dem Pseudonym Trichorius verbarg, druckte 1748 hinter dicitur ohne Andeutung einer Lücke: iuxta Mildinem situm, hat die beiden ersten Worte aber nicht gelesen, sondern ergänzt, wie er ausdrücklich angibt 50). Hier ist nicht nur iuxta, das wohl aus Leuckfeld entnommen wurde, sondern auch Mildinem unmöglich, da die Milde Milla oder Milda, nicht aber Mildo heißt. — Dann druckte Falke, dessen willkürliche Textbehandlung bekannt ist: iuxta salam versus aquilonem situm 51). Hier ist sowohl das iuxta, das einem der Vorgänger entstammt, als die große Länge der Ergänzung unmöglich; und von salam insonderheit war ganz sicher nichts zu lesen, so daß man ebensogut mildam einsetzen könnte. — Nicht besser steht es mit den Lesungen, die das 19. Jahrhundert brachte 52). Riedel druckte: juxta ... vlonem situm, wohl im Anschluß an Leuckfeld; Otto v. Heinemann meint, es scheine gestanden zu haben : iuxta Mildinem situm, schließt sich also jenem Pseudonymus von 1748 an; Gustav Schmidt schließlich druckt: iuxta [Salam versus aquilo]nem situm, wozu nur zu bemerken ist, daß er auch iuxta unmöglich gelesen haben kann, sondern im Vertrauen auf seine Vorgänger übernommen hat, und daß die ganze Ergänzung der Lücke iuxta — aquilo viel zu lang ist und schon aus diesem Grund unmöglich so gestanden haben kann.

Was in Wahrheit geschrieben war, wird nie mit Gewißheit gesagt werden können. Das erste Wort dürfte infra oder allenfalls auch versus (das er durch Haken abgekürzt) gelautet haben, das zweite mag irgendeine geographische Bestimmung für Wald, Hügelland, Ebene, Norden, Bischofsland oder dgl., vielleicht ein Eigennamen auf -uas oder -ias, gewesen sein 53). Wir können es nicht sicher sagen, und auch wenn ein plausibler Vorschlag gefunden würde, wäre ein Beweis daraus ja doch nicht möglich. Wie brauchen ihn auch nicht, denn es ist bei dieser Urkunde, durch welche der Bischof von Halberstadt über ein Kloster in Calbe verfügt, ohnehin gewiß, daß nur Calbe an der Milde gemeint sein kann.

Dazu stimmt auch die Lage der Besitzungen des Klosters in Calbe, die uns durch die Urkunde aufgezählt werden 54). Das Besitzverzeichnis zeigt eine leidliche Ordnung und läßt sich in drei Teile zerlegen. Es beginnt mit elf Orten, die in der Börde (dem alten Nordthüringgau) liegen und danach sowohl zu dem einen als zu dem anderen Calbe passen würden: Hergrimestorp (Hermsdorf, Kreis Wolmirstedt, nordwestlich von Magdeburg), Helmerichestorp (wohl Hemsdorf, ebd., nördlich von Groß-Rodensleben, westlich von Magdeburg), Suammere (nach G. Schmidt wüst bei Atzendorf, Kr. u. westlich von Calbe an der Saale), Luckestorp (wüst im Magdeburgischen), Rodenesleue (Groß- und Klein-Rodensleben, Kr. Wolmirstedt und Wanzleben, westlich von Magdeburg), Geroldestorp (Gersdorf zwischen Hermsdorf und Dahlenwarsleben), Iggersleue (Aller- und Ost-Ingersleben, Kr. Neuhaldensleben, westlich von -Erxleben), Hellesse (wüst bei Erxleben), Badenstedi (unbekannt), Dalwersleue (Dahlenwarsleben, Kr. und südwestlich von Wolmirstedt), Edendorp (wohl Ebendorf, südöstlich vom vorigen). Im zweiten Teil der Besitzliste folgen elf Orte, die in der Altmark liegen, d. h. in der Gegend von Calbe an der Milde, z. T. nahe bei dieser Stadt 55). Es sind die Orte: Ballinge (Bellingen, Kr. Stendal, südwestlich von Tangermünde), Suardelese (Groß- und Klein-Schwarzlosen, ebd., wenig weiter westlich), Bulsteringe (Bülstringen, Kr. und nordwestlich von Neuhaldensleben), Bindorp (Sandbeiendorf, Kr. und stark nördlich von Wolmirstedt), B?iga (Buch, Kr. Stendal, südlich von Tangermünde), Eslestede (Estedt, Kr. und nördlich von Gardelegen, 8 km südlich von Calbe a. d. M.), Akendorp iuxta Gardeleue (Ackendorf, Kr. und nordwestlich von Gardelegen, 12 km südlich von Calbe a. d. M.), silva Heineisse (wohl in der Letzlinger Heide), Droploge (vielleicht Trippigleben, Kr. und westlich von Gardelegen, 20 km südwestlich von Calbe a. d. M.), Liuduine (Vorwerk Luthäne, Kr. Gardelegen, östlich von Trüstedt, 15 km südöstlich von Calbe a. d. M.), Schirinbiche (Schernebeck, Kr. Stendal, südlich von Groß-Schwarzlosen). Schließlich folgen, etwas ungeordnet, noch sieben Orte, die z. T. weiter entfernt liegen, z. T. gleichfalls der Altmark angehören: Scheninge. (Schöningen, Braunschweig), Thietirenrode (unbekannt), Allende (wüst in der Altmark), Banisleue (Bansleben, Braunschweig, westlich von Schöppenstedt), Vdenheim (unbekannt), Mectenhusen iuxta Bardewic (Mechtersen, Hannover, westlich von Bardowiek), Beccenhusen (unbekannt).

5. Gräfin Oda, die Gründerin des Klosters zu Calbe

Haben wir in den bisherigen Abschnitten alle die Punkte besprochen, welche für die Frage, ob das Laurentius-Kloster in Calbe an der Milde oder in Calbe an der Saale gestanden hat, von Belang sind, mit dem Ergebnis, daß alle Überlegungen immer wieder auf Calbe an der Milde führen, so möchten wir zum Schluß noch ein Wort über die Gründerin dieses Klosters hinzufügen. Wir sahen, die Urkunde von 1121 nennt sie uns : Gräfin Oda, aus königlichem Stamm entsprossen.

Mötefindt und Nicolai haben sich Mühe gegeben, festzustellen, wer diese Oda gewesen ist 68). Sie haben sich zu dem Zweck in der Geschichte des 9. und 10. Jahrhunderts nach bekannten Trägerinnen des Namens Oda umgesehen und deren nur drei gefunden, die auch wir hier, unter Hinzufügung einer vierten, Revue passieren lassen wollen.

1. Oda, die mit ihrem Gemahl, dem Herzog Liudolf von Sachsen (dem Stammvater des sächsischen Kaiserhauses, + 866), im Jahre 856 das Kloster Gandersheim gegründet hat. Wir wissen über sie hauptsächlich durch ihren Sohn Agius, der das Leben seiner Schwester Hathumod beschrieben hat, sowie ganz besonders durch das Epos der Hrotsvit über die Anfänge des Klosters Gandersheim etwas Bescheid 57). Sie stammte danach aus einem edlen fränkischen Geschlecht, ihr Vater war der „segensreiche Fürst” Billung, ihre Mutter die „berühmte, hochsinnige” Aeda. Sie hat ihren Gemahl lange überlebt, starb erst im Jahre 913, sechs Monate nach ihrem Sohn, Herzog Otto dem Erlauchten (+ 30. Nov. 912), im Alter von 107 Jahren. Sie war also im Jahre 8o6 geboren. Das außergewöhnliche Alter, das sie erreicht hat, berechtigt doch nicht zu der Verwechslung ihres Vaters Billung mit dem bekannten sächsischen Markgrafen und Herzog Hermann Billung (936 973), den Mötefindt und Nicolai mit folgenden Worten einführen: „Hermann Billung, Kaiser Ottos I. getreuer Gehilfe bei der Bekämpfung der überelbischen Slaven, hatte eine Tochter Oda, die im Jahre 8o6 geboren war und, 107 Jahre alt, im Jahre 913 gestorben ist“ 58)!

Kann Oda, die Gründerin Gandersheims, auch das Laurentius-Kloster in Calbe gestiftet haben? Mötefindt und Nicolai sagen Nein und führen fünf Gründe für diese Ansicht an: Oda war Herzogin und nicht nur „Gräfin”, wie die Oda der Urkunde von 1121 tituliert wird; Oda war zwar die Stammutter deutscher Könige und Kaiser, aber sie selbst war doch nicht „aus königlichem Stamme”, wie die Gründerin des Klosters in Calbe; wäre Oda die Gründerin des Klosters in Calbe, so würde Hrotsvit eine solche große Ruhmestat nicht übersehen haben; im 9. Jahrhundert waren die Verhältnisse in beiden Orten Calbe durch die Nähe und Übermacht der Wenden noch viel zu unsicher für die Gründung eines Nonnenklosters; und endlich: der heilige Laurentius kommt überhaupt erst seit der Lechfeldschlacht des Jahres 955 in Sachsen als Patron vor.

Von diesen Gründen vermag nur einer Eindruck zu machen, der nämlich, daß Oda, die Tochter des Franken Billung und Gemahlin Liudolfs, nicht aus königlichem Stamme war. Denn daß sie nur Gräfin und nicht Herzogin genannt wird, ist durchaus unverdächtig, da der Titel Herzog im 9. und z. T. auch noch im 10. Jahrhundert mehr eine volkstümliche Benennung als eine offizielle Amtsbezeichnung war und sich in den Königsurkunden erst allmählich durchgesetzt hat 59). Die Nonne Hrotsvit, die die Gründung des Klosters Calbe nicht erwähnt, hatte gar keinen Anlaß dazu, da ihr Epos nicht die Taten Liudolfs und seiner Gemahlin, sondern die Gründung des Klosters Gandersheim betraf, so daß das Argumentum ex silentio hier noch brüchiger ist als sonst. Wie es in den beiden Orten Calbe in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts ausgesehen hat, das wissen wir nicht, und wenn Calbe an der Saale, unmittelbar an der Slawengrenze gelegen, als Ort für ein Nonnenkloster ungeeignet gewesen sein mag, so gilt dasselbe doch keineswegs von Calbe an der Milde, das sich mehr im Binnenland befand und zur Zeit Brunos oder Ottos des Erlauchten, der mächtigen Sachsenherzoge, ausreichend gesichert erscheinen mochte 60). Und schließlich der heilige Laurentius war von jeher ein beliebter Patron, und wenn ihn die unter seinem Schutz gewonnene Lechfeldschlacht noch volkstümlicher gemacht haben mag, so schwebt doch die Behauptung, daß es in Sachsen vorher kein Lorenzkloster gegeben haben kann, völlig in der Luft 61).

Bleibt die Tatsache, daß Oda nicht königlicher Abkunft war. Sie legt uns die Pflicht auf, auch die anderen Frauen des Namens Oda, die in Betracht kommen könnten, kurz zu besprechen.

2. Oda, die Tochter Ottos des Erlauchten von Sachsen, eine Schwester König Heinrichs I.
Mötefindt und Nicolai nennen sie „eine Tochter des Herzogs Otto des Erlauchten, die später die Gemahlin des Königs Zuemte von Burgund und Lothringen (+ 897) und dann des Grafen Gerhard wurde. Sie ist eine Nichte der berühmten Gandersheimer Oda und hat etwa um 870-930 gelebt; sie kommt wegen ihrer Lebenszeit hier nicht in Frage" 62). Hierzu ist zunächst zu bemerken, daß Otto der Erlauchte ein Sohn Liudolfs war, und daß Ottos Tochter älso nicht eine „Nichte”, sondern eine Enkelin der Gandersheimer Oda gewesen ist. Der merkwürdige König, der uns als Gemahl der jüngeren Oda vorgestellt wird, ist niemand anders als König Zwentibald von Lothringen (895-900), der natürliche Sohn Kaiser Arnulfs. Zwentibald vermählte sich 897 mit Oda, der Tochter eines Grafen Otto, und es ist in der Tat wahrscheinlich, daß dieser Graf mit dem Sachsenherzog identisch ist. Nachdem Zwentibald am 13. August 900 gefallen war, vermählte sich Oda noch im gleichen Jahre mit seinem Gegner, dem angesehenen lothringischen Grafen Gerard, der in der Folge gegen das Vordringen der Konradiner in Lothringen kämpfte, darüber 906 der Reichsacht verfiel, gestürzt wurde und seitdem aus der Geschichte verschwindet. Daß diese Oda „etwa um 870-930” gelebt habe, ist eine recht willkürliche Zeitsetzung; sie dürfte eher jünger gewesen sein und hat vielleicht noch im Dezember 952 gelebt. Daß sie „wegen ihrer Lebenszeit hier nicht in Frage kommt”, schließen Mötefindt und Nicolai aus der oben (unter 1. f.) erörterten These, wonach die Gründung eines Laurentius-Klosters vor 955 unmöglich sei. Wir sahen, daß diese Ansicht unbewiesen und unrichtig ist. Aber freilich: aus königlichem Stamm ist die jüngere Oda so wenig wie die Großmutter entsprossen. Auch scheint sie hauptsächlich in Lothringen begütert gewesen zu sein, so daß man Bedenken tragen wird, gerade ihr die Gründung eines Klosters in Calbe zuzuschreiben.

3. Eine andere Dame, die Mötefindt und Nicolai nicht erwähnen, an die man aber möglicherweise doch auch denken könnte, ist die Kaiserin Ota (Uda), die Gemahlin Arnulfs. Sie ist seit 888 in dieser Eigenschaft nachweisbar und hat ihren Gatten (+ 899) überlebt. Über ihre Herkunft wissen wir nicht sicher Bescheid. Wahrscheinlich aber gehörte sie dem rheinfränkischen Geschlecht der Konradiner an 63), das in Konrad I. (911 bis 918) dem Deutschen Reich seinen ersten König gegeben hat, aber selbst doch gewiß nicht königlichen Stammes war. Zudem hatte die Kaiserin Ota zu Sachsen, soweit wir erkennen können, keinerlei Beziehungen, so daß man ihr die Gründung eines sächsischen Frauenstifts nicht zusprechen wird.

4. Bleibt schließlich Oda, die uns schon bekannte Nonne des Klosters Calbe, die um 98o die zweite Gemahlin Misecos von Polen geworden ist. Mötefindt und Nicolai, die die anderen Frauen dieses Namens in der Frage nach der Gründerin des Klosters Calbe abgelehnt haben, möchten in ihr diese Gründerin sehen 64), ein Gedanke, der übrigens nicht so neu ist, wie sie glauben, da u. a. schon Hauck diese Ansicht geäußert hat. Nun sagt freilich Thietmar, der uns doch allerhand erzählt von Oda und dem Aufsehen, das die Ehe der Nonne von Calbe mit dem Polenherzog machte 65), kein Wort davon, daß diese Oda die Gründerin oder erste Äbtissin des Klosters zu Calbe gewesen sei. Aber, meinen Mötefindt und Nicolai, Thietmar als Bischof, der es mit seinen eigenen Verpflichtungen sehr streng nahm, mußte es wohl als außerordentlich peinlich empfinden, einen so schweren Fall von kirchlicher Zuchtlosigkeit zu berichten, und er „wollte deshalb die Schuld der Oda und den Widerstand gegen die Gesetze der Kirche durch genaue Schilderung nicht noch größer erscheinen lassen 66) ". Diese Motivierung dürfte indes nicht stichhaltig sein, da Thietmar in seinem Bericht über Oda durchaus kein Blatt vor den Mund nimmt, was bekanntlich überhaupt nicht seine Art ist, und da die ganze Stelle über die Nonne, die sich ohne kirchliche Erlaubnis verheiratete und in „großer Vermessenheit” ihrem himmlischen Bräutigam einen Kriegsmann vorzog, gar nicht den Eindruck macht, daß hier irgendetwas verheimlicht werde. Hätte Thietmar verschweigen wollen, daß es die Gründerin von Kloster Calbe war, die den Fehltritt beging, dann hätte er wohl gewiß nur von einer Nonne und nicht von einer Nonne aus Calbe gesprochen. Aber, wie gesagt, nach einem Verschweigen sieht seine Erzählung überhaupt nicht aus.

Eine andere Erwägung, die gegen Oda spricht, darf nicht außer acht gelassen werden, und es fällt auf, daß Mötefindt und Nicolai, die das gleiche Bedenken bei jener alten Oda von Gandersheim richtig hervorgehoben haben, diesmal es gar nicht erwähnen. Sie behaupten, auf das völlig unzuverlässige Buch von Böttger über die Brunonen gestützt, daß Oda, die Tochter des Markgrafen Thiedrich und Nonne zu Calbe, im fünften Gliede von der alten Oda, der Gemahlin Herzog Liudolfs und Mitgründerin Gandersheims, abstamme 67). Selbst wenn das richtig wäre — was nicht der Fall ist —, würde daraus so wenig wie bei der alten Oda eine Geburt aus königlichem Stamme folgen. Von einer solchen kann bei der Tochter des Sachsen Thiedrich, der mit dem Königshaus nicht verwandt war, ganz gewiß nicht gesprochen werden, und man wird gut tun, bei der Frage nach der Gründerin des Klosters Calbe von dieser Oda, die in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts daselbst Nonne gewesen ist, durchaus abzusehen.

Wer aber war denn die Gründerin, wenn bei keiner Oda, die wir kennen, die Bezeichnung „aus königlichem Stamm entsprossen” (regia stirpe orta) zutrifft? Da man an ein völlig unbekanntes Glied des Königshauses nur sehr ungern glauben wird, dürfte am ehesten eine der beiden erstgenannten Damen, die Mutter oder die Tochter Ottos des Erlauchten, in Betracht kommen. Die regia stirps wäre dann nicht im strengen Sinne auf Abstammung von einem König (königliches Geblüt), sondern nur auf die Zugehörigkeit zu dem königlichen Stammbaum zu beziehen, nicht nur von Deszendenten, sondern auch von Aszendenten König Heinrichs I. gebraucht, eine Annahme, der wohl keine ernsten Schwierigkeiten im Wege stehen. Dann aber glauben wir, daß die älteste und berühmteste Oda, die Gemahlin Liudolfs und Mitbegründerin des Klosters Gandersheim, mit erheblich größerer Wahrscheinlichkeit für die Gründung des Laurentius-Klosters in Calbe an der Milde in Anspruch genommen werden darf, als ihre weit weniger bekannte, nach Lothringen verschlagene Enkelin.

Wir rekapitulieren. Der Ort Calbe, der zweimal bei Thietmar vorkommt und in dem sich ein dem heiligen Laurentius geweihtes Nonnenkloster befand, ist Calbe an der Milde, nicht Calbe an der Saale. Calbe an der Milde gehörte zur Diözese Halberstadt; es lag rechts der Milde, da, wo noch heute die Burgruine sich befindet, der älteste Teil der Stadt. Der Hauptteil des heutigen Calbe stammt aus der späteren Kolonialzeit. Die Gründerin des Laurentius-Klosters in Calbe, eine Gräfin Oda, war aller Wahrscheinlichkeit nach Oda, die Gemahlin des Herzogs Liudolf von Sachsen, dieselbe, die mit ihrem Gemahl im Jahre 856 das Nonnenkloster Gandersheim gestiftet hat. Im 10. Jahrhundert war im Laurentius-Kloster zu Calbe eine andere Oda Nonne, die Tochter des Markgrafen Thiedrich von der sächsischen Nordmark (965-985), die der Herzog Miseco von Polen nach dem Tod seiner ersten Gemahlin (977) unter Mißachtung kirchlicher Vorschriften zur Gattin genommen hat. Im Jahre 983 ist der Abodritenfürst Mistui in Calbe eingedrungen und hat das Laurentius-Kloster verwüstet. Es scheint in der Folge nicht mehr recht in die Höhe gekommen zu sein, ist noch mehrmals geplündert worden und wurde schließlich 1121 durch den Bischof von Halberstadt dem gleichfalls aus einem Nonnenkloster hervorgegangenen Augustiner-Chorherrnstift zu Schöningen übereignet. Aus der Überweisungsurkunde kennen wir die Besitzungen, die dem Kloster Calbe damals gehörten und die hauptsächlich in der Börde und in der Altmark lagen. Außer dem Laurentius-Kloster zu Calbe kennt Thietmar noch ein anderes Laurentius-Kloster, das sich in Magdeburg befand. Es stand um 990 unter der Leitung seiner kranken Nichte oder Base Brigida, während ums Jahr l000 Mathilde, eine Schwester der vorhin genannten Nonne Oda, daselbst Äbtissin wurde.


Anmerkungen und Quellen
1) Oberprediger Müller, Das Lorenzkloster zu Calbe, 21. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins für vaterländische Geschichte und Industrie zu Salzwedel, Abteilung für Geschichte, 1. Heft (1886), S. 1—17. Der verdiente Verfasser, Julius Müller, ist am 11. Jan. 1839 in Warnow (Westpriegnitz) geboren, war 1865—1868 Konrektor und Nachmittagsprediger in Gardelegen, 1868—1874 Diakonus und 1874 bis 1916 Oberpfarrer in Calbe an der Milde, dazu seit 1894 Superintendent des Kirchkreises Clötze; er starb am 10. März 1922 in Calbe a. d. M. — Vor ihm war in der hier behandelten Frage namentlich Johann Friedrich Danneil im 1. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins (1838), S. 13—17, und im 5. Jahresbericht desselben (1842), S. 45—51, für Calbe an der Milde eingetreten. Doch hatte schon viel früher ein unter dem Pseudonym Trichorius sich verbergender Verfasser in den Braunschweigischen Anzeigen von 1748 die gleiche Entscheidung getroffen; vgl. Anm. 50.
2) G. Hertel, Noch einmal das Lorenzkloster zu Calbe, 21. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins, 2. Heft (1887), S. 69—74. Vgl. auch dens., Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg 19 (1884), S. 356, und in seiner Geschichte der Stadt Calbe an der Saale (1904), S. 16. Hertel läßt die Frage unentschieden. So auch in dem von ihm und Gustav Sommer bearbeiteten Band: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen, 10. Heft, Der Kreis Calbe (1885), S. 33.
3) W. Giesebrecht, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter der Herrschaft Kaiser Ottos II. (184o), S. 101, 16o f.; ders., Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Bd. 1 (1855), S. 554, 574, 5. Aufl. (1881), S. 583, 605. Ebenso Eugen Zharski, Die Slavenkriege zur Zeit Ottos III., Jahres-Bericht des Ober-Gymnasiums in Lemberg für 1882, S. 5o.
4) F. Kurze in seiner unter Anm. 6 zitierten Thietmar-Ausgabe (1889), S. 59 Anm. 3; A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands Bd. 3, 3. u. 4. Aufl. (1906), S. 141 Anm. 1; K. Uhlirz, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. (1902), S. 204; Rudolf von Kalben im 30. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins (1903), S. 169; F. Curschmann, Die Diözese Brandenburg (1906), S. 39 Anm. 4; Friedrich Geppert in der Thüringisch-Sächsischen Zeitschrift für Geschichte und Kunst 16 (1927), S. 216. Doch ist der Aufsatz Müllers nirgends zitiert und die meisten scheinen ihn nicht gekannt zu haben.
5) H. Mötefindt und H. Nicolai, Das Nonnenkloster des heiligen Laurentius zu Calbe, Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg Bd. 49/50 Jahrg. 1914/15 (1916), S. 319—353. Hier ist S. 319 f. über die ältere Literatur gehandelt. Für Calbe an der Saale waren eingetreten: Joh. Heinr. Hävecker (1720) mit Zweifel, Joh. Christoph Beckmann (1753), Siegmund Wilh. Wohlbrück (1819), Adolf Friedr. Riedel (1831), Leop. v. Ledebur (1841) und Gustav Schmidt (1883); vgl. unten Anm. 9. — Mit Recht verwerfen Mötefindt und Nicolai S. 320 Anm. 3 den Einfall Cunos, Calbe in der Vorstadt Ostendorf vor Schöningen zu suchen, gegen H. Böttger (1865) und Hertel (1887)
6) Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon, hsg. von F. Kurze (1889, in den Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum ex Mon. Germ. hist.), S. 59: Temporibus hiis [voran geht die Verwüstung der Bistümer Havelberg und Brandenburg durch die Slawen] ecclesia Citicensis a Boemiorum exercitu Dedi duce capta est et depredata, Hugone primo tunc episcopo hinc effugato. Posteaque monasterium sancti Laurencii martiris in urbe, quae Calwo dicitur, situm desolantes, nostros sicuti fugaces cervos insequebantur; nostra etenim facinora nobis formidinem et his suggerebant validam mentem. Mistui, Abdritorum dux Ho^manburg, ubi sedes episcopalis quondam fuit, incendit atque vastavit. Folgt die wunderbare Rettung der Reliquien, darauf: Post haec Mystuwoi in amentiam versus in vinculis tenetur;et aqua benedicta inmersus „Sanctus”, inquid, „me Laurentius incendit”, et antequam liberaretur miserabiliter obiit. Die Worte Post haec — obiit hatte Thietmar eigenhändig am linken Rand des Blattes nachgetragen; sie wurden später von einem Schreiber am unteren Rand in schönerer Schrift wiederholt und dann an der ersten Stelle ausradiert, vgl. unten. Über Mistui handelte zuletzt Bernhard Schmeidler, Hamburg-Bremen und Nordost-Europa im 9. bis 11. Jahrhundert (1918), S. 319 ff.
7) Der Zug der Böhmen gegen Zeitz kann nicht nach 979 stattgefunden haben, da der Bischof Hugo von Zeitz, den sie vertrieben, nach den Annales necrologici Fuldenses (Mon. Germ. hist., SS. 13, . S. 204 Zl. 33) in diesem Jahre gestorben ist und Thietmar selbst, Chron. III, 16 (9), S. 57, zu 981 bereits seinen Nachfolger Friedrich nennt. Es ist das Verdienst von W. Giesebrecht, Jahrbücher S. 39 f., 159, das zuerst erkannt zu haben; er stellt den Zug zu 976 oder 977. Ähnlich dann Ludwig Giesebrecht, Wendische Geschichten, Bd. 1 (1843), S. 255; Otto Posse, Die Markgrafen von Meißen und das Haus Wettin (1881), S. 15, 225; Uhlirz, Jahrbücher S. 91; Bertold Bretholz, Geschichte Böhmens und Mährens bis zum Aussterben der Piemysliden (1912), S. 1o8. Eine Naumburger Bischofschronik, die ihr Herausgeber, Christian Franz Paullini, Rerum et antiquitatum Germanicarum syntagma (1698) III, 125 ff., dem Domdechanten Johann von Eisenach (15. Jahrh.) zuschreibt, setzt S. 129 den Zug des „Böhmenherzogs” Dedi zu 974, und das übernimmt C. P. Lepsius, Geschichte der Bischöfe des Hochstifts Naumburg, Bd. I (1846), S. 6. Doch hat der Naumburger Chronist nur eine Vorlage mißverstanden, die das ihr aus Thietmar bekannte Ereignis in die Zeit Ottos II. setzte und dessen Regierung „circa 974” beginnen ließ; vgl. Pauli Langii Chronicon Citizense, bei Jo. Pistorius, Illustrium veterum scriptorum tomus unus (1583), S. 766 (2. Aufl. v. Struve 1726 I, 1132). W. Giesebrecht a.a.O., Exkurs XI (namentlich S. 159 bis 162), wollte in den Sätzen Temporibus — effugato und Post haec — obiit spätere Einschübe Thietmars erkennen; wörtlich gilt das nur von dem zweiten Satz, aber auch der erste steht augenscheinlich chronologisch in einem unrichtigen Zusammenhang.
8) Kurze, Thietmar-Ausgabe S. 59 Anm. 4. Diese Ansicht war für ihn möglich wegen seiner Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Randnotizen des Schreibers N; vgl. unten S. 182 f. Ebenso unter gleicher Voraussetzung Hauck a.a.O.; Uhlirz, Jahrb. S. 204 Anm. 51. Ähnlich schon früher R. Usinger bei Siegfried Hirsch, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter Heinrich II., Bd. I (1862), S. 483 f. Anm. 1. Kurze freilich hat in den Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 3. Ergänzungs-Bd. (1890—1894), S. 436 Anm. 2 seine Ansicht geändert; er glaubt hier, daß die Abodriten Calbe zerstörten, und daß Thietmar die Marginalnotiz einer Vorlage auf eine falsche Stelle bezog (über diese angenommene Vorlage Thietmars vgl. Anm. 22).
9) Mötefindt und Nicolai S. 325 f. Sie setzen den Zug der Böhmen gegen Zeitz, der dann nach Calbe an der Saale weitergegangen sei, ins Jahr 979, verbinden S. 328—331 damit die Heirat Misecos von Polen mit der Nonne des Klosters Calbe, Oda (vgl. unten), und „rekonstruieren” dazu „durch Kombinationen” eine „köstliche Liebesgeschichte”, an die es allzu schade ist, die Sonde der Kritik zu legen. — Übrigens hatten schon andere Forscher, die das Calbe Thietmars für Calbe an der Saale hielten, eben deshalb Dedi und die Böhmen von Zeitz nach Calbe weiterziehen lassen. So, außer den bei Mötefindt und Nicolai S. 330 genannten Vorgängern betr. Entführung der Oda, Joh. Christoph Beckmann, Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg, Bd. 2 (1753), I, 9, Sp. 51; Ad. Friedr. Riedel, Die Mark Brandenburg im Jahre 1250, Bd. i (1831), S. 26; L. v. Ledebur in den Neuen Mitteilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen, Bd. 5, Heft 4 (1841), S. 78. Zharski S. 49 f. läßt die Böhmen sogar bis Calbe an der Milde vorstoßen.
10) Müller S. 1o.
11) Mötefindt und Nicolai S. 326 f. Ihre Ausführungen leiden hier entschieden an logischer Schwäche.
12) Thietmar III, 16 (9), S. 58, hat diese Auffassung; aber nicht nur die beiden unten Anm. 19 genannten Magdeburger Quellen (SS. 14, S. 388; SS. 16, S. 156) stimmen mit ihm überein, sondern auch Brun von Querfurt, Vita S. Adalberti cap. 10 u. 12 (SS. 4, 1841, S. 598, 600 f.; Monumenta Poloniae historica, hsg. v. Aug. Bielowski, Bd. 1, 1864, S. 194, 198f.). Vgl. Giesebrecht, Kaiserzeit Bd. 1, S. 575, 5. Aufl. S. 605; Uhlirz, Jahrb. S. 204.
13) Die Original-Handschrift der Chronik Thietmars ist im Faksimile herausgegeben: Die Dresdener Handschrift der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, 2 Bde. 1905 (mit Einleitung von Ludw. Schmidt). Die Stelle über Mistui steht Bd. 1, Blatt 43 b.
14) Joh. Martin Lappenberg schreibt SS. 3, S. 765 Note b unsere Randnotiz der Hand 1 b zu ; das soll aber nach S. 732 Zi. 35 die Hand Thietmars sein. Danach Müller S. 10 f.
15) Kurze, Thietmar-Ausg. praef. S. XV. Auch die ebd. S. 226 u. 244 mit zwei Sternen angemerkten Notizen stammen von Thietmar selbst; vgl. Schmeidler a. a. 0., S. 332, Anm. 1.
16)Mötefindt und Nicolai S. 325, nach Müller a. a. 0.
17)Schmeidler S. 331 ff., Exkurs: Der Interpolator N in der Dresdener Handschrift des Thietmar von Merseburg. Hier S. 339 die folgenden Zitate. Vgl. H. Breßlau, Geschichte der Monumenta Germaniae historica (1921 = Neues Archiv Bd. 42), S. 674 Anm. 5; R. Holtzmann, Sachsen und Anhalt Bd. 2 (1926), S. 69 Anm. 81.
18)Darüber sind sich, auf Grund der geographischen Lage, alle Forscher einig (mit Ausnahme von Zharski, vgl. oben Anm. 9). L. v. Ledebur S. 81 meinte, Thietmar werde unter einem zusatzlosen „Calbe” doch den, seinem Merseburg näher gelegenen Ort (Calbe a. d. S.) gemeint haben. Aber Walbeck an der Aller, woher Thietmar stammte, und wo er Propst war, ehe er Bischof von Merseburg wurde, liegt näher bei Calbe a. d. M. Und vor allem: wenn Thietmar von dem Lorenzkloster in Calbe redete, dann wußten die Zeitgenossen genau, welches Calbe gemeint war.
19)Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium, Mon. Germ. hist. SS. 14, S. 388 f.; Annales Magdeburgenses, SS. 16, S. 156 (am Schluß des Jahresberichtes 982). Vgl. Kurze, MIÖG. Erg.-Bd. 3, S. 435-437, wo die Rekonstruktion der Darstellung dieser Ereignisse in der von Kurze angenommenen ältesten Magdeburger Chronik versucht ist.
20)Die Gesta haben also diese Reihenfolge: Havelberg-Brandenburg, Zeitz, Hamburg, Calbe; die Annalen: Zeitz, Havelberg-Brandenburg, Calbe, Hamburg. Beide Quellen berichten übrigens eine Verbrennung des Klosters Calbe, was der Wortlaut bei Thietmar zwar nicht ausdrücklich hervorhebt, aber doch gleichfalls nahelegt.
21)Für das Wunder, durch welches beim Brande Hamburgs die Reliquien der Heiligen in den Himmel gerettet wurden, beruft sich Thietmar auf das Zeugnis des Avico, der damals (983) Mistuis Kaplan war und später (wohl in Magdeburg) Thietmars geistlicher Bruder wurde: id mihi indicavit Avico, capellanus tunc eins [Mistuwoi?c], et spiritualis frater meus postea effectus. Sed ego cum eodem sic tractavi, reliquias sanctorum itinere in caelum divinitus collatas abisse hostesque terruisse atque fugasse. Daß Thietmar mit Avico über diese Wundergeschichte gesprochen hat, ist danach also gewiß. Aber auch der Verfasser der Gesta, der das Wunder, statt von Hamburg, von Calbe erzählt, beruft sich auf einen Zeugen, den er Anaco nennt (SS. 14, S. 389 Zl. 1): Hec retulit Anaco clericus, qui ibidem captus fuerat. Dies beruht offenbar einfach auf einer Entstellung oder Verlesung des Thietmar-Textes, wie schon van Hout S. 21 und weniger präzis Günther S. 16 (vgl. die folgende Anm.) mit Recht hervorgehoben haben, während W. Schum in der Ausgabe der Gesta S. 389 Anm. I es zu Unrecht bestritt. Richtig Kurze, MIÖG. Erg.-Bd. 3, S. 437 Anm. 2; Paul Simson, Neues Archiv Bd. 19 (1894),S. 353.
22)Daß Thietmar eine Magdeburger Quelle benutzt hat, behauptete zuerst Lappenberg SS. 3, S. 729. Dann stellte W. Giesebrecht, Jahrbücher S. 156 ff., Exkurs XI fest, daß die verlorene Magdeburger Chronik eine gemeinsame Quelle Thietmars, der Gesta und der Annalen war. Ihm folgten in der Annahme einer solchen alten Magdeburger Quelle: G. H. Pertz, SS. 16 (1859), S. 105 mit Anm. 6; Carl Günther, Die Chronik der Magdeburger Erzbischöfe, I. Teil (Diss. Göttingen 1871) S. 16; W. Schum, SS. 14 (1883), S. 363 f., 388 Anm. 4; Müller S. 10; Kurze, Thietmar-Ausg., praef. S. XI f.; ders., Die älteste Magdeburger Bistumschronik, Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 3. Ergänzungs-Band (189o-1894), S. 397 ff. — Die Ansicht wurde bekämpft von Ferd. van Hout, De chronico Magdeburgensi (Diss. Bonn 1867), S. 7—25; Paul Simson, Zu den ältesten Magdeburger Geschichtsquellen, Neues Archiv Bd. 19 (1894) ; Uhlirz, Jahrbücher S. 204 Anm. 51; Mötefindt und Nicolai S. 324 f. Doch stützen die erstgenannten Autoren sich auf die irrige Ansicht Kurzes über die N-Notizen bei Thietmar. Gewiß unrichtig ist, daß Kurze die angenommene alte Magdeburger Chronik dem Erzbischof Tagino zuschreibt.
23)Thietmar a.a.O. S. 95: [Miseco] unam sanctimonialem de monasterio, quod Calva dicitur, Thiedrici marchionis tiliam,absque canonica auctoritate duxit. Oda fuit nomen eius, et magna erat presumptio illius. Spreverat enim sponsum coelestem, preponens ei virum militarem, quod cunctis aecclesiae rectoribus et maxime antistiti suimet venerabili Hilliwardo displicuit. Daß Oda die älteste Tochter Thiedrichs war, sagen die Annales Quedlinburgenses 1023 (SS. 3, S. 88).
24) Urkundenbuch des Hochstifts Halberstadt und seiner Bischöfe, hsg. v. Gustav Schmidt Bd. I (Publicationen aus den Preußischen Staatsarchiven Bd. 17, 1883), S. 122 ff. Nr. 151; vgl. unten. Zur Verwandlung des Nonnenklosters zu Schöningen in ein Augustiner-Chorherrnstift: Schmidt S. 118 ff. Nr. 149.
25)Cosmas von Prag, hsg. v. B. Bretholz (SS. rer. Germ., Nova series 2, 1923), S. 49; daraus Annalista Saxo, SS. 6, S. 633 in einem Einschub zu Thietmar. Mötefindt und Nicolai S. 328 Anm. 20 reden von einer Divergenz der beiden Quellen, die gar nicht besteht. Lediglich die alte, von ihnen nicht benutzte Ausgabe des Cosmas von Marquard Freher (1621) S. 15 bringt den Tod der Dobrawa falsch zu 976.
26)Mötefindt und Nicolai S. 332, zu einem guten Teil wörtlich (doch ohne Zitat) aus Hertel S. 70, der aber in den Folgerungen viel vorsichtiger ist. Hertel S. 71 meint, Oda habe vielleicht einem im Halberstädter Sprengel gelegenen Kloster angehört, sei aber bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Calbe von Miseco entführt worden. Diese Lösung wird man, namentlich im Hinblick auf die Urkunde von 1121, durchaus ablehnen. Hauck S. 141 Anm. I legt Calbe an der Milde mit Recht in die Diözese Halberstadt, ebenso Gottfried Wentz, Übersichtskarte der kirchlichen Einteilung der Mark Brandenburg im J. 1500 (Histor. Atlas der Provinz Brandenburg, hsg. von der Histor. Kommission f. d. Prov. Brandenburg, Reihe 1, Kirchenkarten Nr. 1, 1929).
27)Die Grenze der Diözesen wird uns, im wesentlichen gleichlautend, angegeben in den Annales Quedlinburgenses 781 (SS. 3, S. 38), im Annalista Saxo 803 (SS. 6, S. 565), in der Halberstädter Bistumschronik (SS. 23, S. 79, SS. 30, S. 20) und in der angeblichen (gefälschten) Gründungsurkunde Karls des Großen für Verden, Mon. Germ. hist., DD. Karol. Bd. 1, S. 337. Ohre, Milde, Biese und Aland waren danach in der hier interessierenden Gegend die Grenze (doch hat die Urkunde an Stelle der Milde den Namen Rodouue). Vgl. Anton Christian Wedekind, Noten zu einigen Geschichtschreibern, Bd. 1 (1823), S. 71f.; August von Wersebe, Beschreibung der Gaue zwischen Elbe, Saale und Unstrut (1829), S. 140 f., 145; Danneil im 1. Jahresber. S. 15, 5. Jahresber. S. 5o f.; v. Kalben im 30. Jahresber. S. 152 f.; Julius Langer, Die Grenze der Bistümer Verden und Halberstadt von der Elbe bis zur Ohre, Mitteilungen des Vereins f. Erdkunde in Halle a. S., 30. Jahrg. (1906), wo auch von Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Diözesen die Rede ist; M. Tangl, Archiv für Urkundenforschung Bd. 2 (1909), S. 193 f., 199 ff.
28)Vgl. den nebenstehenden Stadtplan von Calbe an der Milde (Maßstab 1 : 25 000).
29)Codex diplomaticus Brandenburgensis, hsg. v. Philipp Wilhelm Gercken, Bd. 3 (1771), S. 6o ff. Nr. X (S. 63: medietatem burgwardii Calue cum suis attinentiis); Riedels Codex dipl. Brandenburgensis, 3. Hauptteil Bd. I (1859), S. 2 ff. Nr. 2 (S. 3 unten). Vgl. Beckmann Sp. 44 f.; v. Kalben im 29. Jahresber. (1902), S. 1o5. Calbe an der Milde war also ebenso der Mittelpunkt eines Burgwards wie Calbe an der Saale, dessen Burgward 961 in einer Urkunde Ottos des Großen (DO. I. 222 b) genannt wird. Schon daraus ist klar, daß auch Calbe an der Milde ein hohes Alter hat.
30)Urkunden bei G. Schmidt a.a.0., S. 237 f., 255 f., Nr. 274, 275, 285. Vgl. Müller S. 8; Hertel S. 70. Die beiden ersten Urkunden sind aus dem März 1174, die letzte ist mit Stumpf Reg. 4563 zu 1179 zu stellen.
31)Müller S. 6 f.
32)Album academiae Vitebergensis, hsg. v. Karl Eduard Förstemann, Bd. 1 (1841), S. 71: Thomas Gher de Calbis dioc. Halberstaden. 20. april. (1518). Was Müller S. 7 gegen die Glaubwürdigkeit anführt, ist doch von sehr zweifelhafter Bedeutung. Über die Salzwedeler Kirchenvisitation von 1551 Müller S. 6.
33)Über die Veränderung des Flußlaufes vgl., zu Müller S. 8, die sehr einleuchtenden Ausführungen von Rud. v. Kalben im 30. Jahresber. S. 169—18o (mit Karte). Die Frage ist insofern von Bedeutung, als dann der Nonnenwerder und der Lorenzkirchhof bei Calbe, die heute auf der linken Seite der Milde liegen, ursprünglich gleichfalls im Gebiet der Halberstädter Diözese gelegen hätten und also an das ehemalige Nonnenkloster des hlg. Laurentius erinnern könnten. Beckmann Sp. 51 spricht sogar von alten Leuten in Calbe a. d. M., die noch von der einstigen Existenz eines Lorenzklosters daselbst wußten. Ähnlich neuerdings H. Sange, der im August 1927 im „Montagsblatt” der Magdeburgischen Zeitung über die Geschichte der Stadt Calbe an der Milde bis 1720 gehandelt hat: „Vor Calbe soll früher ein Kloster des Hl. Laurentius gestanden haben. Einwohner Calbes haben um 1600 noch Mauern davon gesehen. Zugleich wurden Steine und Gerippe an der Stelle ausgegraben. Den Ort nannte man Lorenz-Kirchhof. Einen Acker benannten die Bürger Nonnenwerder.” Vgl. auch Danneil im 1. Jahresber. S. 16 f. und die Karte von G. Wentz. Als Ort des Klosters käme nicht der Nonnenwerder südlich der Stadt in Betracht, auf dem auch keinerlei mittelalterliche Funde gemacht worden sind, sondern der sog. Lorenzkirchhof, ein Gelände am Nordausgang von Calbe, wo übrigens noch vor einiger Zeit bei Ausschachtungsarbeiten ein Gegenstand gefunden wurde, in dem man wohl einen frühmittelalterlichen Schlüssel zu sehen hat (der derzeitige Besitzer dieses Fundes, Mittelschullehrer Julius Müller, ein Sohn des Superintendenten, gab mir darüber Auskunft). Doch soll auf diese Dinge hier kein Wert gelegt werden. Auch in Calbe an der Saale gibt es Namen, die an Nonnen oder ein Kloster des hlg. Laurentius erinnern könnten; so die Lorenzkirche in der Bernburger Vorstadt (Hertel u. Sommer, Beschr. Darstellung d. Bau- u. Kunstdenkmäler, Kr. Calbe, S. 43 f.) und anderes, wovon Hertel S. 71 f., Mötefindt und Nicolai S. 340 ff. sprechen.
34)So der nach DO. I 222b berichtigte Text; Mötefindt und Nicolai S. 332 zitieren, wie meist, nach einem schlechten Druck. Schlimmer ist, daß sie wirklich meinen, Otto d. gr. habe 961 durch diese Urkunde den Ort Calbe a.d.S. dem Magdeburger Moritzstift geschenkt, waraus sie dann, in Verbindung mit ihrer Annahme, daß derhlg. Laurentius in Sachsen erst seit 955 vorkomme vgl. unten mit Anm. 61), zu dem Schluß kommen, daß das Laurentius-Kloster in Calbe zwischen 955 und 961 gegründet worden sei (S.334 f.). Hier sind die Prämissen ebenso falsch wie der Schluß. Otto I. hat durch D. 222b der Moritzkirche zu Magdeburglediglich den Zehnten zu Magdeburg, Frohse, Barby und Calbe a.d.S. geschenkt, soweit derselbe nicht dem Bischof von Halberstadt vorbehalten war; und man kann sagen, daß die Urkunde es geradezu unwhrscheinlich macht, daß in Calbe a.d.S. damals ein Kloster existiert habe. - Zu dem Zehnten hat Otto der Moritzkirche 965 auch einen Königshof in Calbe a.d.S. geschenkt (DO. I.278), und seine beiden Nachfolger haben 974 und 992 der erzbischöflichen Kirche zu Magdeburg diese Schenkung bestätigt (DO. II. 82, DO. III. 102). Erst nach dem Tod des Marggrafen Hodo 993 ging die -stadt Calbe a.d.S. in den Besitz des Magdeburger Erzstifts über (DO. III. 118). Mit der Abgrenzung der Magdeburger Diözese hat das alles nichts zu tun. - Riedel Bd. I S.26 redet, als habe es nie eine Magdeburger Diözese gegeben.
35) Thietmar IV, 16 (11) ; VI, 44 (30). Er war danach drei Jahre lang (988 bis 991) dem Abt Rikdag von Kloster Berge anvertraut und wurde am 1. Nov. 991 unter die Kanoniker von St. Moritz eingereiht; seit 1002 war er Propst von Walbeck an der Aller.
36)Thietmar a.a.O., S. 8: Hoc ego cum subsequenti die nepti meae, quae Brigida dicebatur, cura regens pastorali monasterium sancti Laurentii, referrem in infirmitate sui corporis laboranti, ... Man vermutet, daß Brigida eine Tochter von Thietmars Oheim, dem Markgrafen Liuthar von der sächsischen Nordmark (985 bis 1003), also eine Base Thietmars gewesen ist. Sie ist in den 9oer Jahren zu Ende Dezember gestorben; das Necrologium Magdeburgense, hsg. v. E. Dümmler, Neue Mitteilungen aus dem Gebiet hist.-antiq. Forsch. Bd. 10, 2. Hälfte (1864), nennt S. 265 als Todestag der Brigida abbatissa, wohl mit Recht, den 29. Dez., das Necrol. Merseburgense, hsg. v. dems., ebd., Bd. 11 (1867), S. 247, den 30. Dez. Vgl. George Adalbert v. Mülverstedt, Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis, Bd. 1 (1876), S. 168, Nr. 388.
37)Johann Friedrich August Kinderling (1743-1807), Philologe und Polyhistor aus Magdeburg, war Pastor in Calbe a. d. S. Die Bemerkung zu unserer Stelle in Dithmari Chronicon, hsg. v. Joh. Augustin Wagner (1807), S.10 Anm. 47, wiederholt von Lappenberg, SS. 3, S. 738 Anm. 50. Vgl. auch unten Anm. 44.
38)Kurze, Thietmar-Ausg. S. 8 Anm. 6. Danach H. G. Voigt, Brun von Querfurt (1907), S. 26.
39)Es wurde 1209 geweiht und in der Folge ausgebaut; v. Mülverstedt, Reg. Bd. 2 (1881), S. 149 Nr. 350, S. 187 Nr. 416. Vgl. Janicke, Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, Bd. 3 (1868), S. 444; Hauck (3. u. 4. Aufl.) Bd. 3, S. 141 Anm. 1, Bd. 4 (1913), S. 1024.
40) v. Mülverstedt, Reg. Bd. 1, S. 165 Nr. 380.
41)Hertel S. 69 f., freilich mit dem vorsichtigen Zusatz, daß auch damit kein bestimmtes Ergebnis in der Frage, in welchem Calbe das Lorenzkloster gelegen habe, geliefert werde. Mötefindt und Nicolai S. 338 f. schreiben ihn wieder einfach ab. Hauck Bd. 3 a.a.0. hält es wenigstens für wahrscheinlich, daß es sich bei dem Kloster der Brigida um dasjenige in Calbe (nach ihm aber in Calbe a. d. M.) gehandelt habe.
42) In Magdeburg „in der Kirche der Kaufleute” (also in der Marktkirche St.Johannis) wurden nachts Verstorbene gesehen, die die Lichter angesteckt hatten und Psalmen sangen. Thietmar hatte diese Geschichte selbst nur durch Zeugen vernommen, so daß es gewiß nicht auffällig ist, daß er erst am Tag darauf (am Tag nach der nächtlichen Wundererscheinung!) mit Brigida darüber sprach. Die anderen Überlegungen Hertels sind ebenso zweifelhafter Art. Weshalb müßte Brigida, wenn sie in Magdeburg war, die Wundernachricht schon früher erfahren haben? Und nehmen wir einmal an, sie war in Calbe: weshalb muß Thietmar zu Fuß gegangen, weshalb am gleichen Tag wieder zurückgekehrt sein?
43) Brunonis Vita S. Adalberti prior, cap. 17: Mon. Germ. hist. SS. 4, S. 604 Zl. 4i f.; Mon. Pol. hist., hsg. v. Bielowski, Bd. 1, S. 205 Zl. 14; deutsch bei H. G. Voigt, Brun von Querfurt (1907), S. 354. Vgl. auch Voigt, Adalbert von Prag (1898), S. 25. Nach Voigt war Adalbert um 956 geboren und von 972—981 in Magdeburg.
44)Thietmar a.a.0., S. 99 f.: posteaque tantae solutionem miseriae et abbaciam in Magadaburg indigna percepit. Thietmar hat die Worte et — Magadaburg zwischen den Zeilen eigenhändig mit Verweisungszeichen eingetragen. Auch Kinderling a.a.0., S. 102 Anm. 67, meint, die Abtei der Mathilde in Magdeburg sei wahrscheinlich mit dem Lorenzkloster der Brigida identisch, sieht hier also von der Möglichkeit ab, das letztere mit dem Kloster in Calbe zu identifizieren (vgl. oben S. 192 f.). Nach Hauck Bd. 3, S. 1039 könnte man glauben, es habe in Magdeburg seit 992 auch ein Nonnenkloster St. Andreas gegeben. Das ist aber eine Verwechslung mit Walbeck (im Mansfeldischen); vgl. richtig ebd. S. 1017 nach Annales Magdeb. 992 (SS. 16, S. 158), Annalista Saxo 992 (SS. 6, S. 637 f.), auch Annales Quedlinb. 997 (SS. 3, S. 74) und dazu die DDO. III. 7. 81. — über Laurentius-Klöster in Sachsen vgl. unten.
45)Man sehe sich daraufhin nur eimal an, was wir über manche der bei Hauck im Klosterverzeichnis am Schluß aufgezählten Klöster wissen! Vom Lorenzkloster in Calbe hören wir zwischen Thietmar und der Urkunde von 1121 nichts. Über das Nonnenkloster in Schöningen, aus dem das Augustiner-Chorherrnstift daselbst hervorging (oben S. 187), wissen wir gar nichts.
46) malorum hominum depredatione sepius desolatus.
47)Die Drucke dieser, schon oben erwähnten Urkunde von 1121 werden im folgenden aufgezählt, der verhältnismäßig beste ist derjenige von G. Schmidt (vgl. oben Anm. 24). Das Original befindet sich im Braunschweigischen Landeshauptarchiv zu Wolfenbüttel. Ich habe es zusammen mit Hermann Voges, dem hilfsbereiten Direktor des Landeshauptarchivs, dem ich zudem für manche Auskünfte zu Dank verpflichtet bin, genau untersucht, und wir waren uns über die Lücke, die lesbaren Reste u. dgl. durchaus einig, so daß an den obigen Feststellungen kein Zweifel bestehen dürfte. Doch sei ausdrücklich hervorgehoben, daß der Buchstabe mit Oberlänge sicher, die Buchstaben ua vor nem nicht ebenso gewiß sind.
48) Andere Buchstaben mit Oberlänge (b, d, k, l) kommen nicht in Betracht, da der erhaltene obere Schaftteil mit einer Schlinge in der aus der Urkundenschrift bekannten Art verziert ist; solche Schlingen aber tragen in dieser Urkunde nur die Buchstaben f und s.
49) Johann Georg Leuckfeld, Antiquitates Halberstadenses (1714), S. 712f. Nr. 66. Ihm drucken nach: Johann Christian Lünig, Teutsches Reichs-Archiv Bd. 17 (Spicilegium ecclesiasticum Bd. 3, 1716), Anh. S. 31 Nr. 26; Sigismund Andreas Cuno, Memorabilia Scheningensia (1728), S. 283 (S. 53 und 6o seinen eigenen Druck nicht beachtend).
50)Trichorius, Braunschweigische Anzeigen, 4. Jahr (1748), Sp. 1489 der Druck, wozu Sp. 1485 die Bemerkung über die Ergänzung.
51)Johann Friedrich Falke, Codex traditionum Corbeiensium (1752), S. 76o. Die Worte iuxta — aquilonem sind kursiv gedruckt, aber ebenso Oda — orta sowie die Orts- und Personennamen.
52)[Adolf Friedrich Johann] Riedel's Codex diplomaticus Brandenburgensis, 1. Hauptteil Bd. 17 (1859), S. 427 Nr. 1o; Codex diplomaticus Anhaltinus, hsg. von Otto v. Heinemann, Bd. 1 (1867—1873), S. 152 Nr. 190, nur Auszug, mit der vorgeschlagenen Ergänzung in der Schlußbemerkung; UB. d. Hochst. Halberstadt, hsg. v. G. Schmidt, Bd. 1 (1883) S. 123. Vgl. Müller, der gleichfalls das Original eingesehen hat, S. 12—14.
53) Wenn wirklich noch Leuckfeld am Anfang der Lücke ein iu (oder in) erkannt haben sollte, wäre infra ganz sicher. Die Lesung versus aquilonem, für die zuletzt Müller eintrat, halte ich für unwahrscheinlich. Bei Calbe an der Saale ist mehrfach der Gau angegeben: Calua in pago Northuringorum heißt es in den oben Anm. 34 genannten ottonischen Urkunden von 965, 974 und 992. Aber eine derartige Bestimmung kommt hier nicht in Betracht.
54)Die Namen der Orte sind in den bisherigen Drucken nicht immer richtig wiedergegeben; vgl. einige Verbesserungen schon bei Müller S. 12 Anm. I. Im folgenden werden die Orte in überprüfter Schreibung und Deutung aufgeführt. Badenstedi könnte Büddenstedt zwischen Helmstedt und Schöningen sein, würde dann aber ganz aus dem Rahmen seiner Umgebung herausfallen. Die Lesung Thietirenrode ist nicht ganz sicher; es könnte auch Thietinerrode oder Thietinsrode heißen (Müller: Thietmerode, schwerlich richtig).
55) Vgl. über die Bedeutung der geographischen Lage der Besitzungen Müller S. 16; Mötefindt und Nicolai S. 337• Es wird nicht jedermanns Meinung sein, wenn die letzteren erklären, daß „die Lage der meisten Klostergüter in der Altmark wenig zur Sache tut.” Man hat vielmehr festzustellen, daß diese Orte in der Altmark ebenso wie der bei Bardowiek unbedingt für Calbe an der Milde sprechen. Der einzige Ort, der wirklich nahe bei Calbe an der Saale liegt, wäre Suammere, wenn seine Lage von Schmidt richtig bestimmt ist (Atzendorf liegt 12 km westlich von Calbe a. d. S.) ; auf die Bedeutung der Altmark-Orte wies schon Danneil im I. Jahresber. S. 17 mit Recht hin.
56) Mötefindt und Nicolai S. 333 ff. Sie stützen sich dabei auf Heinrich Böttger, Die Brunonen (1865), eine höchst bedenkliche Quelle. Die beiden Gräfinnen Oda aus dem II. Jahrhundert, die sie S. 336 nennen, lassen wir hier ganz weg, da sie ja in keiner Weise in Betracht kommen. Da hätte noch manche andere Oda genannt werden können, z. B. die Tochter des Markgrafen Ekkard von Meißen, vierte Gemahlin Boleslaws von Polen, die Thietmar IX (VIII), 1—2 erwähnt.
57)Hrotsvithae opera, hsg. v. Paul v. Winterfeld (1902, in SS. rer. Germ. in usum schol. ex Mon. Germ. hist.), S. 229 ff. (alte Ausg. SS. 4, S. 306 ff.). Dazu Agius, Vita Hathumodae, SS. 4, S. 166 ff.; Annales Quedlinburgenses 913 (SS. 3, S. 52) ; DDO. I. 89. 180.
58)Mötefindt und Nicolai S. 333. Es ist übrigens keineswegs richtig, daß die „uralte Vermutung”, wonach diese Oda die Gründerin des Lorenzklosters in Calbe sei, „von allen Historikern der Neuzeit weiter geschleppt wurde.” Die Vermutung ist nicht älter als das 18. Jahrhundert (vgl. unten Anm. 67) und keineswegs allgemein angenommen; so halten z. B. v. Wersebe S. 143 und Hauck Bd. 3, S. 141 Anm. 3 lange vor Mötefindt und Nicolai die Oda Thietmars für die Gründerin des Klosters.
59) Georg Waitz, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter König Heinrich I., 3. Aufl. (1885), S. 1o5; Ernst Dümmler, Geschichte des Ostfränkischen Reiches, 2. Aufl., Bd. 3 (1888), S. 634. Nur das darf man sagen, daß der Titel comitissa in der Urkunde von 1I21 wohl auf eine ältere Überlieferung zurückgehen würde.
60) Soweit wir überhaupt Kunde haben, waren die Verhältnisse an der sächsisch-slawischen Grenze in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts ziemlich friedlicher Art; vgl. Dümmler S. 333, 335, 411, 458. Über den slawischen Ortsnamen Calbe vgl. v. Kalben im 30. Jahresber. S. 132 ff. Die deutsche Herrschaft stand jedenfalls seit Liudolf völlig fest, und keinesfalls darf man mit Hertel S. 72 f. sagen, daß es in Calbe an der Saale sicherer war als in Calbe an der Milde.
61) Der heilige Laurentius war als Patron allgemein sehr beliebt; vgl. den Aufsatz von Rudolf Irmisch in diesem Band S. 51 f. — Die Behauptung, daß es in Sachsen vor 955 keine Lorenzkirchen gegeben habe, ist ebenso alt wie unbewiesen. Vgl. F. Winter, Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, Bd. 2 (1867), S. 226; Hertel u. Sommer, Bau- u. Kunstdenkm. S. 33. Eine ganze Anzahl Lorenzkirchen im Bereich des Magdeburger Landes zählt Friedrich Wiggert in den gleichen Geschichts-Blättern Bd. I (1866), III, S. 41 f. auf; vgl. auch v. Mülverstedt ebd. II, 16, III, 31, IV, 24 und Bd. 2, S. 53 f., 121, 140, 482. Wer will sagen, daß diese Lorenzkirchen alle aus der Zeit nach 955 stammen? Man bedenke, wie wenig wir über die älteste Geschichte des Christentums in Sachsen wissen! Und einmal haben wir auch positive Kunde: Niemand geringeres als die Königin Mathilde, die Mutter Ottos des Großen, gründete vor 947 in Enger in Westfalen ein Kanonikerstift zu Ehren der Jungfrau Maria und des heiligen Laurentius. Hauck Bd. 3, S. 1030; vgl. R. Wilmans, Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen, Bd. 1 (1867), S. 443. Man wird gerade umgekehrt sagen dürfen: da der heilige Laurentius ein so angesehener Schutzpatron war, erhoffte Otto, als er am Laurentiustag 955 die Schlacht begann, besonders viel von seiner Hilfe. Daß Mötefindt und Nicolai S. 343 die Gründung der Lorenzkirchen auch nach vorwärts einengen und sie alle aus der Zeit „kurz nach 955” stammen lassen, ist natürlich erst recht unerlaubt.
62)Mötefindt und Nicolai S. 335 f. Vgl. über diese Oda: Regino zu 897, 900, 906 (hsg. v. F. Kurze 189o, SS. rer. Germ. in usum schol., S. 145, 148, 152); DDO. 1. 159, 216. Erstere Urkunde vom 30. Dez. 952 sieht so aus, als ob Oda damals noch gelebt habe. Sie war in Lothringen begütert.
63) Vgl. Friedrich Stein, Geschichte des Königs Konrad I. von Franken (1872), S. 82 ff., 334; Dümmler S. 357, 462 f., 479 f., 496.
64) Mötefindt und Nicolai S. 336. Sie meinen freilich, Oda habe nur den Namen hergegeben, der wirkliche Gründer werde ihr Vater, der Markgraf Thiedrich gewesen sein. Um so auffallender, daß Thiedrich dieses sein Familienkloster nicht in dem zu seiner Mark gehörigen Calbe a. d. M., sondern in dem fremden Calbe a. d. S. gegründet haben soll; vgl. oben S. 192.
65) Vgl. Oben Anm. 23.
66) Die gleichen peinlichen Erwägungen Thietmars konstruierten Mötefindt und Nicolai bereits auf S. 329, wo sie sich jene „köstliche Liebesgeschichte nicht entgehen lassen wollen” (vgl. oben Anm. 9). Dagegen finden sie es S. 337 f. mit Recht nur natürlich, daß Oda nach dem Tod Misecos und ihrer Vertreibung aus Polen nicht wieder nach Calbe zurückkehrte, sondern ihre letzten Jahre im Damenstift zu Quedlinburg verbrachte, wo sie 1023 gestorben ist. Zudem hatte das Lorenzkloster zu Calbe sich damals vielleicht von der Zerstörung durch Mistui noch gar nicht wieder erholt.
67)Diese Genealogie ist eine reine Erfindung von Böttger, Brunonen S. 352 ff., unter Benutzung jenes Ekkardus falius Liudulli, der nach Widukind II, 4 am 25. Sept. 936 bei einem tollkühnen Unternehmen seinen Untergang gefunden hat. Ekkard soll nämlich der Vater des Markgrafen Thiedrich, sein Vater Liudolf ein Sohn des Sachsenherzogs Brun (+ 88o), des ältesten Sohnes Herzog Liudolfs, sein. Das ist Phantasie, und noch dazu ungenügende, da sie noch immer kein königliches Geblüt für Oda schafft. Besser gingen die, von Johann Christoph Harenberg im 1. Band seiner Monumenta historica adhuc inedita (1758) herausgegebenen „Fasti Corbeienses" aufs Ganze, indem sie aus Oda, der Gemahlin Herzog Liudolfs, eine Tochter König Pippins von Italien (des Sohnes Karls des Großen) machten und die Gründung des Klosters in Calbe an der Milde durch Oda zu 885 stellten. Vgl. Müller S. 2; V. Kalben im 30. Jahresber. S. 181-188. Diese Erfindungen geschahen gewiß mit Rücksicht auf die Urkunde von II2I.
 
 
 
 
 
   
  
 

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