Geschichten über Kalbe Milde
 

 


 

 


Ulrich (Uli) Schmidt
 

Ulrich Schmidt
Meine Erinnerungen an meinen Bruder Ulrich Schmidt
Es ist gar nicht so einfach, dass was mich an meinen Bruder Uli erinnert, in Worte zu fassen und dann auch noch aufzuschreiben. Es geht einem dabei viel durch den Kopf. Es entsteht so ein lebendiges Bild von ihm, dass mich doch sehr aus der Fassung bringt , dass er nicht mehr da ist. Ich will nicht behaupten, dass er ein „großartiger Mensch „ war, nein das war er gewiss nicht, das zu sagen würde ihm nicht gerecht werden. Und doch war er ein besonderer Mensch, ein Künstler eben. Aber für mich war er auch immer ein lieber, fürsorglicher und in allen meinen schwierigen Lebenssituationen ein selbstlos helfender Bruder.Er war ein richtiger Kümmerer, sein Leben lang. Dieses Kümmern ging über seine Familie weit hinaus. Er kümmerte sich um seine Nachbarn und mit besonderer Hingabe um seine Heimatstadt Kalbe(Milde), die ihm für sein außergewöhnliches Engagement im August 2010 die Ehrenbürgerschaft verliehen hat.

Hier wurde er am 09.09.1936 als zweiter Sohn des Eisenbahners Friedrich Schmidt und seiner Ehefrau Anneliese geboren im Hause des damaligen Zahnarztehepaares Schäfer im Dachgeschoss der Villa Bahnhofstr. 18
Es ist überliefert, dass Uli, mit Taufnamen Ulrich, ein sehr ruhiges introvertiertes Kind gewesen sein soll. Ein Segen für die junge Familie, zumal der erstgeborene Sohn Kurt ein eher anstrengendes Kind war. Heute würde man sagen, er war hyperaktiv. Die Eltern nutzten 1938 die Gelegenheit , die das damalige Reichsheimstättengesetz bot und bauten sich ein kleines Häuschen, gelegen im Mühlenfeld in Kalbe. Die Familie vergrößerte sich in den Jahren 1941 und 1942 mit zwei weiteren Kindern, meinem Bruder Hans und mir. Dann war die Familie komplett. Ich erinnere mich an eine wunderschöne Kindheit mit unserem großen Bruder Uli.Wie gesagt, er war ein Kümmerer. Auf ihn konnte man sich immer verlassen.
Er besuchte in Kalbe die Schule, schloss diese, wie es damals so üblich war, mit der 8. Klasse ab und begann eine Lehre als Maler bei Malermeister Fritz Mertens in Kalbe. Um sein doch eher kargen Lehrlingslohn aufzubessern, verdingte er sich eine Zeit lang als „Ausrufer“ der Stadt Kalbe(Milde). Anfang der Fünfziger Jahre gab es noch nicht die tägliche Morgenzeitung wie heute. Alle die Bürger der Stadt betreffenden Informationen wurden durch den Ausrufer bekannt gegeben. Zu diesem Zweck fuhr er mit einem Dienstfahrrad und einer Diensthandglocke durch die Straßen der Stadt . In Abständen von einigen hundert Metern ließ er dann die Glocke ertönen und erreichte so die Aufmerksamkeit der Bürger, um dann lauthals die wichtigen Mitteilungen der Stadtverwaltung bekannt zu geben. Ich erinnere mich ,dass diese Tätigkeit meinem Bruder sehr viel Spaß bereitet hat

Schon während der Schulzeit fiel seinem Lehrer Karl-Heinz Daenert sein Zeichentalent auf. Diesem Lehrer, so versicherte Uli immer wieder, hatte er viel zu verdanken. Er hat ihn gefördert und gefordert. Das Talent wurde Uli in die Wiege gelegt. Ein Urgroßonkel mütterlicherseits stand dafür Pate. In meinem Besitz befindet sich heute noch eine Mappe mit wunderschönen Zeichnungen von eben diesem Vorfahren. Das Zeichnen und Malen wurde für meinen Bruder im Laufe der Jahre immer mehr zur Lebensphilosophie. Das Leben, vor allen Dingen die Natur mit seinen Augen in Bildern zu beschreiben, war der rote Faden seines künstlerischen Schaffens. Er blieb jedoch Autodidakt. Bemerkenswert, wenn nicht so gar kurios ist in der Nachbetrachtung, dass seine Lehrer in der Berufsschule sein Zeichentalent nicht honorierten. Die Gesellenprüfung schloss er im Fach Zeichnen mit dem Resultat genügend ab.
Nach der Lehre machte er sich 1955 auf die Wanderschaft und arbeitete als Malergeselle in der thüringischen Stadt Friedrichroda. Nach einem Jahr war die Sehnsucht nach der Familie und seiner Heimatstadt jedoch größer als der Drang, die Welt kennen zu lernen.

Er kam wieder nach Hause. Während seiner Zeit in Thüringen hat er seine Malerei intensiviert und weiter entwickelt. Zurück in der Altmark nahm er 1956 eine Stelle als Malergeselle bei einem Meister in Gardelegen an. Wechselte dann nach der Gründung der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) “Ausbau“ nach Kalbe. Hier nahm ihn der Malermeister Fritz Damisch unter seine Fittiche. Nun packte ihn der Ehrgeiz. Er absolvierte mit Erfolg neben seiner beruflichen Tätigkeit von 1958 bis 1959 die Ausbildung zum Malermeister an der Meisterschule in Magdeburg. Diese Zeit hat ihn sehr geprägt und hat seinen weiteren Lebensweg geebnet. Sein Beruf wurde ihm zur Berufung.
Nachdem Fritz Damisch die Geschicke der PGH als Vorsitzender übernahm, wurde mein Bruder Bereichsleiter der Abteilung Maler. Diese Position behielt er auch trotz aller Umstrukturierungen nach der Wendezeit 1990 bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand im September 1999. Die Wendezeit war für ihn eine echte berufliche Herausforderung. Es galt, den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen. Das bedurfte bei ihm eines Lernprozesses, der auch schmerzhaft war, viel Kraft kostete und zeitweise sein Leben erheblich aus dem Gleichgewicht brachte. Insbesondere der wirtschaftliche Niedergang der mit der Insolvenz der aus der PGH entstandenen „BAUKA“ GmbH endete, hat ihn tief berührt. Ich denke, dass er diese schweren beruflichen Jahre nur deshalb einigermaßen physisch und psychisch unbeschadet überstanden hat, weil er sich in seine Bilder und damit in sich selbst zurückziehen konnte. Gerade in der Wendezeit, wo keiner so recht wusste, wie es nun weiter gehen soll, wohin die Reise geht, sagte er mir: „Ich habe doch meine Bilder. Wenn ich in meinem Atelier sitze und ein Bild, was ich im Kopf schon fertig habe, auf die Leinwand bringe, bin ich ganz bei mir und lasse die Welt draußen.“ Ich habe ihn für diese Fähigkeit beneidet und ihn gleichzeitig bewundert. Als unser Vater 1985 unheilbar erkrankte und wir Geschwister und unsere Mutter den Schmerz und die Verlustängste nicht in Worte fassen konnten, hat er seinen Schmerz in einem sehr berührenden Bild zum Ausdruck gebracht .- -- Er war eben ein echter Künstler.---

1959 lernte er in Bad Doberan die Verkäuferin Renate Wackrow kennen und lieben. Am 29.Oktober 1960 heirateten beide. Für seine Frau hätte er fast seiner Heimatstadt den Rücken gekehrt. Aber es kam anders. Renate, von allen Nana genannt, kam zu ihm von der Ostseeküste in die Altmark. Sie bewohnten eine kleine Wohnung in der Gardelegener Straße. Als die Wohnungsbaugenossenschaft in Kalbe begann, auf dem Petersberg Wohnungen zu bauen, traten sie dieser Genossenschaft bei und erhielten so eine Neubauwohnung, die damals wie ein „Fünfer im Lotto“ war. Dort haben sie dann bis zum Jahre 1992 gewohnt. Nach dem Tod unserer Mutter im Mai 1991, der Vater war bereits im Januar 1986 verstorben, hat er das kleine Häuschen unserer Eltern im Mühlenfeld modernisiert und ausgebaut. Hier lebte er bis zu seinem Tod am 09.10. 2010. Ihre Ehe habe ich immer sehr bewundert. Ohne seine Nana, die ihn bei all seinen Aktivitäten vorbehaltlos unterstützte, war für ihn ein Leben nicht vorstellbar. Sie waren wie Nut und Feder. Im Jahr 1961 wurde der Sohn Dirk und 1966 Sohn Volker geboren.

Mein Bruder hat früh angefangen, sein Talent in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen. Unser Vater, der leidenschaftlicher Eisenbahner bei der in Kalbe(Milde) ansässigen Kleinbahn, späteren Reichsbahn, war, hatte bereits Anfang der Fünfziger Jahre eine sogenannte Kulturgruppe, bestehend aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bahnhof’s Kalbe, ins Leben gerufen. Ihr Wirkungskreis erstreckte sich auf die gesamte Altmark. Sie haben kleine Theaterstücke und Sketsche aufgeführt, haben sogar damals beliebte Operettenmelodien in Szene gesetzt, gesungen und getanzt. Es war schon beeindruckend. Natürlich brauchte die Theatergruppe für ihre Bühne Kulissen. Diese Aufgabe übernahm selbstverständlich mein Bruder Uli. Er hat wirklich wunderschöne Kulissen hergestellt. Ich denke, den Grundstein für sein späteres Schaffen von großen Wandgemälden wurde während dieser Kulissenmalerei gelegt. Als vor kurzem im MDR-Fernsehen ein Beitrag über Kalbe (M.) gezeigt wurde, war auch das von ihm kreierte große Wandbild im Eingangsbereich des Kulturhauses zu sehen. Er hat im Laufe der Jahre, die er künstlerisch tätig war, viele solcher Werke, die man heute noch bestaunen kann, wie z.B. im Kalbenser Rathaus, im Estedter Gemeindesaal, eine Hausfassade im Schlüsselkorb in Gardelegen und am so genannten Eisdielenwohnblock an der Wernstedter Str. in Kalbe (Milde) geschaffen.

Es sind aber nicht diese großen imposanten Wand- und Fassadenbilder die an ihn erinnern. In sehr vielen Wohnungen und nicht nur in Kalbe hängt im Wohnzimmer ein Bild mit dem Signum des Künstlers Ulrich Schmidt. Eine sehr schöne Bildersammlung hängt derzeit (Januar 2013) auch als Leihgabe im Eiskaffee“Piccolo“ in Kalbe.

Mein Bruder lebt durch seine Bilder weiter. Er ist damit präsent und das ist ein sehr gutes Gefühl.

In dankbarer Erinnerung
Annemarie Reichel geborene Schmidt - Kalbe (Milde) im Januar 2013

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