Geschichten über Kalbe Milde
 

 



 

 

Die alten Sänger in Calbe
 

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts grünten und blühten die Gesangvereine ganz besonders in den deutschen Landen. Wollte man doch die deutsche Einigkeit durch Gesang-, Turn- und Schützenfeste erzielen. In Calbe a. d. Milde waren es stimmbegabte, einfache Ackerbürger und Handwerksmeister, die, wenn sie des Tages Last und Hitze getragen hatten, des Abends noch Zeit fanden, den Gesang unter der Leitung des Rektors Spröde und des späteren Dirigenten, ersten Lehrer August Lübeck zu üben, eines echten Calbenser Kindes, Sohn des Brauereibesitzers Lübeck. Die Lübeschke Liedertafel besteht wohl heute noch. Die Sänger waren Musikus und Schneidermeister Karl Wede auf der Burg, 1. Tenor, Wassermühlenbesitzer Müller (Woatermöllers Willem), 2. Tenor, Schmiedemeister Karl Kluge, 1. Tenor, Schneidermeister Hermann Genthe, 2. Tenor, Schmiedemeister Karl Eggebrecht, 1. Tenor, Färbermeister Gartz, 2. Baß, Drechslermeister Fritz Schmidt, 1. Baß, Küster Heuer, 2. Baß, Ackerbürger Wilhelm Meinecke in der Gardelegenerstrasse (Meinckes Willem) 2. Tenor u.a. Aljährlich im Winter fanden drei bis vier Konzerte im Fritz Dannehlschen Saale statt. Die Sänger standen im Halbkreise auf der Bühne, mit schwarzem Frack, weißer Pikeweste, weißer Binde und weißen Glacehandschuhen, die Notenblätter in der Hand. Alles rüstige Gestalten, denen man ihren schweren Beruf hier nicht ansah! Der Saal war stets von den Familien der Sänger gefüllt, ja, aus der ganzen Umgegend kamen die Zuhörer herbeigeeilt. – Und was wurde gesungen? „Was ist des Deutschen Vaterland?“ „Und hörst du das mächtige Klingen von der Ostsee bis über den Rhein?“ „Vater, ich rufe dich!“ „Du Schwert an meiner Linken“ und alle die schönen Lieder aus der Zeit der großen Erhebung der Freiheitskriege. Man merkte es, wie die Einigkeit des deutschen Vaterlandes herbeigesehnt wurde. Aber auch humoristische Lieder ertönten: „Das Schuhdrücken“, Du verdammter Schuh, Schuh, Schuh und du verdammter Schuhknecht dazu, „Sonntag zieht der junge Mann seinen neuen Leibrock an.“ „ Wer auf der Welt sein Glück will machen.“ „Fische fangen, Vogelstellen verdirbt so manchen Junggesellen“ usw. Ein Zugstück war es, wenn Karl Wede, der Heldentenor, das Lied sang:

Gesang verschönt das Leben,
Gesang erfeut das Herz,
Ihn hat uns Gott gegeben
Zu lindern allen Schmerz! –

Dann nahm er die Flöte und spielte ein Solo aus dem „Troubadour“ und dann das Tenorhorn. Karl Wede durfte auf keinem Konzerte fehlen. Er wahr überhaupt ein Künstler und spielte meisterhaft alle Instrumente. Ein Musikdirektor aus Magdeburg (wenn ich nicht irre, Rebling) hatte seinen Heldentenor auf einem Konzert in Calbe gehört und bot ihm an, er wollte sich für ihn in Berlin am Königlichen Opernhause um seine Ausbildung verwenden, aber Wede lehnte das Anerbieten ab: „Ich habe hier in meiner Vaterstadt mein Auskommen, wenn auch nur ein bescheidenes, ich trachte nicht nach hohen Dingen.“ – Dann fügte er in altmärkischem Platt treuherzig hinzu: „Wo meine Oellern unn Grootöllern unn Urgrootöllern west sinnt, oppt Borg in Kalf, daa will ick ook bliewen!“ Aber auch die anderen Sänger leisteten Tüchtiges. Gartz und Heuer im tiefen Baß, Buhmanns Fritzs und Wilhelm Meinecke im Barriton u.a.

Nach dem Konzert fand Ball statt. Die Damen in weißen Kleidern und nach der damaligen Mode mit umfangreichen Reifröcken (Krinoline) und weißen Handschuhen. Es hieß damals: „Wenn man kommt in’n Saal ohne Reif im Rock, so sag’n gleich alle Leut, da tanzt ein alter Stock!“ Es war für die Herren das Tanzen damals recht beschwerlich und namentlich, wenn eine Tänzerin fiel, war großes Hallo! Wie hat sich doch die Zeit auch darin verändert. Jetzt können die Kleider nicht eng genug getragen werden. Wer weiß, ob nicht die Krinoline, das unpraktische Kleidungsstück, nochmals auf der Oberfläche erscheinen wird. Die Tanzmusik leistete Johannes mit seiner Kapelle, auch in den Konzertpausen führt er vortreffliche Musikstücke auf.

Im Sommer fand im „Wildgarten“ das Gartenfest statt. Der Rittergutsbesitzer Majorratsherr Ludolf v. Alvensleben stellte dazu seinen schönen Park zur Verfügung. Er war Jungeselle und etwas schwerhörig, aber seine Lieblingslieder „Frühmorgens wenn die Hähne krähn“, „Das ist der Tag des Herrn“, „ Wer hat Dich du schöner Wald“ usw. durften nie fehlen. Auch sein Bruder, der Dresdner Landschaftsmaler Oscar v. Alvensleben, hörte gern dem Gesange zu. Er wollte die Burg seiner Familie wieder aufbauen und ein Testament errichten, aber ein unerwarteter Tod hat ihn wohl daran verhindert. Er soll ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben. Es haben seine Neffen und Nichten, er selbst war unverheiratet, geerbt.

Aber nicht nur Konzerte gaben die Sänger, sondern auch an den Festtagen verschönten sie den Gottesdienst in der Kirche. Sie sangen die Liturgie und nach Schluß der Predigt des Oberpredigers Wagner, eines tüchtigen Kanzelredners, noch ein passendes geistliches Lied. Der Oberprediger wurde vorher befragt, welcher Gesang ihm genehm wäre. Wagner fing stets ganz leise an zu predigen und zum Schluß wurde er immer lebendiger und nach dem Amen setzte dann der Chor ein: „Ja, ja! Das ist gewißlich wahr! usw.“ Am Karfreitag wurde ein Teil der Matthäuspassion von Joh. Sebastian Bach zu Gehör gebracht.

Hatte ein Sänger Hochzeit, so wurden ihm am Polterabend vor seiner Tür herrliche Lieder gesungen, starb einer von den Sängern oder jemand aus der Familie, so stellten sie sich am Grabe ein.

Bei Gartz starb ein Kind an der Bräune, schluchzend sprach der Vater, der führende Bassist, den Sängern seinen Dank am Grabe aus und fügt hinzu: „Ich habe nicht können mitsingen, der Schmerz ist doch gar zu groß, aber ich werde dem Gesange treu bleiben.“ Weit über die Grenzen der Stadt hinaus erscholl der Ruf der Calbenser Sänger. Sie erhielten Einladungen nach anderen Städten zu den Gesangsfesten, sogar nach Berlin. Sie lehnten es ab und sagten: „Wir haben hier Weib und Kind und machen keine Kunstreisen. Wer uns hören will mag nach Calbe kommen.“ Und dabei blieb is! – Nur „Woatermöllers Willem“ hat eine Reise mit dem Berliner Domchor als Gast und 2. Tenor nach Petersburg mitgemacht. Er hat öfter erzählt: Me hatt’ upp de Reis’ noa Peterburg ganz goot gefall’n, ick heb man bloot de oll’ Russen nicht verstaohen könn’n.“ Das waren die „guten alten Zeiten“


Auszug aus "Die Altmark" von G. Hesselbarth; Verlag Hermann Geisler, Inhaber Karl Dannemann Stendal 1921

 
 
 
 
 
   
  
 

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