Geschichten über Kalbe Milde
 
 


Die Milde
 

Verlauf der Milde in Calbe um 1900

Für menschliche Niederlassungen konnten in Grauer Vorzeit, in unserer Gegend nur Erhebungen, diluviale Höhen und die Abhänge des Werders benutzt werden. Das Alluvialgebiet der Flussläufe war im Wesentlichen unzugänglich und ist es geblieben, bis die Entwässerungen im 18. Jahrhundert einsetzten. Das Milde- wie das Augrabental bildeten ein buntes Netz von Wasserrinnen, Seen und Brücken. Unüberwindliche Schwierigkeiten boten die Täler der Bewirtschaftung durch den Menschen dadurch, dass die Wasserläufe kein ständiges Bett hatten. Die Siedlungen in der Niederung waren immer der Gefahr der Zerstörung namentlich zur Zeit der Frühjahrs- und Herbstüberschwemmungen ausgesetzt. So ist zu erklären, dass mit Ausnahme von Butterhorst keine einzige Niederlassung im Tale angelegt ist. Die Flussverhältnisse sind früher anders gewesen als heute. Nach einer Halberstädter Chronik vom Jahre 1012, durch welche die Grenzen zwischen den Bistümern

Das Gardelegener Tor vor Kalbe (M)
Verden an der Aller und Halberstadt festgelegt werden, mündete die Rodowe in die Jesne, die Jesne in die Pretekina (Prisantine) und diese in die Elbe. Die Rodowe ist unsere Milde. Rodewele hieß ein jetzt wüstes Dorf in der Letzlinger Heide, wo die Milde entspringt; das frühere Forstrevier Rodöwel erinnerte daran. Der Name bedeutet wohl rote Aue und weist auf die Roterlen hin mit dehnen das Mildebruch bedeckt war. Aha-Owe-Aue ist Fluss. Die Bezeichnung Milde hat sich erst später eingebürgert. Der Chronist Entzelt mag recht haben mit seiner Meinung, dass der Name Milde von dem früher bedeutenden Fischreichtum herrührte. Milti heißt im Althochdeutschen Güte, Freigebigkeit: der fischreiche Fluss spendet den Anwohnern viel Nahrung. Ein anderer Versuch den Namen zu deuten, bringt ihn in Verbindung mit mil, mel und mal, dies sind alte Ausdrücke für Morast und Sumpf, "Milte" heißt z.B. ein Moorort in Westfalen Sehr alt muss der Name Milde aber sein. Bei Letzlingen gibt es eine Flur Mildenhöft. Dort lag noch 1438 das Dorf Myledhouede, das ist Mildehaupt, Mildequelle. Im Jahre 1281 lebte hier ein Ritter Hojer von Mildenhovede. Weshalb dieser Ort 1440 wüst wurde, ist nicht bekannt. Die alte Rodowe floss nun nicht durch Kalbe, sondern ging westlich an Schenkenhorst vorbei und nahm ihren Lauf zwischen dem Nonnenwerder und Pickelsberge teils auf Bühne zu teils an Vahrholz und Altmersleben vorüber, nahe am Werder, wo das Gelände tiefer liegt als da, wo die jetzige Milde fließt - daher Ober- und Untermilde. Wenn früher, ehe der Königsgraben unter der Milde durchgeleitet war, die Wasser der WIebeke (Wiepke) zur Frühjahrszeit sich an dem hohen Mildebett stauten, flossen sie dem natürlichen Gefälle gemäß nach Klein-Engersen zu ab. Der zwischen dem Nonnenwerder und dem Pickelsberge hindurchführende, 200 Meter von der Milde beginnende Schanzgraben entwässert noch heute auffallenderweise zur Voßfleete hin. Menschenhand hat diese natürlichen Verhältnisse künstlich abgeändert. Als zum Betrieb der Burgmühle in Kalbe und zur Speisung der Burggräben Wasser nötig war, legte man der Rodowe ein neues Bett an: der alte Flusslauf wurde damit zu einem gewöhnlichen Graben, welcher südwestlich von Vahrholz bei der alten Schanze in die Voßfleete mündete. Ehe die Höherlegung der Rodowe vor Kalbe erfolgte, sind ihre Wasser bis 1170 zum Teil an Bühne vorüber in das Auetal abgeflossen. So behält die Halberstädter Chronik recht und so knüpft die heutige Bezeichnung Aue unmittelbar an Rodowe an.

Das die Milde erst von Beese an den Namen Biese führt und nicht von der Mündung des Beesegrabens bei Poritz an, kann man sich so erklären. Die Rodowe-Milde folgte mit einem starken Arm dem Lauf der Vooßfleete, noch 1778 alt Milde genannt. Dieses Gewässer zog sich nahe am Südrand des Werders hin und mündete nicht an der jetzigen Stelle in den Beeseweger Strom, sondern erst bei Beese. Der Augenschein lehrt das. Das letzte Ende der heutigen Vooßfleete ist künstlich verkürzt worden. Nach seinem natürlichen Gefälle ist das Wasser der Voßfleete unweit des Dorfes Mehrin vorüber in der Senkung des Haugrabens geflossen und ist erst bei Beese von dem Beese-Strom aufgenommen worden. Heute ist es nicht mehr so einfach zu erklären, warum derselbe Fluss erst Milde und nachher Biese heißt.
Die Biese entspringt eigentlich in der Nähe von Kläden, etwas südlich von Beesewege, durch die Vereinigung des Beesegrabens mit dem Schaugraben zum Secantsgraben. Es scheint, dass in früherer Zeit der Beesegraben bzw. der Secantsgraben als Biese bezeichnet wird. Sie stellte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur den Flussmittellauf der Milde sondern einen eigenständigen Fluss dar. Dies erklärt auch warum der Ort Beesewege, in alten Urkunden aus dem 13. Jahrhundert Biswede genannt, seinen Namen von der Biese ableitet. Erst mit der Umleitung der Milde östlich an Kalbe vorbei, verlieren die Untermilde(Vossfleete) und der Secantsgraben an Bedeutung, die Namen Milde und Biese bleiben aber erhalten.

Die Voßfleete (Flotte) umschließt den Werder von 2 Seiten, von Westen und Süden. Sie sammelt ihre Wasser im großen Bruch bei Cheinitz. Landläufig wird sie Flotte genannt. Voßfleete heißt soviel wie Fuchsflies. In ihrer heutigen Gestalt ist sie ein künstlicher Wasserlauf, der wie man sagt von einem Minister Friedrichs des Großen mit Namen Voß angelegt sein soll. Das entspricht aber keineswegs den Tatsachen. Die Bezeichnung ist viel älter, z.B. 1600 Voßflute. Vielleicht hat die Voßfleete ihren Namen von der "Voßmühle", welche nach einem von Alvenslebschen Burgfriedens aus dem Jahre 1497 am "Voßdamm" zwischen Kalbe und Vahrholz lag. Es wäre möglich das die Voßmühle die ursprüngliche Burgmühle war. Als die Milde auf Kalbe zu abgeleitet war, erhielt die Voßmühle von Süden kein Wasser mehr und ging später ein. Bis zur letzten Regulierung bezeichnete ein tiefer Kolk an der Flottbrücke vor Vahrholz die Stelle, wo die Mühle gestanden hatte.

In einem sand- und kiesreichen Bett durcheilt die Milde rasch das nach Norden abfallende Heideland, fließt dann geruhsam durch eine Niederung auf Gardelegen zu und vereinigt sich hier mit der Weteritz, dem Rottgraben und dem Lausebach. Später gesellt sich noch die Wiepker Bäke dazu, die reichlich Wasser aus den Hellbergen heran führt. Die gewaltige Wasserkraft der Milde wurde von einer Reihe Mühlen genutzt, wie zum Beispiel von der Neuen Mühle bei Polvitz, von Hopfen und Drögen-Mühle bei Ipse, von der Buschmühle vor Gardelegen und von weiteren Wassermühlen in Schenkenhorst und Kalbe.

Auszug aus einer Karte aus dem 17. Jahhundert, mit fr. Gen. d. Danneil Museums SAW

Der Secantsgraben und der Milde-Flusslauf von Poritz bis Beese diente einem Packebuscher Zimmereibetrieb zum Flößen von Bauholz aus der Letzlinger Heide.

In der Wische hatten niederländische Kolonisatoren unter Albrecht dem Bären um das Jahr 1160 jene große Siedlungsperiode begonnen, dies sich auf das hier beschriebenen Gebiet ausdehnte.

Und holländische Kolonisten (Holländer, Seeländer und Flamen), die besonders im Deichbau große Erfahrungen hatten, waren es auch, die wahrscheinlich noch vor 1240 die bis dahin ungebändigte Milde in ein kanalartiges Flussbett leiteten. Die erste große Milderegulierung erfolgte im Jahre 1174, so heißt es in der Geschichtsschreibung. In Badingen, Holzhausen, Wollenhagen und Lindstedterhorst waren Holländer sesshaft geworden, die über große Erfahrungen in der Sumpfbehandlung verfügten. Einer dieser erfolgreichen Holländer war ein Duhm aus Altmersleben. Im Jahre 1751 schreibt der Chronist Beckmann: "Das Land um Kalbe ist ebenso morastig wie der Drömling." Eine urwaldähnliche Wildnis herrschte in den versumpften Flusstälern. Es wird bezeugt, dass noch beim Regierungsantritt Friedrichs des Großen weit über die Hälfte des Grund und Bodens von Brüchen, Mooren, Wäldern und Heiden eingenommen war. Das Wasser der Flussläufe suchte sich vor deren Regulierung seinen Weg bald hier bald dort (wie schon beschrieben). Nach alten Karten liegt Kalbe in einem Netz von Wasserrinnen und Gräben. Vor Butterhorst bedeckte ein ununterbrochener Elsbruch die weite Niederung. Unter den Bäumen waren Eichen und Erlen von riesenhafter Ausdehnung. Bei der Anlage von Gräben findet man heute noch tief in der Erde starke Stämme, deren Holz unter dem Einfluss des Moores schwarz und eisenhart geworden ist. Das dichte Elsgebüsch bot willkommenen Unterschlupf für Tiere aller Art. Die Alten erzählten früher, dass Hirsche in Rudeln von über hundert Stück sich in dem unzugänglichen Bruch hielten; wurden sie aufgescheucht, so war ihr Platschen durch Wasser und Morast noch lange zu hören. Zur Winter- und Frühjahrszeit glichen die Flusstäler einem einzigen See. Nach einem Bericht des von Alvenslebenschen Gesamtförsters Hermann im Gutsarchiv in Vienau sind vor etwa 230 Jahren 35 Stück Rotwild auf dem Eise bei Kalbe umgekommen.

Im Jahre 1697 beklagten sich die Einwohner von Hagenau an der Biese gelegen darüber, dass ihre im Kalbeschen Werder gelegenen Ländereien nicht bearbeitet werden können, da dieselben "in der Tränke liegen und das Winterkorn öfters versäuft - Das Land um Kalbe ist ebenso morastig wie der Drömling. Butterhorst ist eine Insel und fährt man mit Kähnen überall ab und zu."

In Butterhorst fing man in solchen Notzeiten Fische auf der Dorfstraße. Da ein Kirchhof infolge des hohen Grundwasserstandes nicht vorhanden war, mussten die Toten mit Kähnen abtransportiert und im benachbarten Altmersleben begraben werden. Von Altmersleben gelangte man nach Kalbe zuerst nur über einen Umweg über Vahrholz. Die heutige Landstraße die Kalbe (M) mit Altmersleben verbindet, wurde erst 1882 freigegeben.

Die Vienauer hatten ständig Kähne bereit, um Gras und Heu von den überschwemmten Wiesen ins Dorf zu holen.

In Beese reichte das Wasser der Biese in Notzeiten bis an das Dorf heran. Oft glichen weite Flächen des Mildetales, wie zum Beispiel bei der Schneeschmelze oder auch bei Sommerhochwasser nach heftigen Unwetter-Regenfällen einem weiten, flachen See, aus dem nur noch die Zaunpfäle, Büsche und Bäume hervorragten. Mehriner Schuljugend fuhr im Winter auf Schlittschuhen über die Mildewiesen bis nach Butterhorst.

Wie gefährlich die vielen Moraste und Wasserlöcher früher waren, zeigt folgende Erzählung:" es geschah einst, dass ein Wanderer, der nach Kalbe wollte, durch die früh hereinbrechende Dunkelheit überrascht wurde. Dichte Nebel stiegen aus den Sümpfen und er verlor in dem Dickicht den Weg. So viel er sich auch bemühte den rechten Pfad zu finden, es gelang ihm nicht, seine Lage wurde immer gefahrvoller, die Minuten verrannen und er fühlte, dass seine Kräfte erschöpft waren. In seiner Herzensangst rief er zur heiligen Jungfrau. Horch, was war das? Ganz nahe ertönte eine Glocke, es war die Glocke der Nikolaikirche. Sogleich belebten sich seine ermatteten Glieder, er ging dem Klange nach, fand glücklich den rechten Weg und entkam so der Gefahr im Moraste zu versinken. Aus Dankbarkeit setzte er in seinem Testament eine Summe aus und bestimmte, dass von Martini bis zur Karwoche allabendlich um 8 Uhr geläutet werden solle, um einem etwa verspäteten Wanderer die Richtung zu weisen und ihn vor dem Tode des Ertrinkens zu bewahren. So geschah es vor 120 Jahren ( ca. 1800)."

Die Urbarmachung des Mildetales beginnt unter den Markgrafen und wurde sehr intensiv zur Zeit Friedrich des Großen betrieben, vermutlich auch durch holländische Kolonisten - wie schon erwähnt( siehe die Kolonien im Drömling). Vor Jahren wurde noch angenommen, dass eine Besiedlung erst in diesem Zusammenhang stattfand. Dem widerspricht aber, dass sowohl am Rande des Werders in den Horsten (Butterhorst) auf dem Petersberg bei Kalbe oder wie bereits erwähnt in den Hauichten zwischen Kalbe, Kl. Engersen, Schenkenhorst und Kremkau verschiedenste steinzeitliche Funde gemacht wurden (Urnen Fibeln, Arbeitsgeräte - Interessante Ausstellungen sind im Altmarkmuseum in Stendal zu finden). Neuerdings sind im Stadt- und Burgmuseum altes Wachhaus in Kalbe (Milde), auch wieder einige Stücke ausgestellt.

Der altmärkische Amtmann Stambeke aus Groß-Engersen beschrieb im Jahre 1778 die Ursachen der dauernden Überschwemmung des Mildeflusses und unterbreitete der damaligen Regierung gleichzeitig "Vorschläge zur Abhülfe". Stambeke schreib unter anderem: "Von Schenkenhorst bis Kalbe geht die Milde nicht durch Wege der Natur, sondern ist durch die Kunst mit vieler Mühe um Kalbe herumgeleitet worden". In alten Zeiten und wahrscheinlich im 10. oder 11. Jahrhundert möchte solches geschehen sein. Da vorher der Mildefluss gar kein ordentliches Bett gehabt, sondern sich durch die sogenannte "Große Riethe" auf der Kalbeschen Großen Wiese und in der Folge durch die Brüche bis an das Karritzsche Holz hindurchgeschlichen hat (widerspricht in Teilen der Auffassung das die Milde davor nur links um den Werder herumgeflossen ist).

Von den ehemaligen Wasserläufen der Milde finden sich zur Zeit noch viele Überbleibsel. Im jetzigen Lauf der liegt die Milde zwei bis drei Fuß höher als das anstoßende Land. Die Breite des Bettes beträgt an einigen Orten nur 15 Fuß. Der Mildewall ist drei bis fünf Fuß dick und besteht aus lauter Moorerde. Mitten in diesem Stück führt ein Bach, der sechs oberschlächtige Mühlen treibt, mithin ein starkes Gefälle hat in die Milde. Alles Wasser soll nun durch den schmalen Kanal fortgeführt werden. Da dieses aber unmöglich ist, ergießt sich das überschüssige Wasser jederzeit über die schwachen Wälle, reißt selbige öfters durch, überschwemmt das daneben liegende Land, muss aber notwendig dort stehen bleiben, weil es nach der jetzigen Lage nicht wieder in den Fluss hineinfließen kann. Dieser Umstand veranlasst hauptsächlich die Überschwemmung bei Kalbe. In seinen Vorschlägen zur Abhülfe erklärte Stambeke auch "Nicht von oben anfangen". In den Fluss hineingewachsene Elsenstämme sind zu beseitigen. Bei jedem dreijährigen Ablassen ist die Flusssohle zu vertiefen. Auf der Verwallung nach der Großen Wiese sind drei Überfälle anzulegen, damit die Milde entlastet und das überflüssige Wasser durch besonders anzulegende Schnellgräben nach dem Beesestrang abgeleitet wird. Von Kalbe bis Beese sind an der oberen Milde die Ufer ab und die Krümmungen durchzustechen, an einigen Orten sind Beiläufer zu ziehen und das Grundschilf mindestens zweimal jährlich auszumähen.

Die alte und neue Milde zwischen Kalbe und Butterhorst
Auszug aus LHASA, MD, C 20 V, Sep. Kalbe (M) K Nr.5,
Separationskarte von 1803

Die Karritzer, welche erstaunliche Reviere von Wiesen, Weiden und Holzungen an dem Mildefluss haben, wovon sie bei trockenen Jahren den großen Nutzen ziehen, sind bisher in der Räumung die Allernachlässigsten gewesen, daher selbige mit Gewalt zu ihrer Schuldigkeit angehalten werden müssen. In dieser Gegend des Karritzschen Holzes steckt der größte Fehler in Ansehung der Vorflut. Bei der Untermilde kann leichter geholfen werden, weil sie gerader, breiter und tiefer ist.

Wenn das Ufer an einigen Stellen ergänzet, die darüber gehenden Brücken erweitert und das Grundschilf alle vier Wochen ausgemäht wird, so werden die Anländer durch diese untere Milde bei weitem nicht so viel Schaden haben, als die Anländer an der oberen Milde. Bei dem Dorfe Beese müssen mehrere Öffnungen an dem Passagedam gemacht werden. Es sind da selbst nur zwei Brücken vorhanden. Hier muss entweder eine neue Brücke angelegt oder die bestehenden auf 30 Fuß erweitert werden. Stambeke schließt seine Vorschläge mit dem Hinweis ab: "Lasst auch die Mühle bei Osterburg wegbringen, so ist auch den Anländern bis Gladigau und Beese geholfen".

Wahrscheinlich haben die Bemühungen Stambekes dazu beigetragen, dass eine teilweise Entwässerung des Mildebruches in den Jahren 1782/84 im Zusammenhang mit der Drömlings-Entwässerung in Angriff genommen wurde. Hier war es der Wasserbautechniker, Assesor Riedel, der die vom preussischen König Friedrich II. angeordnete Urbarmachung des Drömlings wie auch der Wischeentwässerung bei Scharpenhufe und Vielbaum und die Milderegulierung zu leiten hatte.

Vom nachhaltigen Erfolg jedoch waren die Arbeiten im Milde/Biese - Gebiet nicht. Es war eben nur Stückwerk. Und etliche Gräben verfielen im Laufe der Zeit wieder. Etwa 100 Jahre später - 1886 - kamen von den Bauern der anliegenden Dörfer erneut Klagen über das Hochwasser der Milde. Da war es der Kossat Wilhelm Schulze aus Karritz, der sich mit großer Leidenschaft für eine Abhilfe der Missstände einsetzte. Er ging von Dorf zu Dorf und versuchte, Interessenten für eine Nachregulierung zu gewinnen. Schulze fand jedoch wenig Gehör. Beschimpfungen und Drohungen musste er hinnehmen, sogar Schläge wurden ihm angeboten.

Zweimal war das Projekt der Milderegulierung inzwischen zum Scheitern gebracht. Das Gerede von einer Notwendigkeit der Entwässerung im gesundheitlichen Interesse, wegen mehrerer Cholerafälle und der Mildedammbruch bei Kalbe im Jahre 1887 am sogenannten Ziegelhorn hatten noch einmal die Gemüter wachgerüttelt.

Dammbruch am Ziegelhorn - Frühmorgens mußten die kalbenser Bürger feststellen, dass die Milde kein Wasser mehr führte. Der Mildenwall, an dem 3 Kilometer von der Stadt entfernt liegenden Grundstück des Gutsbesitzers Kummert am Ziegelhorn, war weggerissen. Alarm brachte frühmorgens jung und alt auf die Beine. Brausend ergossen sich die Fluten durch eine 5 Meter breite Durchbruchstelle in die ohnehin schon sehr nasse Grosse Wiese. Alle Versuche die Durchbruchstelle wieder dicht zu machen, scheiterten zunächst. Fünf Tage, Tag und Nacht, wurde fieberhaft gearbeitet. Hunderte von Sandsäcken, die mit Kähnen befördert werden mussten, verschwanden in der Durchbruchstelle, als wenn man einen Streichholz hineinwarf; der starke Wasserdruck ließ sie gar nicht auf den Grund des haushohen tiefen Loches kommen, weit wurden sie fortgeschwemmt. Ein gelb - schmutziges Wasser überschwemmte, unberechenbaren Schaden anrichtend, Wiesen und Felder; soweit das Auge reichte, wurden sie in einen einzigen großen See verwandelt. Der in Kalbe eingerichtete Hilfsdienst war machtlos. Erst am 6. Tage gelang es durch Einbauten von starkem Rüstzeug und festen Absperrungen den Damm zu schließen. (aus Altmärkische Nachrichten)

Aber es vergingen noch einmal 20 Jahre bis fortschrittlich gesinnte Männer erneut die Entwässerung und Regulierung der Milde-Biese zur Diskussion stellten. Es waren insbesondere der Bauer Fritz Müller aus Meßdorf und Landrat Werner von der Schulenburg aus Salzwedel als Schaudirektor der Milde und Schauherr der Regulierungsgenossenschaft des Drömlings.

Müller erklärte u.a.: "Mit dem Erscheinen des neu ausgearbeiteten Projektes der Entwässerung und Milderegulierung sind auch die Gegner sofort wieder hervorgetreten. Und die Centralen dieser Gegnerschaft die landwirtschaftlichen Vereine in Seehausen und Osterburg arbeiten gemeinsam gegen uns. Sie wollen absolut erstreben, dass wir hier im Oberlande für alle Zeiten ersaufen sollen. Hoffen wir, dass alle Altmärker sich in dem Gedanken vereinigen mögen, die altmärkische Viehzucht und den altmärkischen Ackerbau auf die Höhe der Zeit zu bringen." Ein starker Gegner der Entwässerung und Regulierung war Karl Frankenberg aus Berge bei Werben. Öffentlich schrieb er in einer Lokalzeitung: "Von einer großartigen Hebung des Ackerbaues und der Viehzucht kann, wenn wirklich reguliert werden sollte, gar keine Rede sein. Nur Schaden werden wir haben und dauernde Kosten. Durch Wegfall der Krümmungen würden wir von Kalbe ungeheure Wassermengen bekommen und dazu noch den Morast von eben daher."

Zum Projekt der Milde -Biese-Regulierung erklärte Meliorationsinspektor Mierau: Ungefähr 6000 Hektar Wiesen und Weiden zwischen Schenkenhorst und Beese sind versumpft, weil die Biese keine ausreichende Vorflut bietet. Der Lauf ist durch verhältnismäßig lange Buhnen - 1340 Stück etwa - eingeschränkt. Die Gesamtlänge der zu regulierenden Fluss und Grabenläufe beträgt 172,206 Kilometer. Die Kosten würden 1.350.000 Mark betragen. Davon brauchen die Anlieger nur 401.000 Mark beisteuern.

Im November 1904 tagten 150 Gegner des Projektes Milde-Biese-Regulierung in Gladigau. Rittergutsbesitzer von Kalben aus Vienau und Ackerhofbesitzer Quasebarth aus Zedau machten schließlich den Vorschlag, am Zusammenfluss der Oberen und Unteren Milde bei Mehrin und auch an anderen Stellen Stauvorrichtung einzubauen, um auch bewässern zu können. Hofbesitzer aus Vienau, Mehrin, Beese, Biesenthal, Hagenau, Gladigau, Schliecksdorf, Krumke und Zedau erklärten sich unter diesen Bedingungen mit der Regulierung einverstanden.

Es gab auch hier Gegner und Befürworter. Einige wollten das Wasser haben, von anderen wurde es verwünscht. Wiederholt wurde auf die schlimmen Folgen der Aland-Regulierung hingewiesen.

Die calbenser Mühle

1904 wurde in Kalbe eine Wassergenossenschaft zwecks Durchführung der Milde-Biese-Regulierung gebildet. Aus Bismark und Berkau waren 40 Interessenten anwesend.

Ein eifriger Verfechter des Regulierungsprojektes war Landrat Werner von der Schulenburg Salzwedel. Er verfügte über große Erfahrungen auf wassertechnischem Gebiet und setzte sich verstärkt dafür ein, die großen Flächen stark versumpfter Wiesen, namentlich um Kalbe herum, einer geordneten landwirtschaftlichen Kultur zu erschließen. Landrat von der Schulenburg hatte großen Einfluss bei den oberen Staats- und Provinzbehörden und ermöglichte dadurch das großzügige Regulierungsprojekt. Er überwand den Widerstand der Grundbesitzer durch deren Gebiet die notwendige Vorflut geführt wurde.

Im Jahre 1905 hieß es dann: Das Gebiet des Milde-Biese-Aland-Flußes, dessen Regulierung kurz bevorsteht, beträgt 1811 Quadratkilometer. Die Notwendigkeit besteht in den häufig auftretenden Überschwemmungen gewöhnlich im Frühjahr, aber auch im Sommer, dem sehr verwilderten Bett der Biese, den Tiefen und Untiefen und vielen Krümmungen, wodurch die sogenannten gefährlichen "Drehlöcher" entstanden sind.

Im Juli 1905 wurde in großem Umfang mit den Arbeiten sowohl bei Osterburg als auch bei Schenkenhorst begonnen. 1906 arbeiteten bei und in Kalbe eine Baggermaschine, wie der Chronist berichtet. Die Sohle des Flusslaufes wurde um 80 cm tiefer gelegt. Die Böschung des östlichen Armes wurde durch Zementplatten befestigt.

1907 arbeiteten bei der Regulierung in der Nähe von Altmersleben 350 Polen. Von Kalbe bis Schenkenhorst wurde das Flussbett verbreitert und durch Wälle erhöht. Auf dem rechten Uferwall entstand ein Fußweg nach Schenkenhorst.

Bei Mehrin war es notwendig geworden, dass Flussbett durch Umlegung des Wasserlaufes trocken zu legen. Hier wurden 400 Arbeiter beschäftigt.

1907: Durch die Regulierung wurde die Biesefurt zwischen Hagenau und Biesental, eine mit Steindamm versehene Durchfahrt unpassierbar. Damit ist eine Brücke notwendig geworden.

Am 1. Oktober 1908 konnte die Milde-Biese-Regulierung abgeschlossen werden. Einbezogen waren 172.000 Meter Hauptwasserläufe und rund 34 km Schaugräben. Die Absenkung des Wasserstandes wurde durch Stauschleusen bei Mehrin, Beese und Gladigau vorgebeugt. Die Verteilung der Kosten erfolgte durch sorgfältig abgeschätzte Beitragskataster in 4 Abstufungen. Beteiligt waren 56 Gemeinden und Gutsbezirke mit 2000 Interessenten. Die Kosten betrugen 1.100.000 Mark, davon 2/2 Beihilfen des Staates und der Provinz.

Fortab wurden die Hauptwasserläufe von der Genossenschaft unterhalten.

1920: Nach einer Gerichtsentscheidung besaß die Milde - Biese - Regulierungsgenossenschaft uneingeschränktes Fischerei-Recht von der Lüffinger Mühle bis zur Hagenauer Brücke.

1921: Bei Bau der Mildebrücke zwischen Karstedt und Poritz (Habichtshorst) beteiligen sich die Stadt Bismark - offensichtlich aus wirtschaftlichen Gründen - mit 2/3 der Kosten, Döllnitz trug 1/3. Die alte Brücke war in den 80 er Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut worden, nachdem sich hier vorher ein Furt befunden hatte.

1924, 1926 und 1927 waren Flutjahre. Nach einem schweren Unwetter in der Milde-Niederung trat 1927 die Milde über die Ufer. Das Mildewasser stinkt, hieß es, denn viele tote Fische treiben auf dem Wasser, ebenso das Heu von den Wiesen. Koppelpfähle ragten halb aus dem Wasser.

Im Winter 1928/29 brach der Mildedamm infolge Treibeises an 2 Stellen zwischen Engersen und Kalbe. Es kam zur Sprengung von Eisbarrieren durch Magdeburger Pioniere vor der Mühle. Es wurde eine Abflutstrecke von der Milde bis zu den Pappeln hinter den Kreuztannen gesprengt.

So konnte auch die Regulierung in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die Milde - die ihren Namen eigentlich zu Unrecht bekommen hat - nicht vollends zähmen. Immer wieder trat sie noch über ihre Ufer und verursachte bedeutende Schäden.

1930: Die Wasser- und Boden-Genossenschaft baut im gefährdeten Gebiet zahlreiche Vorfluter aus.

Im Zeitraum 1934/40 wurde mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes ein weiteres großes Meliorationsprogramm der Milde-Biese-Regulierungsgenossenschaft verwirklicht. Zunächst waren es die Abteilungen Groß-Rossau und Beese, die das Werk in ihren Territorien in Angriff nahmen. Im Mai 1935 kam die Abteilung Kalbe (Milde) dazu und im April 1937 wurde auch die Abteilung Berkau mit eingesetzt. Es waren 670 Männer mit Arbeiten an den Böschungsanlagen, Planieren von Bodenaushub, Faschinenherstellung und -verlegung beschäftigt. Auch der Wirtschaftswegebau kam dazu. Das Regulierungsgebiet umfasste rund 7.800 Hektar von 50 Ortschaften. Von Kalbe bis Osterburg führte ein Bagger die Unterwasserarbeit durch und legte die Sohle um 50 cm tiefer.

Der Wasserlauf wurde durchweg um zwei Meter verbreitert. Im Gebiet Gladigau - Beese beaufsichtigte Grabenmeister Fliegner aus Hagenau die Arbeiten. Die zuversichtlichen Worte des Chronisten: "Es ist das letzte Mal, dass dieses Land der Willkür des Wassers ausgesetzt ist", haben sich nicht bewahrheitet. In den Kriegsjahren kam die Arbeit der Genossenschaft fast zum Erliegen. Gräben und Flussläufe litten darunter.

Im Winter 1939 kam es zum Hochwasser der Milde im Überflutungsgebiet zwischen Wernstedt und Kalbe.
In Winter 1945/46 kam es wieder zur Überflutungsgefahr. Zur Gefahrenbeseitigung wurde zwischen Königsgraben und Pappeldreieck der Mildedamm durchstochen und das Wasser kontrolliert in die Große Wiese abgeleitet.

1953 wurde im Gebiet von Meßdorf der höchste Wasserstand seit 1928 gemessen. Er wurde sogar noch um 20 cm überschritten, 80 % des Grünlandes und 50 ha Ackerland standen unter Wasser. Klagen kamen auch aus der Gemeinde Engersen, dessen Feldmark zu 2/3 in der wasserreichen Niederung des Milde - Flusses liegt. Der Kreis Kalbe (Milde) wurde zum Schwerpunkt in der Wasserwirtschaft erklärt. Unter den Rindviehbeständen verbreitete sich stark die Leberegelseuche.

1953: Der Milde-Biese-Verband legt durch Verbandsrechner Emil Berg - Sitz Kalbe/Milde - den Prüfungsbericht vor. Es wird berichtet, dass der 1903 gegründete Verband die Entwässerung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in einem Gebiet mit 5 Kreisen bezweckt. Die Gesamtfläche beträgt 7794,96 ha. Die Mitgliederzahl 2150. Die Bauvorhaben von 1950 und 1951 sind abgeschlossen, 1952 Vorflutausbau in Engersen. Ebenfalls 1953 (gem. Anschlag 3.500 DM). Dränungsarbeiten in Schenkenhorst 1.300 DM. Ausbau von 3 Stauwerken im Schaugrabengebiet 30.000 DM.

Die letzte Verbandsschau im Herbst 1952, so heißt es, erbrachte zahlreiche Mängel, die inzwischen behoben wurden bzw. mit Strafen belegt wurden. Der Milde-Biese-Flusslauf mit Nebengräben hat eine Länge von 250 km und 19 Schleusen. Der Zustand der Anlagen sei im Allgemeinen zufriedenstellend. Am 1.1.1954 wird der Milde/Biese-Verband auf Grund einer Verordnung über die Organisation der Wasserwirtschaft liquidiert. Das Vermögen wurde in Volkseigentum überführt. Die Unterhaltung der Gewässer wurde durch die Wasser-Wirtschaftsdirektion (WWD) und durch die jeweiligen Räte der Kreise übernommen.

1963 und 1968 kam es im Januar zu Schwierigkeiten, vergeblich wurde versucht die Milde aufzuschlagen. Es wurde Wasser für die Tiere der LPG und zur Löschwasserversorgung benötigt. Am 21.01.1963 kam es durch die NVA zu Sprengungen der Eisbariere und 1968 nach einer Sprengung zum Dammbruch vor dem Mühlenkolk.


Dueker bei Schenkenhorst
1965/65 wurde die Wiepker Bäke verändert und unter der Milde hindurchgeleitet in den Königsgraben. Gleichzeitig wurde ein Bauwerk zur Hochwasserentlastung der Milde in Kalbe - ein Überlauf in den Königsgraben - geschaffen. Durch die Tieferlegung der Milde, entfiel der Zufluss zum Wassergraben des Gutshauses in Schenkenhorst. Das Gutshaus war bis dahin von einem Wassergraben umgeben und stand jetzt quasie auf dem Trockenen. In den Folgejahren wurden viele Vorflutgräben ausgebaut, dies wurde besonders intensiv im Augrabenbereich durchgeführt. 1979 und 1994 waren durch Schneeschmelze und ergiebige Niederschläge viele Grünlandflächen in den Niederungen überflutet. Diese Überflutungen, die nach ca. 10 Tagen abgelaufen waren, führten nicht zu erheblichen Schäden für die Landwirtschaft. Am 1.10.1992 wurde der Unterhaltungsverband Milde/Biese gegründet. Er ist verantwortlich für die Unterhaltung aller Zuflüsse der Milde und Biese. Der Hauptvorfluter - die Milde - Biese wird durch das Staatliche Amt für Umwelt, Amtsbereich Osterburg unterhalten. Die Arbeit vieler Generationen hat das Niederungsgebiet der Milde so umgestaltet, dass bei einer ordnungsgemäßen Unterhaltung der Wasserläufe gute Voraussetzungen für die landwirtschaftliche Produktion bestehen und die Ortslagen vor größeren Schäden durch Überflutungen bewahrt werden.

In den Jahren nach 2000 wurde bis auf wenige Staue Treppen eingeführt(im Gebiet Kalbe ist das Mühlenwehr und der kleine Stau am Gardelegener Tor erhalten geblieben, natürliche Treppen wurden im Gebiet von Kalbe unter der Eisenbahnbrücke und hinter dem Goliath an der Gemarkungsgrenze zu Butterhorst und Karritz eingebaut).


Quellen:
Die Altmark und ihre Bewohner, Lehrmann 1912,
Die Altmark, L. Enders, 2008
30 Jahresbericht des Altmärkischen Vereins für vaterländ. Gesch. u. Ind., 1903
Der Kalbesche Werder von H. Sültmann, 1924
Prüfbericht Milde-Biese -Verband
Notizen aus Lokal-Zeitungen und Broschüren
Milde-Biese-Aland, M. Behlitz, 2016
bearbeitet von Fritz Hagen und Henning Krüger

 
 
 
 
 
   
  
 

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