Geschichten über Kalbe Milde
 

 


 

Die politischen Wirren des 14. Jahrhunderts
 

Mit dem Aussterben es askanischen Fürstenhauses 1319/20 geriet das Land und seine Bevölkerung in Auseinandersetzungen, die fast 100 Jahre dauern sollten und die schlimmsten Folgen nach sich zogen. Leider haben wir keinerlei Berichte über die Lebenserfahrungen Kalbenser Einwohner aus dieser Zeit und auch das umfangreiche Urkundenmaterial die Familie von Alvensleben betreffend, gibt nur hin und wieder den Blick frei auf das Geschehen dieser bewegten Zeit.

Da war zunächst die Frage der Landesherrschaft. Nach der Doppelwahl von 1314 beanspruchten zwei Fürsten die Kaisermacht für sich : der Pfalzgraf Ludwig der Bayer und Herzog Friedrich von Oesterreich. Durch den Sieg in der Schlacht von Mühldorf am Inn 1322 entledigte sich Ludwig seines Widersachers Friedrich und behauptete damit die Herrschaft im Reich. Das Kaisertum Ludwigs aber wurde vom Papst angefochten und der Kaiser selbst mit dem Bann belegt. Das hatte zur Folge, dass alle die, die Ludwig huldigten und als Kaiser anerkannten vom Interdikt bedroht waren. Das Interdikt war eine Maßregel, die bis tief in das Volksleben hineinwirkte, sollten doch danach u.a. die Kirchen geschlossen bleiben und alle kirchlichen Handlungen eingestellt werden. Für die Menschen des 14. Jahrhunderts eine unerträgliche Vorstellung: keine Gottesdienste, keine Seelenmessen, keine kirchlichen Handlungen, einfach undenkbar. War nun die Frage: Wirkten solche päpstlichen Maßnahmen als politische Machtmittel noch so, wie sie in früheren Zeiten gewirkt hatten? Für die Menschen in der Markgrafschaft Brandenburg wurde diese Frage akut, als Kaiser Ludwig auf dem Reichstag in Nürnberg 1323 seinen erstgeborenen, damals 14 jährigen Sohn Ludwig den Älteren mit der Markgrafschaft belehnte, was zur Folge hatte, dass auch hier das Interdikt in Anwendung kommen sollte. Einer der erfahrensten kaiserlichen Diplomaten, Graf Berthold von Henneberg, wurde dem jungen Markgrafen beigegeben, als dieser im Januar 1324 das erste Mal in die Mark Brandenburg kam. Seine erste Station war Stendal, wo er sich mit Agnes, der Witwe des Markgrafen Waldemar, nun aber Herzogin von Braunschweig und ihrem 2. Ehemann Herzog Otto dem Milden von Braunschweig traf. Auf dem letzten Reichstag war bestätigt worden, dass Agnes die Altmark behalten sollte, wie es ihr von Markgraf Waldemar verschrieben war und auch Otto sollte über ihren Tod hinaus (Agnes ist 1334 vor Otto in Tangermünde gestorben) im Besitz der Altmark bleiben. Diese Abmachung gewährte der Altmark noch einige Jahre der Ruhe, während in den anderen Teilen der Mark die Auseinandersetzungen für und wieder den neuen Landesherren voll entbrannten. Mit Gewalt ließ Ludwig d.Ä. die Kirchen öffnen, vertrieb die Priester, die das Interdikt befolgen wollten und durch mancherlei Gnadenbeweise brachte er besonders die Städte und den Adel zum großen Teil auf seine Seite. Bei einem großen Teil des Volkes aber blieben die bayrischen Markgrafen und Kurfürsten unbeliebt, galten sie doch als prachtliebend und sittenlos. Die fehlende päpstliche Anerkennung wird dazu beigetragen haben, dass sich die Menschen kaum mit der neuen Landesherrschaft anfreunden konnten. Es gab innere Widerstände, obgleich Ludwig d.Ä. (von 1324-1352 hat er die Mark Brandenburg regiert) von allen Markgrafen und Kurfürsten der war, der sich um das Wohl des Landes am meisten gekümmert hat. Ununterbrochen war er im Lande unterwegs, suchte die Dinge zu ordnen und das Land vor Schaden zu bewahren. Am Ende hat er resigniert und zugunsten seiner Brüder verzichtet. Markgraf Ludwig d.Ä. ist auch einmal in Kalbe gewesen: 1344. Das war zur Zeit, als die Altmark in Gefahr war, aus dem Verbund der Mark Brandenburg ausgegliedert zu werden. Markgräfin Agnes war, wie erwähnt, 1334 gestorben, ihr Ehemann Otto der Milde behielt das Land in seinem Besitz, so wie es auf dem Nürnberger Reichstag abgesprochen war. Es scheinen aber Ludwigs Vermutungen richtig gewesen zu sein, dass Otto versuchte, die ganze Altmark an Braunschweig zu bringen. Verschiedene Maßregeln Ottos lassen darauf schließen. Das rief Ludwig auf den Plan mit seinem Anspruch auf die Altmark. Auch für die von Alvensleben in Kalbe stellte sich die Frage, wem sollten sie angehören? Otto von Braunschweig der das Land rechtens in Besitz hatte, aber wohl versuchte, das Land an Braunschweig zu bringen, oder Ludwig, der der rechtmäßige Markgraf von Brandenburg war. Die von Alvensleben haben sich für Ludwig entschieden, obwohl sie immer zu Otto in einem guten Verhältnis standen. Im Sommer 1343 überstürzten sich die Ereignisse Beide Fürsten rüsteten sich zum Kampf und sammelten Truppen und Verbündete. Ludwig stand bei Seehausen, Otto in der Nähe von Osterburg. Zunächst wichen sich die Heerhaufen aus, zogen durch die Altmark (Apenburg ist damals in Flammen aufgegangen), aber in den letzten Septembertagen war ein Zusammenstoß der beiden Heere unausweichlich. Es kam zur blutigen Schlacht auf der Gardelegischen Heide (zwischen Gardelegen und Haldensleben), in der Markgraf Ludwig d.Ä. Herzog Otto von Braunschweig besiegen konnte und aus der Altmark verdrängte. Die von Alvensleben auf Kalbe werden danach vor Ludwig als "treue Freunde" und "orloge" (Krieg) gegen Otto bezeichnet und reichlich belohnt. Am 16.03.1344 ritt der Markgraf Ludwig, wenn auch sicher nur für wenige Stunden, in Kalbe ein, um Freunde zu besuchen. Hier in Kalbe werden von ihm 3 Urkunden ausgestellt. Mit welchen Gefühlen die Bürger der Stadt diesen Besuch erlebten wissen wir nicht. Obwohl Ludwig die Altmark bei der Mark Brandenburg halten konnte, sind doch in dieser Zeit (14. Jhdt...) der Altmark erhebliche Gebiete verloren gegangen, so das Wendland um Lüchow/Dannenberg, das sog. Amt Klötze, das 600 Jahre zu Braunschweig gehörte und die Gegenden um Oebisfelde, Calvörde und Wolmirstedt.

Unterdessen näherte sich eine neue Gefahr dem Lande: Die Pest. Das "große Sterben" begann. Schon lange kündigte sich diese verheerende Krankheit von Südeuropa her an. Pestjahre in Frankreich (1320 und 1321) und in Italien (1340, 1342 und 1346) ließen das Schlimmste befürchten. 1348 hatte die Pest Deutschland erreicht. In Lübeck an manchen Tagen über 100 Pesttote, Massengräber in Erfurt und Magdeburg, im Frühjahr 1348 die ersten Pestfälle in Stendal. Das große Sterben dauerte 3 Jahre. In einer alten Chronik heißt es: "Auch aller Pfaffen, Mönche und Nonnegesang nichts helfen will." Viele Beetfahrten und sog. Kreuzgänge wurden unternommen, die Geißelbrüder (Flagellanten) traten auf. In unserer Gegend war Bismark ein von vielen Menschen besuchter Wallfahrtsort (Goldene Laus), erhoffte man sich doch von der Wundertätigkeit des heiligen Kreuzes Bewahrung, Linderung oder Heilung. Wie viel verängstigte Menschen werden in dieser Zeit auch durch Kalbe nach Bismark gezogen sein? Schließlich zog die Pest nach dem Osten ab, 1352 das große Sterben in Danzig und Polen. Es ist geschätzt worden, dass in dieser ersten großen Pestzeit, die ganz Europa erfasste, jeder 3. Mensch umgekommen ist. Kein Wunder, dass bald die Frage auftauchte, wer Schuld an dieser Katastrophe wäre. Die Schuld wurde den Juden zugeschoben, die die Brunnen vergiftet haben sollten und in allen Ländern gab es Judenverfolgungen. In dieser Zeit sind in der Altmark ganze Dörfer ausgestorben oder von den wenigen Überlebenden verlassen worden und blieben für lange Zeit oder für immer wüst liegen. Die Pest ist über 300 Jahre ein immer wiederkehrender, unheimlicher "Gast" geblieben.

Und noch ein anderes Ereignis sollte gerade in den Pestjahren das Land erschüttern: Der falsche Waldemar. Plötzlich trat ein Mann auf, der von sich behauptete, er sei der Markgraf Waldemar. 1319 wäre er gar nicht gestorben, sondern hätte sich heimlich auf einen Kreuzzug ins heilige Land begeben. Nun zurückgekehrt, wäre er bereit, das Land wieder in Besitz zu nehmen. Eine Welle der Begeisterung und Zustimmung schlug ihm entgegen, hatte er doch in König Karl von Böhmen, in den Fürsten von Anhalt und im Erzbischof von Magdeburg prominente Fürsprecher. Zunächst konnten nur wenige erkennen, dass das Auftreten dieses Markgrafen Waldemar im Zusammenhang stand mit dem Kampf um die Macht im Reich. Am 11.10.1347 war Kaiser Ludwig der Bayer gestorben, hatte aber noch erleben müssen, dass ein Jahr zuvor (1346) sich Karl von Böhmen mit den Stimmen der welfischen Partei zum Kaiser (Karl IV,) hatte wählen lassen. Nun versuchte Markgraf Ludwig d.Ä. alles, das Kaisertum Karls zu verhindern, hielt er doch von seinem Vater her die Reichskleinodien in seinen Händen. Ludwig sammelte die Gegner Karls und betrieb die Wahl Günthers von Schwarzenburg zum Kaiser, nachdem einige andere Fürsten die Kandidatur abgelehnt hatten. In diesem Moment wollte Karl die sowieso schwache Position des Markgrafen aus bayrischem Hause in Brandenburg erschüttern. Der Zeitpunkt war günstig gewählt. Als der falsche Waldemar auftrat, befand sich Ludwig gerade in Bayern (August 1348). In weiten Teilen des Landes empfing dieser Waldemar die Huldigung der Städte und des Adels. Die Zustimmung großer Teile der Bevölkerung war ihm gewiss, empfand man doch das Auftreten Waldemar als eine Gelegenheit, die ungeliebte Herrschaft der Bayern loszuwerden. Parteigänger Ludwigs, besonders in den Städten, wurden ihrer Ämter enthoben, oft auch aus den Städten vertrieben. Vor allem wahren es Geistliche, die die Begeisterung für den neuen alten Fürsten entfachten. Die von Alvensleben auf Kalbe mögen gezögert haben, denn erst 1 1/2 Jahre noch Waldemars Auftreten konnte Albrecht von Alvensleben es nicht vermeiden, am 1.3.1350 an einer öffentlichen Verhandlung der Parteigänger Waldemars in Stendal teilzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt waren aber neue wichtige Entscheidungen für das Land getroffen worden. Bei seinem Treffen im Februar 1350 in Bautzen einigte sich Ludwig mit Kaiser Karl IV. Ludwig erkannte Karls Kaisertum an und Karl IV. ließ die Markgrafschaft Brandenburg wissen, dass nur Ludwig der rechtmäßige Markgraf sei. So plötzlich, wie er gekommen, verschwand der falsche Waldemar wieder und alle, die ihm gehuldigt hatten, suchten nun, sich bei Ludwig zu entschuldigen. Ludwig d.Ä. hat bald darauf das Land verlassen und seine Brüder Ludwig der Römer und Otto haben dann die Markgrafschaft regiert bis Kaiser Karl IV. sie seinen eignen Söhnen verlieh. Die offensichtliche Schwäche der Landesherschaft in den letzten 30 Jahren - und so sollte es mehr als ein halbes Jahrhundert noch bleiben - hatte bewirkt, da? Städte und Adel zu immer größerer Macht gelangten und auf dem Wege waren, selbständige Machtfaktoren zu werden.

So sollen auch gegen Ende des 14.Jahrhunderts die Bedrängnisse für das Land und seine Bewohnern noch kein Ende nehmen. Das Land war zum Spielball verschiedener dynastischer Interessen geworden. In weniger als 100 Jahren wurden dem Lande 23 Huldigungen abverlangt und das hieß: neue Lasten, neue Unsicherheiten, natürlich aber auch neue Privilegien. Den größten Nutzen daraus zogen die örtlichen Gewalten; das waren die Städte und der schlossgesessene Adel, denn sie waren in der Lage durch ihren Besitz, Wehranlagen und Burgen, Einfluss zu nehmen auf das Geschehen im Lande. Da die Markgrafen oft jahrelang dem Lande fern blieben, versuchten die Nachbarn ihre wirklichen und vermeintlichen Ansprüche gegenüber der Mark Brandenburg durchzusetzen. Beinahe von allen Seiten begann ein regelrechter Kleinkrieg, der in gegenseitiger Befehdung mit Ausplündern (Auspochen) und Straßenräuberei geführt wurde. Denen von Alvensleben mit ihren Burgen in Kalbe, Lötze und Gardelegen fiel in der Altmark eine entscheidende Aufgabe zu, beherrschten sie doch wichtige Durchgangsstraßen. Die Bedeutung der Burg Kalbe mit dem Werder am viel benutzten Übergang über die Mildeniederung kann gar nicht hoch genug eigeschätzt werden. Zogen die Magdeburger oder Braunschweiger plündernd und raubend durch die Altmark, dann unternahmen die von Alvensleben mit anderen Adligen Raubzüge in das Gebiet des Erzbistums Magdeburg und ins Braunschweigerische und nicht selten war Kalbe der Ausgangspunkt solcher Unternehmungen. 1372 wehrten sich die Stendaler erfolgreich in der Schlacht an der Deetzer Warte gegen die erzbischöflichen Eindringlinge. 1381 erlebte Kalbe eine regelrechte Belagerung durch Magdeburgische Söldner, hatten doch die von Alvensleben Magdeburgische Bürger hier gefangen gesetzt. Die Burg erwies sich als uneinnehmbar und die Dörfer in der Umgebung der Burg konnten als sicher bezeichnet werden, jedenfalls wird von Plünderungen und Zerstörungen der Werderdörfern nichts berichtet. Bis ins 15. Jahrhundert zogen sich die Fehden hin und erreichten zwischen 1412-1420 ihren Höhepunkt. Die gegenseitigen Schadensaufrechnungen gewähren uns einen Einblick über Zielrichtung und Umfang der Fehdezüge. Es waren meistens kleine Gruppen von 30 - 50 Söldnern, die von Kalbe (Ludolf von Alvensleben) oder Gardelegen (Gebhard von Alvensleben) aufbrachen und die Magdeburgischen Dörfer um Haldensleben und Wolmirstedt heimsuchten. Meistens wurde Vieh und Hausrat mitgenommen und die Dörfer angezündet. Es kam zu Mord und Totschlag. Revanchierten sich die Magdeburger dann waren die Dörfer um Gardelegen und in der Gardelegener Heide am stärksten gefährdet. Nur einige Beispiele: Am Sonntag, dem 4.Dezember 1412 wurden von den erzbischöflichen Knechten die Dörfer Berge, Estedt und Wiepke abgebrannt, nachdem im November alvenslebische Söldner in Althaldensleben Pferde und Kühe geraubt hatten. 1417 brannten Schäplitz, Kläden, Badingen und Garlipp aus. Bald darauf 1418 wurde das erzbischöfliche Dorf Ileburg aufgeplündert und abgebrannt. Kein Wunder, dass in dem Hin und Her der Fehden und Raubzüge manches verwüstet liegen blieb. Unbarmherzigkeit, Eigennutz und Gewalttätigkeit überhand nahmen. Wir lernen aus den Schadensrechnungen auch Unterführer der Adligen kennen, die bisweilen zu eigenen Unternehmungen aufbrachen: Hans Creyth, der vermutlich aus Kalbe stammte, Magher Clawes, Tile Luckenspel, Rossau auch aus Kalbe und Seghel "der stad Gardelegen dyner" waren gefürchtete Anführer der adligen Söldner. Aber auch die Magdeburgischen Anführer: : Heise von Seinfuth, Busso von Alvensleben, Heinrich Holozte, Herman Kleger, Hans Kader, Scherbart, Keppel und Tile Düvel versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Trotz dieser bedrückenden Zustände in der Altmark - und in den anderen Teilen der Mark Brandenburg war es womöglich noch schlimmer - hatten die Fehden und Raubzüge der Städte und Adligen, die sich fast ausschließlich gegen Auswärtige richteten, für das Land auch eine positive Bedeutung. Das Land war vor der Zerstückelung bewahrt. Als Friedrich I. Burggraf von Nürnberg 1411 als Kaiserlicher Verweser in die Mark geschickt wurde, fand er ein verwüstetes Land vor, das aber seinen Zusammenhang noch nicht verloren hatte. Nur ganz allmählich konnte er die unablässigen Fehden eindämmen und mit den Nachbarn Frieden schließen.

Im 14. Jahrhundert werden erstmals auch nicht adelige Bewohner von Kalbe mit Namen genannt::

ist Pfarrer in Kalbe (Plebanus in Calvis) Hinricus.

Er war vorher mehrer Jahre Probt in Kloster Neuendorf. Um 1340 hatte er die Pfarrstelle Kalbe übernommen. Wann er gestorben ist wissen wir nicht

ist Pfarrer in Kalbe Kersten oder Christian.

Er trat in diesem Jahr als Zeuge auf bei einem Kauf des Dorfes Wernstedt durch die von Alvensleben vom Heiligen Geist Stift in Salzwedel

 
 
 
 
 
   
  
 

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