Geschichten über Kalbe Milde
 

 


Zur Geschichte des Brauwesens in der Stadt Kalbe (Milde)
 

Hopfenanbau und Hopfenhandel

Die Bierbrauerei war in den mittelalterlichen Städten viel stärker verbreitet als heute, Bier wurde hergestellt sowohl zum Eigenbedarf als auch zum Zuerwerb neben anderen Tätigkeiten. Die zum Brauen notwendigen Produkte wie Wasser, Gerste und Hopfen, wurden selbst produziert bzw. wurden aus dem Umland bezogen. Erst später kam der Handel mit Gerste und Hopfen auf. Die Arbeitsteilung setzte sich durch und die Produktion wurde konzentriert.

So wurde auch in Calbe (Milde) und Umgebung Hopfen als wichtiges Produkt angebaut. Vereinzelt finden wir noch heute in den Dörfern sogenannte Hopfendarren, Scheunen in dehnen der Hopfen getrocknet wurde. In Calbe (Milde) blühte zu dieser Zeit der Anbau von Hopfen. Wer richtig sucht findet in der Umgebung von Kalbe (Milde), z.B. in den Kreuztannen, noch wilde Hopfenpflanzen, obwohl der gewerbliche Anbau von Hopfen in unserer Gegend längst der Vergangenheit angehört. Die Hopfendämme (viele Flurbezeichnungen verdanken dieser Entwicklung ihren Namen) lagen hinter der kleinen und der großen Milde und in Richtung Engersen. Dämme deshalb, weil die Umgebung von Calbe (Milde) seit Alters her sehr feucht ist. Die Dämme waren so angelegt, dass überschüssiges Wasser über Gräben abfließen konnte und mittels Vorfluter in die Milde bzw. über den Königsgraben oder die Flotte in die Milde abgeleitet wurde. Calbe (Milde) stellt in dieser Hinsicht eine Besonderheit dar, ursprünglich eine Talsandinsel am Rande des Calbeschen Werders voll von Wasser umgeben, die Milde wurde in früheren Jahren durch hervorragende Meliorationsarbeiten in ein festes künstliches Bett gezwungen. Noch heute können wir in Richtung Engersen erkennen, dass der Wasserspiegel der Milde weit oberhalb des umliegenden Ackerlandes liegt.

Das Hopfenland stand wie alles übrige Land im Obereigentum der Familie von Alvensleben. Dieser mussten die Hopfenbauern Pacht zahlen. Zum ersten Male hören wir von der Pachtzahlung für Hopfenland im Jahre 1699. So zahlte unter anderem Meister Steffen für einen Hopfengarten einen Taler Pacht, desgleichen Meister Konrad Hering. Meister Barthold Mundt, der ein kleineres Stück Hopfenland hatte, zahlte 16 Groschen Pacht.

Im Jahre 1633 sollen aus der Altmark einige Tausend Wispel Hopfen nach dem Auslande ausgeführt worden sein. (Diese Ausfuhren wurden später verboten.) Daran hat Calbe natürlich einen großen Anteil, wie denn in manchen Jahren aus dem Städtchen über 1.000 Zentner ausgeführt sein sollen. Bedingt durch seinen Hopfenanbau hat Calbe sich nach den Schrecken des 30 jährigen Krieges bald wieder erholt. Die Fuhrherren, welche mit Pferd und Wagen den Ertrag in die Großstädte ausführten, wurden Hopfenführer genannt. So weit das Kirchenbuch zurückreicht- bis zum Jahre 1627 - redet es von Hopfenführern. Als erste werden genannt Andreas Pecker und Jacob Schmidt. Der letztere setzte nach seiner Rückkehr von solcher Fahrt in seinem Hause durch Übermüdung und unvorsichtiges Umgehen mit Licht sein Haus in Brand und kam dabei selbst im Feuer um. Und nun folgen wieder Namen auf Namen der Hopfenführer, die auch Hopfenhändler oder Hopfenmakler genannt werden - Krüger, Heinemann, Micheel, Ahlemann bis dann 1713 zuerst die Berufsbezeichnung Brauer einsetzt. (Die Namen werden wir in den folgenden Abschnitten wiederfinden.)

Hans Reinecke ein Brauer hat in diesem Jahr 1713 Hochzeit, also der erste Brauer, der selber Bier braute, und dann sein Sohn Jacob Arnold Reinecke.

1737 erzählt das Kirchenbuch von einem Brauer Palm. In einer zu seinem Gehöft gehörenden Bude war eine Frau gestorben, welche als arme Frau keine Ruhestätte auf dem Stadtkirchhofe an der Kirche finden sollte. Schon längere Zeit vorher war der Ruf nach einem zweiten Kirchhofe in Calbe laut geworden, aber immer war ein solcher nicht bereit gestellt worden. Da die Verstorbene aber beerdigt werden musste, lud Brauer Palm kurzerhand den Sarg mit der Leiche auf einen Wagen und fuhr ihn nach Vahrholz. Gegen die Gabe von einer Tonne Bier an die Gemeinde Vahrholz, erreichte es der Mann, dass dort im Dorfe die Leiche beerdigt werden konnte. Wirklich ein unschöner Handel. Aber Brauer Palm erreichte durch seinen üblen Streich noch mehr. Das von ihm gegebene Ärgernis zwang die unfreundlichen Calbenser denn doch, dass sie im darauffolgenden Jahr sich zur Anlage eines zweiten Friedhofes bereit finden ließen. Als Platz wurde die Stelle dicht vor dem Salzwedeler Tore (in der Nähe der heutigen Kreuzung - Richtung ehem. Molkerei) zur Verfügung gestellt. Nach der ersten dort begrabenen Frau Ilsabe Petzholz erhielt der Kirchhof den Namen Ilsenkirchhof, auch Armeleutekirchhof genannt. Palm starb 1743. Nach seiner Zeit werden noch 3 Hopfenführer genannt, Meinecke, Jacob Behrens und Hans Kummert.

Der Brauer Ludolf Friedrich Schmidt war auch Stadtchirurgus, also Arzt. Dann tauchen drei Brauergenerationen auf, Ahlemann, ein Prehm, ein Gentz, der eine Witwe List heiratete, und ein List der eine Kummert heiratete. Es folgt ein Wegert. Auch des Rektors Rogge Sohn wurde Brauer. Vor 200 Jahren machte der ehemalige Windmüller Wöller in Calbe eine Brauerei auf. Um 1800 übernimmt ein Gerecke aus Immekath die Brauerei auf dem früheren Machannschen Grundstück (Gardelegenerstr.); in 3 Generationen hatte diese Familie die Brauerei inne. Die kleinste Brauerei war die Lübecksche in der heutigen Rathausstraße.

Der Streit um die Braurechte

Erste Hinweise zum Brauwesen in der Stadt Kalbe(Milde), sind zu finden in den Gerichtsunterlagen zum Streit der Brauer Hans Reinecke, Joachim Ahlemann, Gottfried Berens und Joachim Palm gegen die Städte Stendal, Saltzwedel, Seehausen und Consorten von 1703 - 1798. Im Verlauf dieses mehrjährigen Streits, wird von der Kurmärkischen - brandenburgischen Landschaft durch eigenhändige Unterschrift und angeborenen Petschaften von den Herren v. Ribbeck, v. Happe, v. Stillen, v. Alvensleben, Strantz und v. Oertzen bestätigt,

...das zu Bismark und Calbe bereits Anno 1550
gebrauet worden ist...

Wie kam es zu diesem Streit:

Das berühmteste altmärkische Bier war das Garley, ein Erzeugnis der Gardelegener Brauergilde. Am Anfang des 18. Jahrhunderts bestanden in Calbe vier Garleykrüge, deren Inhaber Michael Erdmann Stappenbeck, Christoph Steffens, Joachim Meyer und Sebastian Schmidt waren. Diese reichen am 18. Juni 1703 eine Beschwerde an die Kurmärkische Kammer in Berlin ein. "Ursprünglich war nur ein Brauer in Calbe, jetzt sind deren vier da. Außerdem verschänken die Bürger an den Jahrmarktstagen von ihren Biervorräten, einheimisches Bier und auch Garley, an die Jahrmarktsbesucher." Die Krüger werden dadurch in ihrer Nahrung geschädigt. Sie bitten um ein Privileg, dass sie allein Garley ausschänken dürfen, dass die Brauer ihr Bier auf die Dörfer in Fässern verkaufen müssen. Den Calbenser Bürgern soll der Verkauf von Bier an Jahrmarktstagen und über die Straße weg verboten werden. Der Kammerrat Beck erhält am 20.August 1703 den Befehl, sich nach Calbe zu begeben und mit dem Magistrat, den vier Brauern und den Krügern zu verhandeln, ob ein Privileg erteilt werden kann. Die Angelegenheit muss aber wohl wie das große Hornberger Schießen ausgegangen sein, denn man findet in dem fraglichen Aktenstück hinsichtlich des Privilegs keine weiteren Schriftsätze.

Erst am 28.Oktober 1716 richten die Calbenser Erbkrüger - sie haben in ihrer Person inzwischen gewechselt - Michael Erdmann Stappenbeck, Senator Joachim Christoph Bühnemann, Dietrich Bekker und Joachim Erdmann Steffens eine neue Beschwerde an die Kurmärkische Kammer:" Früher ist wohl ein Brauer in Calbe gewesen, der nur selten gebraut und dann sein Bier auf dem Lande verkauft hat. Nun werden von Joachim Ahlemann und Hans Reinecke wöchentlich erhebliche Mengen Bier gebraut und in der Stadt verkauft. Dadurch werden die Krüger in ihrer Nahrung geschädigt, da die Brauer ihr Bier erheblich billiger verkaufen können, da sie keine Akzise bezahlen. Die Erbkrüger dagegen bezahlen pro Faß Garley 1 1/2 Taler Akzise, dann den Zoll, sowie den Krugzins an die von Alvensleben. Schon jetzt entsteht der Akzisekasse in Gardelegen ein Schaden von mehreren hundert Talern. Wenn der Garleyausschank zum Erliegen kommt, entsteht der Akzisekasse ein Schaden von 600 Talern, da sie ungefähr 500 Faß Garley von Gardelegen beziehen, außerdem fallen 30 Taler Zoll aus. Wenn auch die Calbenser Brauer ihr Malz versteuern, so entgeht diese Einnahme doch der Gardelegener Akzisekasse. Außerdem haben die Brauer jederzeit die Möglichkeit zu Steuerdefraudationen da Calbe ein offener Ort ist." Die Erbkrüger bitten, die Brauerei zu verbieten. Sie beziehen sich dabei auf einen Schriftsatz vom 13. August 1682, nach welchem Calbe angeblich kein Braurecht gehabt hat.

Am 20.April 1716 schreibt Fr. Wilhelm v. Blaspiel:
Die Flecken Arendsee, Arneburg und Bismark, welche über hundert und mehr Jahre geruhig gebraut haben, wollen seine königl. Majestät geschützt wissen. Der Flecken Calbe aber muss erst den Beweis dafür erbringen."

Am 06. November 1716 erhält der Kammerrat Schmelzeisen von der Kurmärkischen Kammer den Bescheid, dass wer 1682 nicht gebraut hat, auch jetzt nicht brauen darf.

Gegen diese Verordnung erheben die Brauer Hans Reinicke, Joachim Ahlemann, Gottfried Behrens und Joachim Palm, von denen allerdings zur Zeit nur die beiden ersten brauen, Einspruch mit dem Bemerken dass sie immer gebraut haben. Sie verlangen ein Zeugenverhör. Da erscheint der Rat des Stendaler Obergerichts, Dr. v. Bertkow am 16. November 1716 in Calbe und lädt den Organisten Samuel Dittmer - 68 Jahre alt, gebürtig in Stollberg-, den Leineweber Jakob Otto - 76 Jahre alt, Sohn des Schneiders Andreas Otto, gebürtig in Calbe-, den Tagelöhner Hans Schmidt - 76 Jahre alt, Sohn des Hopfenführers Jacob Schmidt, gebürtig in Calbe-, als Zeugen vor. Alle drei Zeugen sagen aus, dass Calbe von jeher die Brauberechtigung besessen habe. Nocheinmal reichen die Krüger am 6.Mai 1717 eine Beschwerde ein, wobei sie nochmals durch Zahlen beweisen wollen, welcher Schaden der Akzisekasse entsteht. Darauf erhält Schmelzeisen am 16. Juli 1717 den Befehl, dass demjenigen, der 1682 nicht gebraut hat, bei 50 Taler. Strafe das Brauen verboten ist, doch sind die beiden Brauer Hans Reinicke und Joachim Ahlemann bei ihrem Brauereiprivileg zu schützen - eine Bestätigung dafür, dass die Braustellen der Familie Reinecke und Ahlemann die ältesten Braustellen in Calbe waren.

Weitere Krüger und Brauer

Der entlassene Unteroffizier und Quartiermeister Michael Wietzer will, nachdem er mehrere Jahre in dem Stappenbeckschen Freihause pachtweise einen Garleyschank betrieben hat, einen solchen in dem von seinem Schwiegervater, dem Kantor Balhorn, erworbenen Hause betreiben. Das wollten aber weder der Magistrat, noch der Alvenslebische Gesamtrichter Schulze dulden. Am 18. März 1738 wendet sich Wietzer an die Kurmärkische Kriegs- und Domänenkammer unter Beifügung seines Regimentsabschieds vom 12. April 1725 mit der Bitte, dass ihm eine Konzession erteilt und der Magistrat angewiesen werde, ihn nicht zu behindern. Darauf erhält der Kriegs- und Domänenrat v. Klinggräff am 11. April 1731 den Befehl über diese Angelegenheit ausführlich zu berichten. Dieser hört sowohl den Magistrat als auch den v. Alvenslebischen Gesamtrichter Schulze. Dieser führt aus, dass bereits 4 Garleyschenken in Calbe bestehen, außerdem 2 Brauereien vorhanden sind, und ein dritter Brauberechtigter seinen Betrieb aufnehmen will. Demgegenüber berichtet Klinggräff dass von den 4 Garleyschenken nur 2 in Betrieb sind, nämlich die des Senators Bühnemann und die des Kaufmanns Kagel. Stappenbeck lässt seine Schenke still liegen und Becker hat die seine an Bühnemann verpachtet, der sie in sein Haus gezogen und mit der seinen vereinigt hat. Da neben der Bürgerschaft auch die Garnison - in Calbe liegt eine Kompagnie des Leibregimentes zu Pferde - mit Getränken versorgt werden muss, da der König seinem alten Soldaten helfen will, so schlägt Klinggräff vor, dem Wietzer eine Konzession zum Garleyausschank zu erteilen. Dieser erteilt am 30. Juni 1731 die Concession mit dem nachstehenden Begleitschreiben:

Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König in Preußen, Markgraf zu Brandenburg, des Heiligen Römischen Reiches Ertz-Cämmerrer und Kurfürst. Unsern gnädigen Gruß zuvor, Vest, Hochgelahrte Räthe, liebe Getreue. Wir fügen euch auf eurem unterm 11. dieses abgestatteten Bericht hierdurch in Gnaden zu wissen, dass wir nach euern darin abgestatteten Gutachten dem abgedankten Unteroffizier Leibregiments zu Pferde, Michael Wietzer allergnädigst consediret, in seinem zu Calbe in der Altmark belegenem Hause den Garleyschank auf seine Lebenszeit exercieren zu dürfen und ihm darüber eine solche concession, wie die hier beigefügte Copey zeiget, ausfertigen zu lassen. Ihr habt also dem Comissario loci (des Ortes) solches bekannt zumachen und den Impetranten bey dieser ihm allergnädigst erteilten Concession zu schützen. Seynd euch mit Gnaden gewogen, gegeben Berlin, den 30.Juni 1731.
Auf seiner Königlichen Majestät allergnädigsten
Spezialbefehl."
Gez. Unterschriften.

Am 26. Februar 1731 reicht der Hopfenführer Joachim Ahlemann ein Gesuch ein, dass er ein fünftes Brauhaus betreiben kann. Er begründet sein Gesuch damit, dass nur zwei von den vorhandenen Brauhäusern arbeiten. Die können aber den Bedarf der Bürgerschaft und der Garnison nicht decken. Am 10. Mai des Jahres berichtet der Kriegs- und Domänenrat v. Klinggräff, dass der Gesuchsteller ein wohlhabender Mann ist, der sein Geschäft in guter Flor bringen wird. Durch die Einrichtung soll keiner der vier bisherigen Brauberechtigten geschädigt werden. Auch die beiden stilliegenden Brauereien sollen ihr Braurecht nicht verlieren. Am 24. Mai kommt dann von Berlin die Genehmigung.

Da Joachim Ahlemann gut ins Geschäft kommt, strengt die Gardelegener Brauergilde eine Klage an, wobei sie von den Calbenser Brauern unterstützt wird. Doch ist die Klage ergebnislos. Am 31. Oktober 1750 reicht der Bürger Johann Joachim Dannehl ein Gesuch ein, dass ihm erlaubt sein möge, eine Brauerei und Brennerei zu betreiben. Er hat des Gottfrieds Schmidt Tochter geheiratet und damit ein Haus erhalten, in welchem gebraut worden ist. Die Garleyschenken sind eingegangen. Die vorhandenen Brauereien können den Bierbedarf nicht decken, außerdem ist das Bier zu frisch, da die Brauer nebenher noch einen umfangreichen Ackerbau betreiben. Er, der Gesuchsteller hat keinen Acker, sondern nur Garten und Wiesen. Der Commissarius loci, der Kriegs- und Steuerrat Kramer, verlangt die Brauberechtigung zu sehen. Die ist aber dem Schwiegervater Dannehls abhanden gekommen. Doch dürften die Kammerakten Auskunft geben. Aus diesen geht aber hervor, dass weil Schmidt infolge Unvermögen nicht brauen konnte, im Jahre 1689 ihm die Braugerechtigkeit genommen und Jürgen Henning verliehen worden ist, der sie dann an den älteren Joachim Ahlemann veräußert hat. Trotzdem hat Kramer nichts gegen die Verleihung des Braurechts einzuwenden. Die Kriegs- und Domänenkammer aber lehnt das Gesuch ab, weil ja dem Schwiegervater Dannehls die Braugerechtigkeit genommen ist. Dannehl macht nun ein Immediatgesuch an den König, welcher die Kammer zum Bericht auffordert. Die Kammer aber überlässt es vorsichtigerweise dem Gutdünken des Königs, ob Dannehl die Braugerechtigkeit bekommen soll. Der lehnt ab, will aber die Branntweinbrennerei genehmigen, "wenn er sich des auswärtigen Debits nach den Krügen, weil dieser Orth keinen Krug Verlag hat, enthält."
(Entscheidung vom 29. Juli 1751)

Am 4. Januar 1755 reicht der Chirugus Ludolf Friedrich Schmidt der 14 Jahre Kompagnie-Feldscher gewesen ist, ein Gesuch ein, in welchem er um eine Braukonzession bittet. Er führt aus, dass der Ort gewachsen sei und dass die vorhandenen Brauereien den Bierbedarf nicht decken können, die Brauer haben Monopolstellung, denn die Witwe des Brauers Prehm ist die Schwester Ahlemanns (Ur...Großmutter des Verfassers, deren Testament noch heute im Staatsarchiv in Wernigerode zu finden ist.), die verehelichte Reinicke die Schwestertochter desselben und Palm ist in ihr Interesse gezogen. Sowohl der Magistrat, als auch der Inspektor und Konsistorialrat Guclenius bescheinigen dem Schmidt, dass die Anlage eines neuen Brauhauses wünschenswert ist. Da der Kriegsrat Kramer die Sache schlittern lässt, droht ihm der König mit 5 Taler. Geldstrafe bei weiterer Verzögerung und an den Kammerpräsidenten v. Gröben schreibt der König mit eigenhändiger Unterschrift, dass er binnen 8 Tagen Kramers Bericht erwartet. Kramer will den Gesuchsteller abweisen, während die Kammer es genehmigen will. Am 14. Januar 1756 wird dann auf Anordnung des Königs von dem Generaldirektorium die Genehmigung erteilt.

Am 16. April 1794 reicht der Invalide Johann Friedrich Erxleben, der 17 Jahre Soldat gewesen ist, einen Antrag auf Gewährung einer Braukonzession ein. Er hat die Braukonzession der Witwe Schulze erwerben wollen, um sie auf sein neuerbautes Grundstück zu übertragen. Aber die Witwe Schulze hat, aufgehetzt von den übrigen Brauern, ihre Zusage auf Abtretung zurückgezogen. Der Kriegs- und Steuerrat Stosch ist gegen die Erteilung einer Konzession, da Erxleben für seine Dienstzeit bereits mit einer Konzession zum Hökerhandel begabt ist. Aber Erxleben ist hartnäckig, er macht immer wieder den Versuch, eine Konzession zu erlangen, trotzdem Stosch nicht von seinem Standpunkt abweicht und tatsächlich erreicht er am 6. März 1799 sein Ziel. Schon vor ihm hat der Schlächtermeister die Konzession des Ackermanns Christoph Schulze erworben, wozu das Generaldirektorium am 24. August 1798 seine Genehmigung erteilt.

Wie schon erwähnt, wurde die Ausfuhr von Hopfen in benachbarte Staaten, der Ankauf des dortigen Hopfens und der Handel damit verboten. Selbst an den Grenzen der einzelnen preußischen Landesteile musste der Hopfen, der in das benachbarte preußische Gebiet gebracht werden sollte, verzollt werden.

Der Bauer List und der Invalide Kummert hatten Hopfen geladen, den sie nach dem ebenfalls preußischen Quedlinburg bringen wollten und zwar hatte List 16 Wispel (ein Wispel, Raummaß = 24 Scheffel= 1.320 Liter, heute 1.000 kg) geladen, Kummert 8 Wispel.

In Gardelegen wurde dieser Hopfen verzollt und die Avisen an das Zollamt Quedlinburg geschickt. Da meldete dieses, dass der Hopfen dort nicht angekommen ist, und sendet die Avis an das Zollamt Gardelegen zurück. Dieses fordert den Bürgermeister Paalzow in Calbe auf, Nachforschungen nach dem Verbleib des Hopfens anzustellen, da man annehmen muss, dass der Hopfen verschoben wurde. Paalzow macht zunächst Hausdurchsuchungen bei List und Kummert. Am 26. Februar findet er bei List 6 Wispel Hopfen, bei Kummert nichts. Am 1. März findet dann eine protokollarische Vernehmung durch den Bürgermeister Paalzow statt. List und Kummert sagen beide aus: "Unterwegs hören sie, dass der Hopfenpreis in Quedlinburg ungünstig ist. Darüber sind sie missmutig. Da begegnet ihnen zwischen dem Dorfe Wendefeld und dem Bornkruge ein leeres Fuhrwerk, dessen Fuhrmann in der Altmark Hopfen kaufen will. Er nennt sich Francke und kommt angeblich aus dem Halberstädtischem. Ihm verkaufen sie ihren Hopfen zu einem besseren Preise und kehren nach Calbe zurück."

Sie glauben nicht gesetzwidrig gehandelt zu haben. Das aufgenommene Protokoll wird von Paalzow an die Kurmärkische Kriegs- und Domänenkammer nach Berlin geschickt. Dieser beauftragt den Alvenslebischen Gesamtrichter, Justizrat Schulze, 17.April 1801, mit der weiteren Untersuchung der Sache. Dieser bestellt sowohl den List als auch den Kummert auf den 27. April 1801 vormittags 10. Uhr auf die Alvenslebische Gerichtstube zur weiteren Vernehmung. Beide machen vor dem Justizrat Schulze die gleichen Aussagen, wie vor dem Bürgermeister Paalzow. Als Schulze sie fragt, woher der Francke gekommen ist, erklären sie, danach hätten sie ihn nicht gefragt, weil sie das nichts anginge. Da Kummert kein eigenes Fahrzeug hat, wird am 8. Mai 1801 auch der Besitzer von Pferd und Wagen, der Bürger Christoph Wernecke, vom Schulzen vernommen. Dieser ist sowohl mit List als auch mit Kummert weitläufig verwandt. Er sollte für Kummert die Hopfenfuhre machen. Da er aber krank war, hatte er Kummert Pferd und Wagen geliehen. Bereits am zweiten Tag sei Kummert wieder zurück gewesen. Weiter weiß er nichts auszusagen. Wie die Sache ausgegangen ist, darüber schweigen sich die Akten aus. Wir dürfen aber annehmen, dass List und Kummert wegen verbotener Hopfenausfuhr bestraft worden sind.

Ein Original muss Brauer Frank List gewesen sein - sein Vorwirt hieß Frank, weshalb er Frank List genannt wurde. Er hatte seinerzeit seine auf der späteren Schultze-Kummertschen Stelle stehende Brauerei an Kummert verkauft und tauschte die auf den Grundstücken Machan/Bottmer liegende Brauerei dafür ein. Frank List, so wird erzählt, verlor später viel Geld, und um sich nun ferner vor Schaden zu schützen, trug er die ihm verbliebenen Vermögensreste von 20.000 Taler immer im Beutel bei sich. Da er sehr stark war, fand er im Bett keine Ruhe; er benutzte einen Stuhl als Ruhestatt und ist auch im Stuhl gestorben.

In Calbe betrieb die Witwe des Kaufmann Kleinloff einen ausgedehnten Hopfenhandel. Zwar handelte sie auch mit anderen Landesprodukten, dass brachte aber so wenig ein, dass sie nicht einmal davon die öffentlichen Abgaben bezahlen konnte. Am 19.November 1801 hat sie an die Altmärkische Kammerdeputation in Stendal, eine Nebenstelle der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer in Berlin eine Anfrage gerichtet, ob der Ankauf von Hopfen außerhalb der Provinzen des preußischen Staates erlaubt sei. Veranlassung zu dieser Anfrage war ein geschäftliches Missgeschick ihres zweiten Sohnes, Ludolf Christian Kleinloff. Derselbe hat außerhalb der Altmark auf nichtpreußischem Gebiet Hopfen angekauft und denselben in Berlin verkaufen wollen. Dieser Hopfen ist ihm aber in Berlin abgenommen und von der Akziseverwaltung veräußert worden. Nach Abzug der entstandenen Kosten ist ihm der Rest des Erlöses ausgehändigt worden, was aber noch nicht einmal die Hälfte des Einkaufspreises ausmacht. Die Kammerdeputation in Stendal teilte der Witwe Kleinloff auf ihre Anfrage mit, dass es nicht erlaubt sei, ausländischen Hopfen einzuführen und zu verhandeln.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden in Calbe sieben Brauereien, die ein obergäriges Braunbier herstellten, welches ausgelitert verkauft und von der Bevölkerung auf Flaschen gefüllt wurde. Es konnte dann nach 2 bis 3 Tagen getrunken werden. Die sieben Brauereien stellten im Jahr rund 950 hl Braunbier her. (Diese Menge, wurde von der späteren Schultze-Kummertschen Brauerei in einem Monat hergestellt.)

Später waren es dann nur noch 6 Brauereien - Kummert, List (später Amtsgericht), Gerecke (später Machan-Gardlg.str. heute Nielsen ), Wöller (später Voigt-Gerichtsstr.), Wegert (später Blumentritt-links neben den Ratsstuben), Lübeck (später Hildebrandt). Sechs Brauereien, für Calbe mehr als genug. Aber wenn man vergleichsweise nach Gardelegen sieht, so ergibt sich dort noch ein ganz anderes Bild. Kurz vor dem 30.jährigen Kriege wurden in Gardelegen unter 483 Feuerstellen (= Wohnhäuser) 250 Brauhäuser gezählt. Es hatte also jedes zweite Haus eine Brauerei, d.h. eine Braugerechtigkeit zur Herstellung des Bieres für den eigenen Hausbedarf, viele natürlich auch zum Verkauf. Das Gardelegener Bier soll ein ganz vorzügliches Bier gewesen sein und mit Verlaub auch noch heute. Man nannte es "Garlei" und besang es wegen seiner Güte in lateinischen, griechischen, hoch- und plattdeutschen Versen. Überhaupt erfreuten sich die alktmärkischen Biere eines sehr guten Rufes. Das Salzwedeler Bier wurde "Soltmann" genannt, das Stendaler "Taubentanz", das Tangermünder "Kuhschwanz". Ob das gute alte Calbenser Bergquellbier (der Name wurde eingeführt, nachdem die Brauerei ihr Wasser aus den Zichtauer Bergen - aus Wiepke bezog) diesen berühmten Brauereierzeugnissen gleich gekommen ist? Wer will das sagen?

An Braugerste hat es den Calbensern nie gefehlt. Es wurde hier für den Zentner Braugerste ein Groschen mehr ausgegeben, und die Bauern der Umgebung, sogar aus Thüritz und Zierau fuhren ihre Gerste lieber nach Calbe als nach Salzwedel. Jedenfalls wurde in Calbe dem Biere tüchtig zugesprochen und nicht dem Bier allein, sondern auch dem Branntwein, wie es denn um 1750 die vier Branntweinbrennereien Arnold, Beye, Zacharias Schmidt und Samuel Schultze gab. Zuletzt blieb allerdings nur eine Branntweinbrennerei übrig, die Lübecksche in der Rathausstraße.

Die Kummertsche oder auch Schultze-Kummertsche Brauerei

Als erster Kummert in Calbe wird ein Valentin Kummert genannt, der aus Mieste kommend 1673 sich in eine Ackerbürgerstelle in der Gardelegenerstr. (Gagelmann-Schulz) eingeheiratet hatte, indem er Katharina Stier, Christoph Listens Witwe ehelichte. Der älteste Sohn (Joh. Christoph Kummert) seines Enkels (Hans Kummert) hat dann im Kirchenbuch die Bezeichnung Reuter Bürger, Hopfenhändler und Brauer. Hermann Kummert hat dann später die Brauerei des Frank List gekauft und durch Hinzuerwerb der beiden Großkossatenstellen Lüders und Bottmer die Brauerei vergrößert. (1874) Ebenfalls wurde das neben der Brauerei liegende Grundstück des Tuchhändlers Roth gekauft. Anschließend ließ Hermann Schultze-Kummert (seit 1896 ein Doppelname) eine Lagerbierbrauerei bauen mit Gärkeller, Transportwagen und Lagerkeller sowie einem Eiskeller an der Gardelegenerstr. 1895 wurde das Rothsche Haus abgerissen und hier ein weiterer Eiskeller errichtet.

Aus Aufzeichnungen, die im Turmkopf der Wetterfahne der Brauerei
gefunden wurden, geht hervor:

1. Die Brauerei des Hermann Kummert wurde im Jahre 1874 den 13. November in Betrieb gesetzt - unter Leitung des Herrn Braumeister Julius Pfeffer. Brauer und Maschinenmeister waren Hermann Friedrich Tockhorn (Maschinenmeister), Brauer F. Schmidt, F. Krause und Schnöckel, Maurer Dähre, die Arbeiter Rötel, H. Becker und Priegnitz sowie der Lehrling Pfeffer. Steuerkontrolleur war ein Herr Schmidt.- Wir hatten bis dato wenig Eis. Die größte Kälte war am 26. und 27.Dezember 1876. Das neue Maschinenhaus wurde im Jahre 1877 gebaut. Vorher hatten wir nur einen Röhrenkessel, einen Kohlenfresser. Eingelegt in den Turmkopf von J. Pfeffer Braumeister und Maschinenmeister F. Tockhorn.

2. Hermann Kummert, der bisherige Besitzer der Brauerei, ist am 29.Oktober 1895 gestorben. Seine Erben sind Werner und Renate Kummert, letztere war mit Max Schultze verlobt. Die Hochzeit soll am 19.November 1896 sein. Die Brauerei hatte von Ostern bis Mitte Mai Calamität, da der Braumeister Strohkorb sein Fach nicht recht verstand. Sein Nachfolger Braumeister Adolf hat das Gegenteil bewiesen und liefert einen vorzüglichen Stoff, der auf Ausstellungen in Brüssel, Marseille und Berlin prämiert wurde. Buchhalter ist Emil Reifgerst. (war über 40 Jahre Buchhalter) Verfertigt und eingelegt von F. Tockhorn, Maschinenmeister

3. Ende Oktober 1903 wütete ein furchtbarer Sturm, der unendlich viel Bäume umwarf und auch die Fahne von der Brauerei. Unter Bezug auf die Personalien der Familie Kummert und Schultze sei ferner bemerkt, dass die Hochzeit von Renate Kummert mit Max Schultze am 11. November 1896 stattfand und sehr vergnügt im Hause gefeiert wurde. Die Hochzeitsreise ging über Hannover, Dresden, Prag, nach Wien und von da in einem Tag nach Berlin. Am 13. September 1897 wurde der Erstling Hermann, am 28.Jan. 1899 der zweite Hans'chen und am 6.April 1903 der dritte Wolfgang geboren. Seit dem Jahre 1896 führt Max Schultze den Namen Schultze-Kummert.
Ein harter Schlag traf am 12.März 1900 die Brauerei abermals, indem der tüchtige jugendliche Braumeister Adolf leider nach plötzlicher kurzer Krankheit vom Tod ereilt wurde. Als Nachfolger trat Braumeister August Uschmann ein. Die Brauerei hat sich fortgesetzt in ihrem Betrieb und Kundenkreis erweitert und ununterbrochen ein gutes Bier geliefert.
Am Ende vorigen Jahres wurde ein neuer Kessel angeschafft. In diesem Jahr wurde der alte Lauterbottich sowie die Schrotmühle und der Abzugsapparat durch neue mit den besten Einrichtungen versehen, so dass flott weiter gebraut werden konnte. Eine große Gefahr drohte im Juli 1901 der Brauerei indem am 19.Juli die Pisherie brannte und das Feuer mit vieler Not von der Brauerei fern gehalten wurde.
Der Hopfenpreis beträgt in diesem Jahr für böhmischen Hopfen 300 M, für bayrischen 250 M, Altmärker bis 110 M, Gerste 7 M pro Ctr.
gez. Max Schultze-Kummert
Personalien der in der Brauerei beschäftigten Kräfte:
Emil Reifgerst-Buchhalter, Aug, Uschmann-Braumeister, Grund, Graepner und Köpke-Brauer, Becker I, Becker II, Becker III, Schultze, Vergin, Benkendorf, Preetz-Arbeiter und F.Tockhorn-Maschinenmeister.

4. 2. November 1911 - Infolge eines Sturmes brach abermals die Fahne ab. Für den Braumeister Uschmann ist Eduard Lichtblau getreten. Sonst hat sich an der Personalfrage wenig geändert. Der alte Becker, der ca. 40 Jahre drei Generationen der Fam. Kummert treu und brav gedient hat, ist am 29.5. diesen Jahres gestorben. Möge ihm die Erde leicht sein!
Im Jahre 1910 ist auch eine alkoholfreie Abteilung eingerichtet, die gut funktioniert und rentiert. Der Hopfen kostet 350-400 M pro Ctr., der Altmärker 200 M, Gerste 9,50-10 M. gez. Max Schultze-Kummert
Die elektrische Anlage wurde am 1. September 1906, die neue Dampfmaschine am 20. April 1908 dem Betrieb übergeben.
gez. Lichtblau-Braumeister
verfertigt und eingelegt: Friedrich Tockhorn-Maschinenmeister

5. Wegen der Reparatur des Rauchkamins musste die Fahne der Brauerei herunter genommen werden und zwar in schwerer Zeit für unser Vaterland. Bis heute sind die Erfolge unserer Waffen günstig. Ich bin als Hauptmann eingezogen worden und stehe z.Zt. in Magdeburg. Anstelle von Tockhorn ist Carl Lohmann als Maschinenmeister getreten. Sonst hat sich nichts geändert.
Calbe/Milde, 23.September 1914
Max Schultze-Kummert
Belegschaft 1914Belegschaft Aus jenem Jahr gibt es aber noch ein anderes Dokument, das sich mit Wasserverhältnissen in der Kummertschen Brauerei befasst. Es ist ein Schreiben des damaligen Kreisarztes von Salzwedel vom 19. Januar 1914 über eine Typhuserkrankung des in dieser Brauerei beschäftigten Brauers Georg Paelecke, bei dem sich erste Anzeichen dieser schweren Erkrankung Ende Dezember 1913 zeigten. In dem Dokument schreibt der in Calbe praktizierende Sanitätsrat Parisius. Ursächliche Ermittlungen: Thypus herrscht am Ort ununterbrochen. In der Brauerei Schultze-Kummert hat sich der Erkrankte drei Wochen vor Beginn der Symptome aufgehalten. Als Vermittler kommt Wasser aus der Milde in Frage. Das Wasser aus der Milde wird zum Gebrauche für die Brauerei durch Kies und Kohle, allerdings auf ungenügende Weise filtriert. Der Erkrankte ist sofort ins Krankenhaus Salzwedel überführt worden. Und in dem Schreiben des Kreisarztes an den Bürgermeister in Calbe heißt es: Es ist eingetroffen, was ich schon längst befürchtet habe, dass auch die Filtrieranlagen in der Brauerei Schultze-Kummert nicht ausreichend zu sein scheinen. Auch zugegeben, dass sie ausreichend wären, so ist doch die Erkrankung ein Beweis dafür, dass der Erkrankte allem Anschein nach auf dem Gebiet der Brauerei selbst mit Thypuskeimen in Berührung gekommen ist, die zweifelsfrei aus der Milde kommen.

Das Bier wurde in der Brauerei in der Gerichtsstraße gebraut und nach der Hauptgärung im Gährkeller, in einem sogenannten Fuhrfaß (Tankwagen) in den Lagerkeller und Eiskeller an der Gardelegenerstraße, der heute noch Eiskellerberg genannt wird, gefahren (Lagerzeit des Bieres 2-3 Monate). 1895 wurde das Haus von Roth und die Braumeisterwohnung abgerissen und an diesen Stellen ein Eis- und Lagerkeller gebaut. Auch der Eiskeller an der Gardelegenerstraße wurde abgerissen und aus dem Material das spätere Reifgerstsche Grundstück zu einer Gastwirtschaft umgebaut. Die Braumeisterwohnung wurde 1895 in das ehemalige Bottmersche Haus verlegt, wo sie sich auch bis zur Stillegung befand. In dem Wirtschaftsgebäude auf dem Hofe befand sich von 1874-1895 die Färberei von Johannes Kind. Die anderen Braunbierbrauereien sind nach Erbauung der Lagerbierbrauerei von Kummert eingegangen. Die Brauerei Kummert war die erste mit Dampf betriebene Brauerei der Altmark.

In dem Brauereigrundstück befanden sich 3 Brunnen. Ein 7 m tiefer, mit 2 m Durchmesser, Schachtbrunnen in der ehemaligen unteren Malztenne (später Ersatzteillager). Ein 2. Schachtbrunnen befand sich im Hofe der ehemaligen Braumeisterwohnung. Im selben Hofe war ein 26 m tiefer Bohrbrunnen angelegt. Das Wasser des Brunnens auf der Malztenne und des Bohrbrunnens, ist für Trinkwasser und Kochwasser völlig ungeeignet. Es hat ca. 45' Härte und ist stark nitrathaltig (Salpeter). Es wurde in der Brauerei nur für Kühlzwecke verwendet. Der Schachtbrunnen im selben Hofe, wurde von 1903 bis 1925, bis die neue Wasserleitung aus den Quellen bei Wiepke kam, zur Herstellung von Limonade und Selters verwendet und war als Trinkwasser geeignet, war aber nicht sehr ergiebig. Ebenfalls war auf dem Grundstück gegenüber, im Hofe des Amts- bzw. Kreisgerichtes ein weiterer Brunnen. Bevor das gute Wasser aus Wiepke (Zichtauer Hellberge) kam, wurde also auch Wasser aus der Milde verwendet. Ältere Kalbenser können sich noch daran erinnern, dass durch den städtischen Ausrufer bekannt gemacht wurde:

Es wird hiermit bekannt gemacht,
dass keiner in die Milde macht,
denn morgen wird gebraut.

Um das neue Lagerbier nach bayrischer Art herzustellen und um den Betrieb zu leiten, hatte man einen Braumeister aus Bayern eingestellt. Im Jahre 1905 begann man dann mit der Herstellung von hellen Bieren nach Pilsener Art.

Bier und Eis wurde in den ersten Jahren an Gaststätten meistens mit Pferd und Wagen ausgefahren, so durch Willy Heinecke. Dieser verkaufte auch noch in Calbe, aus einem großen Faß vom Pferdewagen aus Bier über die Straße.

Der Transport wurde später durch die Kraftfahrer und Beifahrer mittels LKW vorgenommen.

In den 20er bis 30er Jahren brachten Wilhelm Becker und sein Beifahrer in mehreren Tagesfahrten das Calbenser Bier bis nach Weferlingen.
Bierkutscher
Wilhelm Tode, Willi Mertens, Fritz Machalz, Artur Netzband
Gespann
.

Bis zur Stillegung des Betriebes im Jahre 1964 wurde das Bier bis nach Diesdorf, Brome, Langenapel, Stöckheim, Ahlum, Rohrberg, Beetzendorf, Apenburg, Salzwedel und sogar in Orte des Kreises Stendal geliefert.

Von 1911 bis 1933 war Eduard Lichtblau Braumeister, danach folgte der langjährig tätige Braumeister Kühnelt.

Max Kühnelt wurde am 01.04.1930 als Brau- und Malzmeister eingestellt. Er kam aus Schlesien und hat seine gärungs-wissenschaftlichen Kenntnisse in München erworben.

Während jener Zeit wurden als Braumeister noch ausgebildet Rosi Kühnelt, Eckhard Krüger und Bernhard Jelinski.

Bevor Maschinen und Chemikalien das Eis für das Kühlen des Bieres fabrizierten, (Bereits 1913 wurde auf dem Brauereigelände ein Maschinenhaus zur Herstellung von Stangeneis und zur Bierkühlung gebaut.) musste im Winter Natureis geerntet werden. Dies erfolgte in den sogenannten Eisgräben auf den Ländereien der Brauerei. Das Eis wurde mit Pferdefuhrwerken zum Eiskeller in der Gerichtsstraße gebracht, dort wurde es mit dem Elevator nach oben gebaggert und fiel dann in den Eiskeller. Der große Stirn-Eiskeller fasste ca. 1.000 Ackerfuhren Eis, das Schmelzwasser hielt die 4 Lagerkeller mit Bier kühl. Wenn dann im Sommer die Qualität des Bieres schon gelitten hatte, hieß es im Volksmund nur "Schützenfestbier". Bierglas
Die Arbeit in der Brauerei und bei der Herstellung alkoholfreier Getränke war sehr schwer, denn nur für die Reinigung der Flaschen und für die Abfüllung gab es Maschinen. Auch eine Malzdarre und ein Malzlager in der Brauerei brauchte Arbeiter.

Nach der Enteignung des Betriebes 1952, wurde Max Behrendt Leiter des Betriebes, bis zur Gründung der LPG beschäftigte er sich jedoch hauptsächlich mit der zur Brauerei gehörenden Landwirtschaft - die Brauerei wurde unter der Regie von Braumeister Kühnelt weiter betrieben, ihnen stand zur Seite Buchhalter Schulz. Im Büro haben damals gearbeitet: K. Daenert, Mensing, Frau Fehske und U. Morgner.
Als Kraft- bzw. Beifahrer: Fehse, W. Grosse, Grothe, Huber, Lüder, Markgraf, Meinecke, W. Mertens, Morgner, A. Netzband, Poblenz, Schulz, W. Tode.

In der Produktion:
W. Balzer, Anni u. Karl Baumann, I.Bredow, Franke, Dworeck, Gohrke, H. Groß, K. Gründler, G. Heims, Heinecke, Heinrich, Kneiphoff, Muhl, G. Runge, Schade, Schlaps, O. Schröder, P. Zebrowski. (Nach einer Festschrift aus dem Jahre 1953)
Danach haben bis zur Stillegung noch viele andere Personen in der Brauerei gearbeitet.

Für die Stillegung des Betriebes im Frühjahr des Jahre 1964 (viele Arbeiter wurden von der neu gegründeten Großbäckerei aufgenommen), die von den Abnehmern und den Einwohnern von Kalbe sehr bedauert wurde, war einerseits der zum Teil veraltete Betrieb (bedingt durch fehlende Investitionen und unterlassener Instandhaltung) verantwortlich, dessen völlige Erneuerung erhebliche Mittel beansprucht hätte. In der letzten Zeit ging die Braupfanne regelmäßig einmal in der Woche kaputt.

Doch die Hauptursache war wohl die begonnene Konzentrierung der Produktion in der Diamant Brauerei Magdeburg und deren Rentabilität. Einige Wochen vor Schließung der Brauerei, wurde diese als Abfüllstation genutzt. Das Bier wurde in Tankwagen von Magdeburg angeliefert und dann auf Flaschen gefüllt.


Die Enteignung des Betriebes erfolgte in zwei Etappen ursprünglich des Ackerlandes wegen (139,84 ha) und später auch wegen der Brauerei.

Am 12.Oktober 1945 ging der Familie folgender Brief zu:
An den enteigneten Besitzer Schulze-Kummert und Angehörige in Calbe/Milde. Sie werden aufgefordert, Ihren bisherigen Wohnsitz innerhalb 24 Stunden unter Mitnahme nachstehender Gegenstände zu verlassen:

1.) a Person 1 Bett (nicht einbegriffen ist das Bett für den Mann, der nicht da ist)

2.) Wäsche und Kleidungsstücke a Person 30 kg.

3.) Lebensmittel entsprechend der Menge einer Zuteilungsperiode,

4.) Mobiliar: Einrichtungsgegenstände für ein Wohnzimmer und 1 Küche.

Für den Abtransport obiger Gegenstände kann ein Gespann leihweise benutzt werden, jedoch muss dieses Gespann unverzüglich zurückgegeben werden. Eine polizeiliche Abmeldung ist unbedingt erforderlich.
gez. k.-Landrat

Die Familie hat dann vieles unternommen, diese Enteignung wieder aufzuheben.

Dieses ist auch zum Teil gelungen.
Mit Urkunde vom 30. September 1946 wurde ihr die Brauerei und 42 Hektar zurückgegeben.

Die Urkunde hat folgenden Text:

"Ihr Vermögen wurde auf Grund des Befehles 124 des obersten Chefs der sowjetischen Militärverwaltung, Oberbefehlshaber der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, vom 30.Oktober 1945 unter Sequester gestellt.
Die Provinz-Kommission zur Durchführung der Befehle 124/126 der sowjetischen Militär-Administration hat nach eingehender Prüfung entschieden, Ihnen Ihr Vermögen zurückzugeben, damit sie mit dem heutigen Tage das volle Verfügungsrecht über ihr Vermögen zurückerhalten. Die Provinzialverwaltung Sachsen erwartet von Ihnen, dass Sie diese HOCHHERZIGE TAT würdigen und sich rückhaltlos und mit ganzer Kraft für den N E U A U F B A U unseres demokratischen deutschen Vaterlandes einsetzen.

Aber dieser Stand sollte nicht lange andauern.
In der Sitzung vom 02.04.1951 wurde von der Landesbodenkommission die erneute Enteignung beschlossen. Erneute Beschwerden, Unterstützung von Freunden, persönliche Rücksprachen mit dem damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR Otto Nuschke, alles half nichts. Die Entscheidung war nicht mehr zu revidieren. Um einer Verhaftung zu entgehen blieb Wolfgang Schultze-Kummert, der die Brauerei seit 1948 allein geleitet hatte, nicht anderes übrig, als am 22.12.1952 die DDR zu verlassen.

Die Enteignung war vorher nicht bekannt, als die Arbeiter vom Mittagessen zurück kamen, fanden sie alles verschlossen und wurden dann durch den neuen Betriebsleiter eingewiesen.

Nach der Enteignung gingen Herrmann (verst. 25.01.1967) und Hans Schultze-Kummert (verst. 13.04.1988) mit ihrer Mutter (Renate Schultze-Kummert verst. 29.09.1959) nach Stendal (enteignete Bürger mußten stets den Kreis verlassen), Wolfgang Schultze-Kummert nach Köln. Der Kontakt Wolfgang Schultze-Kummert's nach Kalbe (M), durch Schriftwechsel und persönliche Besuche in Köln unter anderem zu meinem Vater Martin Krüger, ist nie abgerissen.

Er ist am 5.12.1990 in Köln verstorbenen. In einem seiner letzten Briefe an den Verfasser schrieb er:
Man hat uns nicht nur davon gejagt wie die Verbrecher. Man hat mir nicht gestattet, unserer alten Mutter ihren letzten Wunsch zu erfüllen, neben unserem Vater beigesetzt zu werden. Dann hat man uns unter Fristsetzung aufgefordert, das Grabmal auf dem Grabe unseres Vaters zu entfernen, damit das Grab eingeebnet wurde und der Name Schultze-Kummert auf dem Friedhof verschwand. Wir sind immer eine ehrenwerte Familie vom alten Kalbe gewesen und haben eine solche verwerfliche Behandlung nicht verdient. Kalbe war früher immer ein schönes, liebliches und blitzsauberes und gepflegtes kleines Städtchen mit sehr lieben Einwohnern gewesen und so soll es auch in meiner Erinnerung bleiben."
und so soll es auch wieder werden!

Nachdem der Betrieb stillgelegt wurde, sind die Gebäude von der LPG und von einer Firma für Landmaschinenhandel (Agro-technik) genutzt worden. Auch nach 1990 wurde das Gelände kurzzeitig für einen Landmaschinenhandel genutzt.

In den zurückliegenden Jahren sind Gebäude abgebrannt bzw. abgerissen worden.

Der zum Grundstück gehörende Park (im Volksmund Pionierpark genannt), wurde nie wieder richtig genutzt und war zwischenzeitlich sehr verwahrlost.

Die Familie Schultze-Kummert hat trotz Enteignung Antrag auf Wiedereinsetzung in den alten Stand gestellt.
Der Enkel hoffte lange auf eine Entscheidung.

Die Brauerei wurde Eigentum der Treuhand und hat dann mehrmals den Eigentümer (die aber nie in Erscheinung traten) gewechselt. Von 2012 bis 2013 wurde die Brauerei dann sogar bei eby zum Kauf (25.000 später 20.000) angeboten. Im Juli 2013 wurde dann bekannt, dass die Gebäude von einem neuen Eigentümer aus Norddeutschland erworben wurden. Angeblich (Volksstimme vom 25.07.2013) soll ein Neuanfang als kreatives Zentrum geplant sein, dass vorerst ohne größere Sanierungen betrieben werden soll.
Idealiusmus? Wir wünschen den neuen Eigentümern viel Erfolg!

Zusammenstellung einiger wichtiger Daten

1550 Bestätigung durch die Kurmärkische Kammer, dass bereits gebraut worden ist
1627 Beginn des Kirchenbuches der Stadt Calbe (Milde)
1673 erste Erwähnung eines Kummert in Calbe (Milde)
1682 in diesem Jahr wurde angeblich das Braurecht nicht ausgeübt
1713 erste Benennung von Brauern im Kirchenbuch
1717 Bestätigung des Brauprivilegs für Hans Reinicke und Joachim
1731 es bestehen 3 Garleyschenken, 2 Brauereien sind in Betrieb und 5 Braukonzessionen vergeben
1750 Branntweinbrenner Arnold, Beye, Schmidt u. Schultze
1751 Genehmigung einer Branntweinbrennerei für J.J. Dannehl
1756 Brauer - Witwe Prehm, Ahlemann Reinicke, Palm, Schmidt
1800 ca. 7 Brauer in Calbe(M) (ca. 950 hl Braunbier im Jahr)
1874 Aufbau und Vergrößerung der Brauerei durch Hermann Kummert
1877 Bau des Maschinenhauses
1896 Aus Kummert wurde Schultze-Kummert
1905 Beginn der Herstellung von hellem Bier nach Pilsener Art
1906 Elektrifizierung der Brauerei
1908 Inbetriebnahme einer neuen Dampfmaschine
1910 Errichtung einer alkoholfreien Abteilung
1913 Bau eines neuen Maschinenhauses für die Eisherstellung
1914 Typhuserkrankung in der Brauerei
1925 Inbetriebnahme der neuen Wasserleitung aus Wiepke Bergquellbier
1952 Enteignung der Brauerei - neuer Betriebsleiter Max Behrendt
1964 Stillegung des Betriebes

Braumeister der Brauerei Kummert bzw. Schultze-Kummert

1874 Braumeister Julius Pfeffer
Maschinenmeister Herrman, Friedrich Tockhorn
1895 Braumeister Strohkorb
1896 Braumeister Adolf
1900 Braumeister August Uschmann
1911 Braumeister Eduard Lichtblau
1914 Maschienenmeister Carl Lohmann
Braumeister Max Kühnelt
Pilsetikett Vollbier Malzbieretikett
Pilsetikett von Harald Burger
Brause Limonade Selter Brause
Pilsetikett Bockbier
Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett
Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett
Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett
Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett
Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett Flaschenetikett
Flaschenetikett
Bierdeckel

Etiketten und Deckel aus der alten Brauerei vor 1952

Tafelwasser altes Etikett altes Etikett
BierdeckelBierdeckelBierdeckel
Bierdeckel

Fotos bzw. Ansichtskarten der Brauerei Schultze Kummert

   
   
   
   
   
   
  
 

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