Geschichten über Kalbe Milde
 
 


Das Lorenzkloster in Kalbe/Milde (Laurentiuskloster)
 

Wenn auch die Entstehung einer Wehranlage in Kalbe/Milde im historischen Dunkel liegt und wir nur auf Vermutungen und Schlüsse auf Grund vergleichender Beobachtungen angewiesen sind, so wird im 10. Jahrhundert die Geschichte des Ortes fassbar und nachprüfbar. Der Bischof Thietmar von Merseburg (+ 1018) erwähnt in seiner 8 Bücher umfassenden Chronik an zwei Stellen (III, 18 (11) und IV, 57 (36)) das Lorenzkloster in einem Ort namens "Calvo" oder "Calva". Da die Lage des Ortes nicht näher bezeichnet ist, hat es eine lange Auseinandersetzung darüber gegeben, in welchem Orte das Kloster zu suchen sei: in Calbe/Saale oder Kalbe/Milde. Seit 1720 Johann Heinrich Hävecker in einem Artikel für Calbe/Saale eintrat, haben die Historiker das Kloster bald in Calbe/Saale, bald in Kalbe/Milde festzustellen versucht. Pfarrer Schneider liegen nicht weniger als 22 Angaben vor, wo in selbständigen Abhandlungen oder Anmerkungen diese Frage untersucht wird, dabei wird 14 mal Kalbe/Milde als Standort des Klosters angenommen, 8 mal Calbe/Saale.
Überblickt man den Verlauf dieser Untersuchungen, so stellt man fest, dass bei fortdauernder Diskussion Fachhistoriker wie Wilhelm Giesebrecht, Friedrich Kurze, Karl Uhlirz, Albert Hauck und natürlich auch Lokalhistoriker wie Johann Friedrich Danneil und Julius Müller für Kalbe/Milde eintreten, bis 1930 der hallenser Historiker Robert Holtzmann ein abschließendes Votum für Kalbe/ Milde abgibt. Es bleibt das Verdienst des Superintendenten Julius Müller (+1922), die beiden Stellen in der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, in denen vom Lorenzkloster (Laurentius- Kloster) in Kalbe berichtet wird, nochmals gründlich untersucht und bewertet zu haben. Müller ging, wie alle anderen Historiker auch, davon aus, dass das Kloster im Bistum Halberstadt lag. Zwei Gründe konnten dafür geltend gemacht werden.
1. Einige Jahre vor der Zerstörung des Klosters zeigte sich der Halberstädter Bischof Hildiward (+ 996) wegen eines unerfreulichen Vorgangs im Kloster besonders erzürnt. Das lässt darauf schließen, dass das Kloster in seinem Bistum lag.
2. Bischof Reinhard v. Halberstadt (+ 1123) konnte 1121 den Besitz des zerstörten Klosters in Kalbe einem von ihm begründeten Klosters in Schöningen übereignen.

Nun war die Frage zu beantworten: Welches "Calvo" oder "Calva" lag denn gegen Ende des 10. Jahrhunderts im Halberstädter Bistumssprengel? Calbe/Saale gehörte seit 968 zum Gebiet des Erzbistums Magdeburg, Kalbe/Milde lag an der Grenze zwischen den Bistümern Halberstadt und Verden, die in unserer Gegend durch die Milde gebildet wurde. Um diese Grenze hat es zwischen den beiden Bistümern verschiedentlich Streitigkeiten gegeben, was wohl darauf zurückzuführen war, dass die Milde gerade in der Gegend von Kalbe gelegentlich ihren Lauf verändert hat. Müller hat daraufhingewiesen, dass die Milde vor der endgültigen Regulierung sowohl ostwärts vom Kalbeschen Werder als auch westlich davon (Wernstedt, Bühne, Güssefeld, Plathe) ihren Lauf genommen hat.
Über den Standort des Klosters gibt die Urkunde vom 18.10.1121 genaue Auskunft. An diesem Tage übereignete der Bischof Reinhard von Halberstadt (+ 1123) den Ort Kalbe mit dem Nonnenkloster, das darin bestanden hatte, und dessen ganzer Ausstattung dem von ihm gestifteten Augustiner Mönchskloster zu St. Lorenz in Schöningen.
Diese Urkunde enthält eine Aufstellung über den Besitz des Klosters und nennt auch die Gründerin und erste Äbtissin. Kann man nun an der Ausstattung des Klosters etwas ablesen zur Frage, wo der Standort des Klosters zu suchen ist - das Kloster hatte aus 28 Orten Einkünfte. Der Grundbesitz ist erheblich gewesen. Die angegebenen Hufenzahlen ergeben 111 Hufen. Rechnet man die Hufe mit 30 Morgen (1 Hufe wird verschieden gerechnet, zwischen 30 und 60 Morgen), so ergibt sich ein Grundbesitz von mindestens rund 833 Hektar mit Anteilen an Wald (Estedt, Ackendorf und Schöningen) und Salznutzung (Schöningen). Aus wenigen Orten Geldzahlungen. Der Grundbesitz in Kalbe selbst ist nicht genannt, die Flurbezeichnung "Nonnenwerder" lässt aber auch hier auf größeren Besitz schließen. Die Orte, in denen das Kloster Besitz hatte, kann man in 4 Gruppen unterscheiden:

1. 11 Orte westl. von Magdeburg, bei Wolmirstedt und Haldensleben
2. 11 Orte in der Altmark
3. 4 Orte im heutigen Land Niedersachsen
4. 2 Orte, deren Lage uns heute unbekannt ist, die aber vermutlich auch im heutigen Land Niedersachsen gelegen haben.

Während nun bei den meisten dieser Orte die Grundstücke mit der Hufenzahl ausgewiesen sind, fällt auf, dass bei 4 Orten (Estedt, Ackendorf, Trippigleben (wahrschl.) und Luthäne (heute ein Vorwerk bei Trüstedt) solche Hufenangaben fehlen.
Vielmehr ist bei diesen Orten der Besitz als "cum omni utilitate" oder "cum omnibus attinentiis", d.h. mit allen Nutzen bzw. Diensten, oder mit allem Zubehör angegeben. Nun war ja ein solches Kloster nicht nur ein geistlichen Institut, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen (833 ha) und die Nonnen konnten ja die schwere Arbeit nicht allein bewältigen (Ackerarbeit, Holzfahren, Korn mahlen usw.). Darum gab es bei jedem Kloster Dienste, die die Pächter zu übernehmen hatten. Da nun Bewohner von Estedt, Ackendorf, Trippigleben und Luthäne solche Dienste im Kloster Kalbe/ Milde verrichteten, ist angemessen und anzunehmen, dass sie die Dienste im 100 km entfernten Calbe/Saale verrichten sollten, ist völlig auszuschließen. Also sind die Besitzverhältnisse des Klosters Beweis dafür, dass sich das Lorenzkloster in Kalbe/Milde befunden haben muss. Keiner der aufgeführten Orte liegt auch annähernd bei Calbe/Saale, wenn man von dem Ort "Suammere" absieht, den G. Schmidt als eine Wüstung bei Atzendorf, westl. von Calbe/Saale identifizieren will. Mir scheint damit vielmehr "Samswegen" gemeint zu sein, denn die meisten in der Liste neben diesem Ort aufgeführten Orte liegen in dieser Gegend. Außerdem war die Holznutzung - und Holz war ja ein wichtiger Posten in der Wirtschaftsführung des Klosters - im Walde bei Estedt, der "Heinich" heißt und den Dörfern Estedt und Ackendorf benachbart liegt, ausgewiesen. Sollte man Brenn- und Bauholz, das im Kloster immer gebraucht wurde, über 100 km bis nach Calbe/S. transportieren? Das ist schlechterdings auszuschließen. Auch hier liegt der Hinweis, dass nur Kalbe/Milde als Standort des Lorenzklosters in Fragen kommen kann.

Aus der Geschichte des Klosters sind nur wenige Nachrichten bekannt geworden.
1. In der Urkunde von 1121 wird die Gründerin und erste Äbtissin des
Klosters erwähnt. Es war eine Gräfin Oda (Comitissa), die als "edle Frau" (nobilis femina) und "ehrwürdige Frau von Stande" (venerabilis Matrona) und als "Äbtissin dieses Ortes" (einsdem loci Abatisse) bezeichnet wird und aus der königlichen Familie stammte (regia stirpe orta). Einem frommen Gelübde gemäß gründete sie das Kloster (pio voto). Wer war aber nun diese Oda, die aus königlicher Familie geboren oder zur königlichen Familie gehören sollte? Nur ganz wenige Frauen dieses Namens im 9. und 10. Jhdt. kommen in Betracht. Man könnte zunächst denken an Oda, Herzogin von Sachsen, Ehefrau des Herzogs Luidolf von Sachsen, Mutter des Herzogs Otto des Erlauchten von Sachsen und Großmutter König Heinrich I. Sie gründete 856 zusammen mit ihrem Ehemann das berühmte Kloster Gandersheim. Geboren war sie 806 und starb im Alter von 107 Jahren 913. Sie war Herzogin (duxissa) und nicht nur Gräfin (comitissa), wie die Oda der Urkunde von 1121 tituliert wird.
Sie stammte nicht aus königlicher Familie und ihr Enkel Heinrich ist erst 6 Jahre nach ihrem Tode zum deutschen König gewählt worden. Trotzdem kann man sie zu den Stammmüttern deutscher Könige und Kaiser zählen.
Eine andere Trägerin dieses Namens um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert war die Kaiserin Oda (Uta), Ehefrau des Kaisers Arnulf (+ 899). Sie stammte wahrscheinlich aus dem rheinfränk. Geschlecht der Konradiner.
Seit 888 ist sie als Kaiserin nachweisbar und hat ihren Ehemann überlebt. Zu Sachsen hatte die Kaiserin, soviel wir wissen, keinerlei Beziehungen, so dass sie kaum als Gründerin des Klosters in Betracht gezogen werden kann.
Eine dritte Oda, die zur königlichen Familie gerechnet werden kann, war die (wahrschl.) Tochter des Herzogs Otto des Erlauchten von Sachsen und damit eine Schwester König Heinrichs I. und Enkelin der zuerst genannten Oda. Sie wird 897 mit Herzog Zwentibald von Burgund verheiratet. Nachdem Zwentibald am 13.8.900 gefallen war, vermählte sich Oda noch im gleichen Jahre mit seinem Gegner, dem angesehenen lothringischen Grafen Gerard, der 906 der Reichsacht verfiel und seitdem aus der Geschichte verschwindet. Obwohl wir über den Verbleib dieser Oda nichts wissen, kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass sich diese Gräfin Oda als Witwe in ihre sächsische Heimat zurückgezogen hat und hier ein Kloster gründete, dessen erste Äbtissin sie wurde. Wir kennen eine Reihe von Beispielen, die ausweisen, dass hochgestellte Frauen als Witwen Klöster gründeten und oft auch als Äbtissinnen wirkten. Bei dieser Oda würde die Charakterisierung der Gründerin aus der Urkunde von 1121 am ehesten zutreffen. Sie war eine Gräfin, zur königlichen Familie kann sie gezählt werden, denn unterdessen war ihr Bruder Heinrich deutscher König geworden. Bleibt nur die Frage: Hat sie sich nach dem Tode ihres Ehemannes auch wirklich in ihre sächsische Heimat zurückgezogen?
Nur Vermutungen können über die Gründerin des Klosters Gräfin Oda ausgesprochen werden. würde man die erstgenannte Oda als Gründerin ansehen, dann wäre das Kloster sicher noch im 9. Jahrhundert gegründet worden. Vermutet man die Schwester König Heinrichs als Gründerin, dann wäre wohl in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts die Gründungszeit zu suchen.
König Heinrich I. hat sich verschiedentlich in der Altmark aufgehalten, so z.B. 924/25 bei einem Feldzug gegen die Wenden (Werben, Schanze Siegberg), im harten Winter 928/929 (Eroberung von Brandenburg), 936 beim Reichstag zu Tangermünde, nach dessen Abschluss Heinrich bald darauf gestorben ist.

2. Eine andere Nachricht über das Lorenzkloster in Kalbe hat Thietmar von Merseburg in seiner Chronik überliefert (IV, 57 (36)). Sie bezieht sich auf einen Vorfall, der großes Aufsehen erregte, und für alle Leute der Kirche (cunctis aecclesiae reotoribus) sehr ärgerlich war. Die Nonne Oda tritt aus dem Kloster aus, um den Herzog Miesco von Polen zu heiraten. Damit brach sie ihr Gelübde und besonders ihr Bischof Hilliward von Halberstadt (968-996) äußerte sein Missfallen. Vergeblich sucht der Herzog Miesco von Polen um die päpstliche Bestätigung dieser Ehe nach, die ihm aber verweigert wurde. So ist die Nonne Oda aus Kalbe nie eine anerkannte Herzogin von Polen geworden. Miesco war 964 nach dem Tode seines Vaters, Zemomislaus in Polen zur Regierung gekommen und hatte ein Jahr später Dambrowka von Böhmen geheiratet. Diese Dambrowka war die Tochter des Fürsten Boleslaus von Böhmen, der am 28.9.929 in Jungbunzlau seinen Zwillingsbruder Wenzel ermordete und damit die Macht nach Böhmen an sich riss. Noch heute gilt Wenzel als der Nationalheilige der Tschechen (Wenzelsplatz in Prag usw.). Dambrowka, nun Herzogin von Polen, hat für die Festigung der christlichen Kirche in Polen viel getan und als sie 977 nach zwölfjähriger Ehe starb, war die Trauer allgemein. Wie viel Jahre Miesco von Polen als Witwer gelebt hat, ehe er die Oda aus Kalbe heiratete, wissen wir nicht.
Vermutlich waren es nur wenige Jahre. Fragt man sich, wie ein Herzog von Polen dazu kommt, eine Nonne aus Kalbe sich zur Ehefrau zu erwählen. die Nonne Oda war die Tochter des Nordmarkgrafen Dietrich, lebte also in einem Kloster, das mitten im Herrschaftsgebiet ihres Vaters lag. In den ständigen Auseinandersetzungen der Deutschen mit den Wenden hatte sich Dietrich bis zum Markgrafen hochgedient. Oft waren in diesen Kämpfen die Deutschen mit Polen verbündet und verschiedentlich führten Dietrich und Miesco gemeinsam das Heer an. Daher kann eine engere Bekanntschaft stammen, die dann zur 2. Ehe des Polenherzogs Miesco mit Oda führte. Oda's Vater, Markgraf Dietrich war eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Er galt als hochmütig und tyrannisch und ganz besonders hart gegen die tributpflichtigen Wendenstämme. Er soll schuld daran gewesen sein, dass Kaiser Otto II. den Grafen Gero von Alvensleben enthaupten ließ, weswegen er sich unter seinen Landsleuten viel Feinde machte. Schließlich wurde ihm der verheerende Wendenaufstand von 983 angelastet und damit der Verlust der Bistümer Havelberg und Brandenburg. 984 wurde er seiner Würde und Güter entsetzt, 985 ist er einsam und verachtet in Magdeburg gestorben. Seine Tochter Oda lebte als nicht anerkannte Herzogin in Polen. Sie hat ihren Ehemann Miesco drei Söhne geboren: Miesco, Suentopolcus und Boleslaus. Als Herzog Miesco von Polen 999 starb, kam sein erstgeborener Sohn Boleslaus an die Regierung. Dieser vertrieb die Oda mit ihren Kindern aus
Polen. In Quedlinburg hat Oda dann Zuflucht gefunden und ist auch dort sicher gestorben.

3. Im Jahre 983 wird das Lorenzkloster in Kalbe zerstört, Thietmar von Merseburg berichtet darüber in seiner Chronik (III, 18,(11)). Es ist dies die erste sichere Jahresangabe, mit der unser Ort in Verbindung gebracht werden kann. Wir müssen versuchen, uns die damaligen Vorgänge zu verdeutlichen. Die Spannungen zwischen Deutschen und den Wendenstämmen entlang der Elbe-Saale-Grenze waren immer gefährlicher geworden, empfanden doch die Wenden die Tributpflichtigkeit, in die sie die Deutschen gebracht hatten, als Demütigung und sicher wird es immer Anlässe gegeben haben, die die gegenseitige Gereiztheit nur verstärkten. Das Jahr 983 brachte unvorhergesehene Entwicklungen, die die Führer der Wenden veranlassten, den Versuch zu unternehmen, die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Kaiser Otto II. hatte im Jahr vorher (982) ein starkes deutsches Heer nach Italien geführt, um die unteritalienischen Probleme zu lösen. Es war ein unglücklicher Feldzug und zu allem Überfluss starb der Kaiser im Frühjahr 983 in Unteritalien. Sein Sohn und Nachfolger Otto III. war ein dreijähriges Kind. Die Regentschaft übernahm für ihren Sohn die Kaiserinwitwe Theovano. Unter den deutschen Fürsten regte sich Opposition gegen das sächsische Kaiserhaus, die nur mit Mühe zurückgehalten werden konnte. Schnell waren die Ereignisse in Italien in Deutschland bekannt geworden. Die augenblickliche Führungsschwäche im Reich war für die Wendenfürsten das Signal, gegen die deutsche Herrschaft loszuschlagen. Ein gewaltiger Sturm brach an der deutschen Ostgrenze los. Thietmar von Merseburg berichtet u.a., dass der Obodritenfürst Mistui die Bischofssitze Havelberg und Brandenburg eingenommen und zerstört habe, und fährt dann fort: "Nachher verwüsteten sie das Kloster des heiligen Märtyrers Laurentius in dem Ort, der Calbe heißt, und setzten den Unsrigen wie flüchtigen Hirschen nach; denn unsere Missetaten schufen uns Furcht und ihnen kräftigen Sinn." Das muss im Sommer 983 geschehen sein. Weiter heißt es dann, dass Mistui auch den ehemaligen Bischofssitz Hamburg in Brand steckte und verwüstete. Nur die Reliquien der Heiligen seinen durch ein Wunder in den Himmel gerettet worden. Mistui aber wurde später wahnsinnig, weshalb man ihn in Ketten legte. Als er mit geweihtem Wasser besprengt wurde, soll er gerufen haben: "Der heilige Laurentius verbrennt mich." Ohne die Freiheit wieder zu erlangen, kam Mistui elend um. Das Kloster in Kalbe/Milde war dem Heiligen Laurentius (Lorenz) geweiht. Die Legende erzählt, dass Laurentius Diakon der Gemeinde in Rom war. Im Jahre 250 ordnete der römische Kaiser Decius durch Gesetz eine allgemeine Christenverfolgung an, durch die die christliche Kirche ausgeschaltet werden sollte. Die Zahl derer, die ihren Glauben verleugneten. war erschreckend groß. Kaiser Valerianus (253 - 260), schon unter Decius mit der Organisation der Christenverfolgung betraut, unternahm 257 - 258 einen neuen Vorstoß. Sein Angriff richtete sich gegen den Klerus und die Christen aus den höheren Ständen. in Rom war es der Diakon Laurentius, der tapferen Widerstand leistete und besonders durch die Bewahrung der Schätze der römischen Gemeinde bekannt wurde. am 10. August 258 wurde er in der valerianischen Verfolgung in Rom auf einem Rost verbrannt. Dargestellt wird der Hlg. Laurentius meistens mit einem Rost in der Hand oder aber auch, dass sein Diakonenrock mit Flammen bedeckt ist, manchmal hält er einen Teller voll Gold- und Silbermünzen in der Hand (Bewahrer der Kirchenschätze). Die Verehrung dieses Heiligen hat eine lange Tradition. Er galt als Schutzheiliger gegen Feuersbrünste. Seine Verehrung wurde besonders durch Otto den Großen gefördert, nachdem er am Laurentiustage (10.8.) 955 den Sieg über die Ungarn auf dem Lechfelde davongetragen hatte. Das hat manche Historiker veranlasst, die Klostergründung in Kalbe erst nach dem Jahre 955 anzunehmen. In Wirklichkeit war die Laurentiusverehrung schon weit vorher, besonders in Deutschland, verbreitet. Z.B. gründete die Königin Mathilde 947 ein Kloster in Engern in Westfalen zu Ehren dieses Heiligen.

Zusammenfassend kann man über das Lorenzkloster in Kalbe sagen:
Es ist von einer Gräfin Oda, die aus der königlichen Familie stammte, gegründet worden, vielleicht noch im 9. Jahrhundert, sicher aber in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts.
Nach dem Jahre 977 tritt eine Nonne Oda aus dem Kloster aus, um den Polenherzog Miesco zu heiraten.
Im Sommer 983 ist das Kloster während des großen Wendenaufstandes zerstört worden. 1121 ist der Klosterbesitz dem Mönchskloster St. Lorenz in Schöningen übereignet worden. Aus dem 11. Jahrhundert sind über Kalbe keine Nachrichten bekannt geworden. Ob nach der Zerstörung des Klosters ein Wiederaufbau erfolgte, ist ungewiss.
Angenommen werden muss, dass der Klosterbezirk sich in dem Stadtgebiet befand, das heute von der Bahnhofstraße - Ernst-Thälmann-Str. - Stendaler Str. - Gartenstr. begrenzt wird. In diesem Bezirk gab es noch lange die Flurbezeichnung: Lorenzkirche.


Entnommen einem Aufsatz von Pfarrer S. Schneider aus seiner Chronik zur 1.000 Jahr Feier.

 
 
 
 
 
   
  
 

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