Geschichten über Kalbe Milde
 

 



 

 

Die kirchlichen Verhältnisse im 16. und 17. Jahrhundert -
 

Der Inspectionsstreit und die Judica -Spende.

Als nach Einführung der Reformation in der Altmark die geistliche Aufsicht der Bistümer Verden und Halberstadt aufgehört hatte, galt es, das Kirchenwesen neu zu ordnen. Der Versuch scheiterte, für die Altmark ein eigenes Konsistorium einzurichten. In Stendal verblieb lediglich die Stelle eines Superintendenten für die Altmark (1. Dompfarrstelle), deren Inhaber sich bald Generalsuperintendenten für die Altmark und Prignitz bezeichneten. Ihnen sollte es obliegen, die Kandidaten für das Pfarramt zu examinieren und zu ordinieren. Die Einführungen der Pfarrer und die Aufsicht über die Schulen sollten die Superintendenten in den Städten besorgen. Die Pfarrstellen, deren Patrone die v. Alvensleben waren, gehörten einesteils in die Diözese Salzwedel, andernteils in die Diözese Gardelegen. Schon im 16. Jahrhundert haben die v. Alvensleben, ebenso wie die v.d. Schulenburg, den Versuch unternommen, die Pfarrer ihrer Pfarrstellen besonders zusammenzufassen. Das machte sich zunächst 1577 bemerkbar bei der Unterschriftsleistung unter das sog. Concordienbuch, die von den Pfarrern und Lehrern der Altmark am 1. und 2. August 1577 im Dom zu Stendal erfolgte. Während die Pfarrer der östlichen Altmark in ihren Landreitereien (Stendal, Seehausen, Arneburg und Tangermünde) zusammengefasst wurden, unterschrieben die Pfarrer der westlichen Altmark entsprechend ihrer Patrone als die "Knesebeckischen", die "Aluenschlebischen", die "Schulenburgischen" und die zum Heiliggeist-Kloster von Salzwedel gehörten. Auch ließen die von Alvensleben ihre Pfarrer in einem besonderen Konvent zusammenkommen. Die jeweiligen Einführungen besorgte der geistliche Inspector, der die 1. Pfarrstelle in Kalbe inne hatte. Die Superintendenten in Salzwedel begnügten sich damit, dass die Pfarrer sich nach erfolgter Einführung dem Superintendenten in Salzwedel vorstellten, sich in das dortige "Album" (eine Art Pfarrerliste) eintrugen und die Konvente in Salzwedel besuchten. Dieses Verfahren entsprach nicht der kurfürstlichen Anordnung und um 1638 erhob der Salzwedeler Superintendent Blumenthal wegen dieser Verfahrensweise Beschwerde beim Kurfürsten. Der Kurfürst ermahnte die adligen Patrone bei Androhung einer empfindlichen Geldstrafe, zu der angeordneten Verfahrensweise zurückzukehren, jedoch ohne Erfolg. Nun verboten die v. Alvensleben ihren Pfarrern an dem Salzwedeler Konvent teilzunehmen. Die damaligen Kriegszeiten mögen dazu beigetragen haben, dass der "Inspectionsstreit" viele Jahre unentschieden blieb. Auf kurfürstliche Anordnung wurden Beschwerden und Gutachten eingereicht und die adligen Patrone konnten sich darauf berufen, dass ihre Verfahrensweise über ein halbes Jahrhundert geduldet worden war. Als 1640 der Superintendent Bünemann (Vater des späteren Bürgermeisters von Kalbe Jacob Arnold Bünemann) in Salzwedel in sein Amt eingeführt wurde, untersagten die v. Alvensleben, trotz kurfürstlichen Befehls, ihren Pfarrern, an der Einführung teilzunehmen. Tatsächlich hat auch keiner der Alvenslebischen und Schulenburgischen Pfarrer an Bünemann’s Einführung teilgenommen. Die adligen Patrone fanden für ihr Vorhaben, eigene Inspektionen zu legalisieren, bei dem damaligen Ge.Sup. Stralius (dem jüngeren) einen entschiedenen Fürsprecher. Um 1670 sind dann die beiden Inspektionen in Kalbe und Beetzendorf durch die kurfürstliche Regierung anerkannt worden.

Zur Alvenslebischen Inspektion in Kalbe gehörten fortan folgende Pfarrstellen:

1. Kalbe Pastorat
2. Kalbe Archidiakonat
3. Kalbe Diankonat (mit Wernstedt und Vahrholz)
4. Groß -Engersen (mit Kl.Engersen)
5. Kremkau (mit Neuendorf)
6. Güssefeld (mit Bühne und Vietzen)
7. Mehrin (mit Vienau, Dolchau und Beese)
8. Plathe (mit Brunau und Molitz)
9. Zichtau (mit Wiebke)
10. Jeggeleben (mit Benckendorf, Büssen, Listen, Zierau und Depekolk)
11. Zethlingen
12. Mieste
13. Jeetze (mit Siepe)
14. Bismark
15. Altmersleben (mit Kahrstedt und Butterhorst)
16. Estedt (mit Schenkenhorst und Laatzke)
17. Berge (mit Ackendorf, Solpke, Sachau, Jerchel und Potzehne)

Schon in der Zeit vor der Reformation haben die v. Alvensleben den Grund gelegt für eine "milde Stiftung", die Pfarrern, Lehrern, Schülern und Armen zu gute kommen sollte. Sie bestand darin, dass den am Sonntag Judica jeden Jahres und dem darauf folgenden Montag in Kalbe versammelten Predigern, Lehrern usw. Verpflegung gewährt und Spenden gereicht wurden. Nach dem Namen des Sonntags wurde diese Einrichtung "Judica-Stiftung" genannt. Versammelt waren die Pfarrer, Lehrer usw. aus den Dörfern im Kalbischen Werder, vor der Heide und im Drömling. Wechselweise hatte einer der Pfarrer am Sonntag Nachmittag in der St. Nikolai-Kirche zu predigen und am Montag früh um 8 Uhr ein anderer in der Kapelle auf der Burg, solange diese bestand. Diese Zusammenkünfte wurden genutzt, um theologische Vorträge zu hören und über aktuelle Fragen sich zu besprechen.

Es liegen Verzeichnisse vor, welche Naturalien für die Mahlzeiten erforderlich waren und was die Speisefolge für die einzelnen Gruppen enthielt. So wurde z.B. im Jahre 1715 folgendes verbraucht:

1 Tonne Heringe
20 Pfund Stock- und Klippfisch
ca 12 Pfund Käse
24 Pfund Butter
114 Pfund Rindfleisch
2 Kälber
2 Schweine
3 Schinken
3 Hasen
1 Kalkuttischer Hahn, das war ein Puter
3 Hähne
6 Hühner
120 Eier
ca. 12 Zentner Roggen
12 Zentner Malz
40 Pfund Weizen
½ Faß Garley
dazu kamen Gewürze, Öl, Zucker, Salz, Milch usw.

Die Prediger bekamen: Sonntags - Montags

Kalte Erbsen Sauerkohl mit Würsten
Brathering Schinken
Kalbfleisch mit Zitronen u. Kapern Potage (Suppe) von Hühnern
Klippfisch Kalbfleisch m. Petersilienwurzeln
Schweinebraten mit Safran Rindfleisch mit großen Rosinen
Hasen-Schwarz Stockfisch mit Senf
Gebäcksel Muscheln
Braten- Puters Gebäcksel
Kaper, Pflaumen, Birnen- Hasenbraten,
und Pflaumenmus Salat
Butter und Käse Butter und Käse

Die Küster und Vögte bekamen:

Sonntags Montags
Kalte Erbsen Sauerkohl
Brathering Schulterblätter
Kalbsköpfe Stockfisch
Rindfleisch Schweinebraten
Butter und Käse Pflaumen
Butter und Käse

Die Schüler bekamen:

Sonntags Montags
Erbsen Sauerkohl
Brathering Speck
Rindfleisch Stockfisch
Würste Rinder-Kaldaunen

Insgesamt sind für die Judica-Stiftung z.B. im Jahre 1715 82 Taler, 12 gute Groschen und 6 Pfennige aufgewandt worden. Sicher wird es nicht immer so gewesen sein, denn im 30 jähr. Kriege werden die Kriegshandlungen oft die Judica-Zusammenkunft überhaupt verhindert haben. Seit dem Jahre 1751 ist die Ausrichtung der Judica-Stiftung eine andere geworden. In diesem Jahre machte der damalige Inspector (Superintendent) Johann Christian Goclenius den Vorschlag, die Judica-Feier nicht stattfinden zu lassen, um ein Hereinschleppen der nahe grassierenden Viehseuche zu verhindern. Die Leistung in Naturalien wurde in eine Geldabfindung verwandelt und dabei ist es auch in den nächsten Jahren geblieben. Bis zum Jahre 1800 lassen sich die jährlichen Judica-Geldspenden nachweisen. Wann und in welcher Weise auch diese Geldspenden ein Ende genommen haben, ist nicht bekannt.

Interessant ist die Aufrechnung aus dem Jahre 1715 auch hinsichtlich der Preise, die gezahlt werden mussten. Man sieht daraus, dass z.B. Butter, Milch, Zucker, Gewürze und Geflügel verhältnismäßig teuer waren, Rindfleisch aber z.B. billig gehandelt wurde.

Einige Preise zum Vergleich:

1 Pfund Butter = 3 Groschen
1 ‘’ Stockfisch = 1 ‘’ 3 Pfennige
1 ‘’ Reis = 2 ‘’ 6 ‘’
1 ‘’ Zucker = 7 ‘’
1 ‘’ Rindfleisch = 1 ‘’
1 ‘’ holl. Käse = 2 ‘’
1 ‘’ Pfeffer = 16 ‘’
1 Kalb = 20 ‘’
1 Schwein = 60 ‘’
1 Hahn = 8 ‘’
1 Huhn = 2 ‘’
1 Puter = 16 ‘’
1 Hase = 4 ‘’
1 Zitrone = 1 ‘’
86 Pfunde Weizen = 30 ‘’
84 Pfunde Roggen = 24 ‘’

Neben dem schon erwähnten Siechenhaus gab es in Kalbe seit der Zeit der Reformation eine andere segensreiche Einrichtung, nämlich den Armenkasten. Er war 1564 angeordnet worden und aus ihm wurden bei akuten Notständen Beihilfen bezahlt. Seine Einnahmen setzten sich aus Spenden, aber auch aus Strafgeldern zusammen. Im Visitationsabschied von 1600 ist über den Armenkasten folgendes geschrieben:

"Ist vor 36 Jahren angeordnet worden und derselbe bis dahin so viel getragen, dass außer dem, was den Armen vorgestrackt worden, an Barschaft vorhanden ist 256 Thaler 9 Schilling; davon seind 22 Gulden 9 Schilling in der Lade, das andere auf Zins ausgetan."

Wenn man bedenkt, dass der Gedanke einer allgemeinen Sozialversicherung erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, kann man ermessen, was der Armenkasten in früheren Jahrhunderten für eine wichtige Einrichtung war. Gelegentlich kann man in den Kirchenbüchern lesen, dass Kosten bei Beerdigungen aus dem Armenkasten beglichen wurden. Aber auch Beihilfen zur Aussteuer, Beträge zur kostenlosen Speisung oder Stipendien für Studierende wurden aus dem Armenkasten gewährt. Meistens waren zwei angesehene Bürger Kastenherren, die die die Gelder zu verwalten hatten und jährlich Rechnung legen mussten. Erst mit Einführung der Sozialversicherung ist der Armenkasten bzw. die Armenkasse abgeschafft worden.


Quellen im Inhaltsverzeichnis
.....aus einer Schrift zu 1.000 Jahre Kalbe(M) von Pfarrer S. Schneider
.....ergänzt von H. Krüger

 
 
 
 
 
   
  
 

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