Geschichten über Kalbe Milde
 

 


 

 

Das Gaswerk (Gasanstalt) von Kalbe (Milde)
 

Warum habt ihr über das Gaswerk von Kalbe nichts im neuen Heimatbuch vermerkt, fragte mich Frau Inge Johr nach der Veröffentlichung unseres Buches, das der Kultur- und Heimatverein „J. F. Danneil" von Kalbe herausgegeben hatte. Daraufhin versprach ich ihr mich damit zu beschäftigen. Nach ihren Angaben, den Ausführungen von Herrn Rudi Damerow und anderen Nachforschungen entstand nun dieser Artikel.

Das Gaswerk in der heutigen Thälmannstraße 92 wurde 1909 von einer Bremer Firma erst mit zwei dann später mit vier Retorten im Auftrag der Stadt Calbe erbaut. Calbe hatte bis dahin keinen Gasanschluss.
Gasleitungen wurden in der Thälmannstraße bis zur Gardelegener Straße, Stendaler Str.aße und in der Schulstraße verlegt, Gaslaternen hier aufgestellt. Unter Leitung des Gasmeisters Karl Meier arbeiteten unter anderem Wilhelm Friedrichs und Richard Bethge im neuen Werk. Herr Bethge musste auch die Zählerstände in den Wohnungen ablesen, denn die Kalbenser konnten sich an die neuen Gasleitungen anschließen lassen. Die Gasuhren waren auch so eingerichtet, dass man sie mit 10 Pfennig beschickte.



Während der Kriege gab es keine Unterbrechungen bei der Gasproduktion, Steinkohle war immer vorhanden.

1950 nach dem Tod des Gasmeisters Herr Meier wechselte die Leitung mehrfach (z.B. war Ernst Schulz dafür von der Stadt Kalbe extra delegiert worden) bis Walter Johr von Magdeburg nach Kalbe abgeordnet wurde. Die Herren Reinhold Schicht, Manfred Kühnemann, Karl Knothe, Willi Knaut, Lothar Kautz, Rudi Damerow, Erich Eichentopf und Ewald Herper waren für das Beschicken der Retorten und das Heizen zuständig. Jacob Schütz aus Bühne war als Hofarbeiter eingestellt. Lisa Dickhut und Richard Bethge waren für das Funktionieren der Gaslaternen in den Straßen zuständig. Nach dem Krieg wurden diese abgeschaltet.

Die Laternen bestanden aus gusseisernen Ständern an denen sich oberhalb zwei Gaszylinder mit Glühstrumpf und Zündflamme befanden. Mit zwei Haken wurde das Licht reguliert.
Ein Haken zog den Zylinder herunter, damit wurde das Licht gelöscht, bewegte man den zweiten Haken ging dieser hoch, das Ventil öffnete sich und die. Lampe brannte hell auf. Nachts leuchteten nur die Ecklaternen. Das war in Kalbe die erste Straßenbeleuchtung. Durch die Gasleitungen strömte das Gas in die Haushalte, das_zum Leuchten, Kochen und Backen verwendet werden konnte, aber nur dort, wo sich die Gasleitungen befanden. In den Leitungen sammelte sich Kondenswässer an. Herr Herper musste nun dieses abpumpen. Die Gasleitungen liefen nicht waagerecht. An den tiefsten Stellen waren Wassertöpfe angebracht. Wenn das Wasser nicht abgepumpt wurde, hatte die Gardelegener Straße kein Gas.



Im Gaswerk wurden die Retorten per Hand mit Steinkohle beschickt. Die Kohle blieb acht Stunden dort, bis das Gas entwichen war. Von unten wurden die luftdichten Retorten mit Briketts beheizt, die Gasproduktion in der Retorte begann. Es wurde in drei Schichten gearbeitet, also rund um die Uhr. Anschließend musste mit einer Hacke der Retorteninhalt, der noch glühte, in durchlässige Körbe gekratzt werden. Diese wurden mit Wasser gelöscht, die giftigen Dämpfe entwichen. Die Retorten veralterten, reichten bei erhöhtem Gasverbrauch nicht mehr aus. Herr Johr ließ nun sechs neue bauen (je zwei nebeneinander und darüber noch je zwei). Das Heizhaus wurde umgestaltet, es kam ein Aufenthaltsraum mit Dusche dazu. An der Hinterwand wurden Eisenschienen angebracht, darauf lief jetzt der Drahtkorb. Ein Elektrogerät mit einem Rohr und einem Stempel schob nun die glühende Kohle durch die Retorte zur hinteren Klappe und dann in den Korb. In dem Rohr befand sich eine Schnecke, die dann die Kohle in das Innere der Retorte transportierte. Der glühende Inhalt im Korb wurde mit Wasser gelöscht, das war dann der Koks. Außer dem Gas entstand neben dem Teer auch noch Ammoniakwasser, denn das produzierte Gas musste im Reinigerraum gesäubert werden. Erst wurde der Teer abgeschieden, das Gas abgekühlt, dann durch einen Behälter mit Reisig geleitet (dieser Behälter musste oft gereinigt werden) und anschließend in einen Reinigerraum geschickt, in dem Holzkästen übereinander gestellt waren deren Boden mit Sandkästen belegt waren, um es nochmals zu reinigen. Danach strömte das Gas in das erste Becken, das mit Sand verfüllt war. Hier trennte man den letzten Teer heraus. Im zweiten Becken, das mit Wasser gefüllt war, setzte sich das Ammoniak ab. Beide Becken standen hinter dem Heizhaus. Von da aus ging das Gas (im Zählraum gezählt) in einen Hochbehälter, dem Gasometer, in ihm befand sich eine Glocke. Diese schwamm im unteren Teil im Wasser, damit das Gas nicht herausströmte. Je nach Gasinhalt bewegte sich die Glocke. Sie lief auf Führungsrollen, die ein Abkippen und zu hohes Herausheben verhinderte. Beim hohem Gasverbrauch (z. B. mittags) ging sie nach unten, bei niedrigem Verbrauch nach oben (neues Gas wurde zugeführt).

Im Winter musste das Wasser ständig bewegt werden, Wasserdampf wurde bei Frost zugeführt, damit die Glocke in Bewegung blieb, ein Zufrieren durfte es nicht geben. Der Boden in den Reinigungsbehältern wurde oft gewechselt.

Dr. Wilmsen, ein bekannter Arzt der damaligen Zeit, verschrieb diese Reinigungserde für Kinder, die eine starke Bronchitis hatten. Im Schuhkarton wurde dieser unter die Kinderbetten gestellt. Die Dämpfe konnten auch direkt eingeatmet werden, wenn die Reinigererde im Werk gewechselt wurde (sehr strenger Geruch). Dazu erschienen ganze Schulklassen. Das Ammoniakwasser aus dem zweiten Becken holten sich Bauern aus der Umgebung ab und verwendeten dieses zum Düngen ihrer Äcker. Ein pfiffiger Bauer aus Klein Engersen war ein eifriger Abnehmer im Herbst und hatte stets tolle Ernteergebnisse zu verzeichnen.

Da es in Kalbe keine Steinkohle gab, kam diese per Bahn in Waggons zum Güterbahnhof. Mit der Hand wurden diese bei jedem Wetter geleert. Nach dem Krieg übernahm der Fuhrunternehmer Paul Hasse mit dem Fuhrwerk den Transport bis ins Gaswerk. Wenn die Waggons nicht rechtzeitig geleert waren, musste Standgeld entrichtet werden, was sich kaum einer leisten konnte, also war oft Hilfe nötig. Bei einem Besuch der Leipziger Messe besorgte Herr Johr einen Schraper und ein kleines Transportband, was die schwere Arbeit seiner Kollegen etwas erleichterte. Die Helfer August Krause, Gottfried Wolff, Günter Burtzlaff und Mitglieder der Feuerwehr fuhren die Traktoren von der BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) KFL. (Kreisbetrieb für Landtechnik) und der Trocknung und sorgten dafür, dass die Kohle immer ausreichend vorhanden war. Der Koks wurde je nach Größe in drei Gruppen sortiert und per Bahn abtransportiert, ebenso die Teerfässer (wichtige Nebenprodukte).

Bodo Zindler und Henning Johr haben sich im Gaswerk so manches Taschengeld bei der Ferienarbeit verdient. Frau Charlotte Zimmer leitete 17 Jahre lang das Büro. Sie war die "rechte Hand" von Herrn Johr.

1961 musste Herr Johr wegen einer Havarie nach Magdeburg. Ihn vertrat sein Kollege Rudi Damerow. Im Juni geriet die Glocke langsam in eine Schieflage, eine Rolle ging entzwei. Auf Anweisung von Herrn Hans Bohnefeld aus Stendal musste die Glocke bis zum äußersten Rand hochgefahren werden, um noch andere Fehler zu finden. Am anderen Tag bekam sie plötzlich eine starke Schieflage, alles Gas entwich sofort aus dem Behälter, Kalbe war ohne Gas. Alle Arbeiter mussten in die Haushalte, um die Gasleitungen zuzudrehen, was gar nicht so einfach war, es bestand Explosionsgefahr.
Familie Johr durfte aber mit ihren vier Kindern im Wohnhaus wohnen bleiben.

Zum Aufrichten der Glocke besorgte man extra A Masten vom E-Werk durch Herrn Siegfried Korporal herangefahren, an denen die Glocke aufgehangen wurde. Spezialschweißer aus allen Gegenden wurden herbeordert, mussten hier nochmals Schweißnähte zur Probe ziehen und nur die drei Besten durften die Schweißarbeiten durchführen. In der Glocke wurde eine Arbeitsbühne zum Schweißen errichtet, der untere Stahlteil abgetrennt (war verrostet) und neue Bleche angesetzt. Zum Schluss mussten alle Nähte geröntgt werden (Reparatur dauerte 14 Tage). Danach rückte die Feuerwehr an und pumpte Tag und Nacht das Wasser von oben in den Gasometer hinein (bis zum oberen Rand), dann konnte die Glocke wieder hineingelassen werden. Jetzt durften die Gashähne in den Haushalten wieder geöffnet werden, das dauerte drei Tage.

Die Bewohner behalfen sich in dieser Zeit notdürftig und merkten nun, wie wichtig für sie das Gas war. Familie Johr erntete in diesem Sommer außergewöhnlich große Kartoffeln und Sellerie, das Ammoniakwasser hatte ihren Garten gedüngt.

1965 hatte Kalbe soviel Einwohner, das das selbstproduzierte Gas nicht mehr ausreichte. Die Anlage gab nicht mehr her und war sicher auch veraltert. Es wurde eine Ferngasleitung von der Großgaserei Magdeburg über Stendal, Bismark nach Kalbe zum Bahnhof und von dort bis zum Gaswerk und bis zum Wernstedter Bahnhof gelegt, ein Strang ging nach Klötze und ein Strang nach Salzwedel.

Das Gaswerk in Kalbe hatte ausgedient. Im Garten des Grundstückes wurde eine kleine Reglerstation errichtet, die von Herrn Johr und Herrn Hans Ullrich gewartet wurde, ebenso alle anfallenden Gasarbeiten wurden erledigt. Nach der Wende erhielt Kalbe eine neue Erdgasleitung.





1970 entfernte man die Gebäude des alten Gaswerkes. Auf dem Fundament wurden Lagerräume und Garagen für den EVM-Netzbetrieb errichtet (1971). Das Verwaltungsgebäude der EVM längs der Straße entstand zur gleichen Zeit, errichtet durch den damaligen Kreisbaubetrieb. Der mit Steinkohlenteer und Koks sowie anderen Rückständen versetzte Boden wurde mit einer 20 cm starken Betonschicht versiegelt.

Frau Johr wohnt heute noch mit der Familie ihrer Tochter im Wohnhaus. Ihr Wunsch war es, dass der Weg hinter dem Haus den Namen „Zum alten Gaswerk" und nicht Birkenweg bekommen hätte.

Gisela Horst
Aufsatz bzw. Vortrag von 2007

 
 
 
 
 
   
  
 

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