Geschichten über Kalbe Milde
 
 



Das Gefangenenlager "Goliath"
 

Von Ende April 1945 bis zum 1. Juli 1945 diente das eingezäunte Gelände des Goliathsenders als Gefangenenlager für deutsche Soldaten. die von den Amerikanern gefangen genommen wurden. Es sollen etwa 85.000 Deutsche hier auf dem Die tägliche Sitzung.Wiesengelände gelegen haben. Die Zustände im Lager waren besonders in der ersten Zeit katastrophal. Es gab keine Verpflegung, nur etwas Wasser; Brennessel und Sauerampfer waren Delikatessen. Einige Wenige hatten noch ihre "Eiserne Ration" oder etwas Knäckebrot. Erst nach und nach wurden geringe Mengen ausgegeben. Aus der ganzen Umgebung wurden Kartoffeln und Brot herangeschafft, aber es war bei den vielen Gefangenen nur wenig für den Einzelnen.
Auf Einhaltung der Hygiene wurde sehr geachtet. Bei Nichtbeachtung wurde die tägliche karge Ration entzogen. Zuerst erfolgte die Entlausung in Rot-Kreuz-Zelten, die zum Teil mehrmals wiederholt wurde. Für jede Abteilung (100 Mann) wurden Latrinen angelegt, die etwa zwei Spatenstiche breit, etwa einen halben Meter tief und einige Meter lang waren. Nach Verrichtung der Notdurft musste diese sofort mit Erde bedeckt werden. Später wurde Chlorkalk zum Abdecken ausgegeben.
Die neuesten Parolen wurden jedoch nur mündlich verbreitet. Zeichnung vom Kriegsgefangenen Kleiber aus Bad Liebenwerda"
Für die Einhaltung dieser Maßnahmen war eine deutsche Lagerpolizei verantwortlich. Auf diese Weise konnten ansteckende Krankheiten weitgehenst vermieden werden. Da die meisten Gefangenen keine Zeltplane mehr hatten, mussten sie unter freiem Himmel liegen. Alle innerhalb des Lagerzaunes noch vorhandenen Büsche und Bäume waren in kurzer Zeit verschwunden. Sie dienten als Unterlage beim Liegen oder als Brennholz.
Ehemalige SS-Soldaten wurden separat hinter Stacheldraht bewacht. Obwohl die Stimmung im Lager für die meisten Gefangenen nicht rosig war, gab es einige, die das Lagerleben aufzeichneten oder Gedichte darüber schrieben. Ein Trompeter hat während seiner Internierungszeit jeden Abend um 22.00 Uhr vom Gittermast zum Zapfenstreich geblasen.
Unter den vielen Gefangenen befand sich auch der bekannte Schauspieler Theo Lingen.

Stellvertretend fur viele andere Gefangene schildert Wilfried Lull aus Wernstedt seine Erlebnisse aus dem Jahre 1945:

Bis Oktober 1944 war mein Wohnort Roden (Nimzewe) Kreis Stolp Pommern. Mit 17 Jahren wurde ich zur damaligen Wehrmacht einberufen. Am 16.4.1945 wurden wir bei Frankfurt/Oder nördlich der Autobahn eingesetzt. Hier begann damals die Großoffensive der Russen. Am 22.4.1945 verloren wir die Hälfte unserer Kameraden. Der größte Teil war unter 18 Jahre. Es war mein 18. Geburtstag.
Da der Ring um Berlin weitgehend geschlossen war, ging es weiter in Richtung Süden, Märkisch - Buchholz und Halbe. In den Waldgebieten waren sehr viele Flüchtlinge, die im Wald Schutz suchten vor den Tieffliegern, die am Tage ständig ihre Einsätze und Angriffe flogen. Am 27.4./28.4.1945 muss es gewesen sein, als wir Halbe erreichten. Hier trafen Flüchtlinge mit Handwagen und Kinderwagen aus den Ostgebieten mit Panzer-Fahrzeugen der Wehrmacht auf der Durchfahrtsstraße zusammen. Von oben kamen die Tiefflieger. Einschläge von Grananten haben hier ein Bild des Grauens angerichtet. Die Straße war total verstopft von den Verwundeten und Toten, die sich übereinander häuften, aber es gab keine Hilfe. Am Abend des 28.4.1945 war ein Durchbruchversuch in Richtung Westen, über die Autobahn Dresden von der 9. Armee Busse, geplant. Hier haben sich sehr viele Flüchtlinge angeschlossen mit ihren Kindern.
Eine Erinnerung ist in mir geblieben. Zwei Kinder haben ihrer Mutter helfen wollen: "Komm Mutter, wir müssen gehen! Geht schon vor, ich komme nach." Ein paar Minuten später schlug eine Granate ein und es war nur noch ein Kind da. Ein älterer Herr hat sich diesem dann angenommen.
Essenempfang im LagerAm 29.4./30.4.1945 hatte ein Teil den Durchbruch geschafft, aber wie es an der Autobahn ausgesehen hat! Man sprach auch von einer Todesschneise durch den Wald.
Es ging weiter in Richtung Zossen, Beelitz, Genthin. Da sind wir dann wieder ins Kampfgebiet geraten. Westlich von Genthin , als etwas Ruhe eingetreten war erreichten wir die ersten Häuser. Da hat ein Ehepaar uns versorgt mit Getränken und wir konnten uns etwas waschen.
Es ging in der Nacht weiter Richtung Süden zur Elbe. In Blumental wurde uns gesagt, dass es eine Ubersetzungsmöglichkeit an der Elbe gibt. Wie wir ankamen sahen wir Hunderte von Menschen mit einer weißen Fahne, aber die Tieff lieger haben immer reingeschossen und auch die feindliche Artilerie. Auch hier gab es viele Verwundete und Tote.
Am 5.5.1945 wurden wir mit einem alten Kohledampfer übergesetzt, jetzt waren wir Gefangene der Amerikaner. Von dort wurden wir mit Fahrzeugen nach Gardelegen zum Flugplatz gebracht. Am 08.5.1945 ging es mit der Eisenbahn mit offenem Wagen in Richtung Stendal. Hier wurden wir vom Roten Kreuz mit Getränken versorgt. Dabei haben wir vom Kriegsende erfahren. Die Freude über die Kapitulation ging wie ein Lauffeuer durch die Waggons
Die Fahrt ging weiter über Salzwedel und Kalbe/M, einem Ort den wir nicht kannten. In der Nacht kam der Befehl: Alles hinlegen bis zum anderen Morgen.
Am 15. Mai 1945 lösten englische Truppen die Amerikaner ab. Später kamen noch kanadische und belgische Soldaten hinzu. Die Entlassung der Gefangenen erfolgte jedoch weiter von den Amerikanern von zwei Entlassungsstellen: 1. vom Lager "Goliath" 2. vom Städtischen Kindergarten an der "Kleinen Milde" einschließlich Trocknungsgebäude (jetzt Firma MILDENA). In unregelmäßigen Abständen gingen etwa 500 Gefangene mit Bewachung vom Goliath zur zweiten Entlassungsstelle. Auf einer Wiese am Neuen Plansweg an der linken Seite (Flur 20, Flurstücke 31/1 und 31/2. etwa 4 Hektar) war ein kleines Nebenlager eingerichtet. Hier lagen bis zu 1000 Deutsche und warteten auf ihre Entlassungspapiere. Zum Schutz gegen Wettereinflüsse hatten die Gefangenen Grassoden rechts und links vom Liegeplatz aufgeschichtet. Alle Büsche, Zweige von den Bäumen und das Schilf an den Gräben wurden als Unterlage oder zum Abdecken verwendet. Der hölzerne Weideschuppen des Bauern Willi Tiede, der rechts am Neuen Plansweg stand, wurde auf die linke Seite versetzt und als Uberdachung für die Suppenkessel genutzt. In den Räumlichkeiten der Trocknungsgenossenschaft und des Kindergartens wurden die Entlassungsformalitäten durchgeführt.

Bernhard Schulze aus Kalbe berichtet aus eigenem Erleben:

Unser Grundstück befand sich in der Nähe des Kindergartens, in dem die Entlassungen vorgenommen wurden. So konnte ich beobachten, daß in einem etwa 4 x 4 Meter großen Stacheldrahtkäfig Soldaten, die der SS angehörten, gefangen gehalten wurden.
Unsere Weiden für die Kühe und Pferde lagen am Neuen Plansweg hinter dem Gefangenenlager. Wir bekamen einen Passierschein von den Amerikanern. Deshalb konnten wir für die Gefangenen etwas zur Verbesserung ihrer kargen Verpflegung beitragen und größere Mengen im Dämpfer gekochte Pellkartoffeln und einige Brote mit dem Handwagen heranfahren und durch den Stacheldrahtzaun reichen, denn die Suppen bestanden meist nur aus Trockenkohl aus Beständen der deutschen Wehrmachtsverpflegung und Trockenblatt aus der Trocknung. Die Lagerwachen erlaubten die zusätzlichen Nahrungsübergaben.
Zu den Lagerwachen eine Episode: An einem Sonntagvormittag befahl der amerikanische Stadtkommandant die Aufstellung aller Feuerwehrleute mit Ausrüstung vor dem Spritzenhaus. Mein Vater und sein Nachbar, Hermann Schulze, nahmen als Feuerwehrleute daran teil. Auf dem Nachhauseweg gingen die beiden mit dem Feuerwehrhelm auf dem Kopf an der Kleinen Milde entlang über die Mildestege durch die Hausgärten in ihre Wohnhäuser. Das amerikanische Wachpersonal hatte die Beiden vom Kindergartengelände aus gesehen und deutsche Soldaten mit Stahlhelm vermutet. Die Wachmannschaften gaben Alarm, schwärmten sofort aus, einmal über die Gärten und Hinterhöfe und feuerten einige Salven hinter die Beiden her, die unsere Scheunenwände und Ställe, ohne größeren Schaden anzurichten.
Desweiteren kamen Wachmannschaften von der Gardelegener Straße, um die Soldaten festzunehmen. Als die Wachen stark erregt bei uns im Haus erschienen, hatte mein Vater gerade die Uniformjacke ausgezogen und den Feuerwehrhelm an die Flurgarderobe gehängt, so dass sie ihren Irrtum schnell bemerkten, zumal der Kommandant für jeden Feuerwehrmann eine weiße Armbinde mit der Aufschrift "Firemann" (Feuerwehrmann) ausgegeben hatte.
Da die Entlassung der Gefangenen bis zum 1. Juli 1945 nicht gewährleistet war, begann einige Tage vor diesem Zeitpunkt der Abtransport der meisten Gefangenen in langen Kolonnen in offenen oder mit Plane bedeckten LKW's, in Tag- und Nachteinsätzen in Richtung Niedersachsen (britische Besatzungszone). Am 1. Juli 1945 zogen sowjetische Soldaten und Offiziere in Kalbe ein, besetzten auch das Goliath-Gelände und übernahmen die restlichen Gefangenen. Nach Aussagen von Hans-Dietrich Wolter aus Kalbe soll innerhalb des Goliath ein separates Lager mit Stacheldrahtverhau bestanden haben in dem etwa 3000 russische Soldaten festgehalten wurden, die unter General Wlassow auf Seiten der Deutschen gekämpft haben. Diese Gefangenen wurden nicht nach Westen abtransportiert, sondern im Juli 1945 unter starker Bewachung sowjetischer Soldaten durch Kalbe abgeführt.
Es wurde viel darüber gerätselt, was die großen Masten der Sendeanlage bedeuteten. Unsere Unterkünfte waren im Freien, aber das waren wir ja schon gewohnt und es war im Mal schon recht warm.
Mit der Verpflegung war es sehr schlecht. Wer noch etwas Verpflegung hatte, teilte es sich ein. Zuerst bemühte man sich um die Trinkwasserversorgung. Es wurden Wasserwagen aufgestellt. Es waren der Zeit 70.000 - 80.000 Menschen und das bei 20 - 25 C. Es wurde aufgerufen, dass kein Wasser aus den Gräben zu trinken sei und die Toiletten wurden kontrolliert.
Die erste Woche stand auf unserer Speisekarte Brennessel und Sauerampfer, nur abgekocht. Es wurde Koks angefahren, wahrscheinlich vom Gaswerk Kalbe. Nach einer Woche brachten Bauernfahrzeuge aus Kalbe und umliegenden Dörfern in Milchkannen Essen. Zuerst gab es 1/2 Ltr. verdünnte Suppe jeden 2. Tag. Später gab es auch noch eine Scheibe Brot dazu.
Beim Bäcker Otte in Kalbe da durfte ich mit zum Einladen und mich anschließend satt essen bis zum Lager.
Pfingsten gab es scharfes Gewitter. Von Zelten, die einige hatten, gingen sehr viele zu Bruch. Es stand auch Wasser auf den Lagerplätzen. Es wurden Weidenbüsche aus den Gräben gerissen und untergelegt und Schilf und Gras, um einen Lagerplatz zu schaffen. Von den meisten wurde es gelassen hingenommen. Die Hauptsache war, der Krieg hatte ein Ende.
Anfang Juni ging eine 500 Mann Gruppe zum Durchgangslager an der Trocknung Kalbe. Ich hatte Glück, denn ich war gleich dabei. Hier wurde nochmals entlaust und sortiert. Nach Osten wurde keiner entlassen. Meine Adresse war nun Hermann Gille, Wernstedt. Diese Anschrift hatte ich an einem Pferdewagen, der Nahrungsmittel brachte, gelesen.
Am nächsten Tag ging es mit Fahrzeugen nach Magdeburg, anschließend nach Gardelegen und dann per Fuß nach Wernstedt, wo ich heute noch lebe. Nun begann mein neues Leben mit 18 Jahren.
Ein Dankeschön an alle, die uns in der Zeit mit Essen unterstützt haben. Bei so vielen Menschen war das Kleinste eine große Hilfe.
Im nachhinein erfuhr ich, dass mein Vater und meine Schwester auf der Flucht aus Pommern ums Leben gekommen sind.
Da ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, wandere ich auch heute gerne noch durch die Landschaft. Nicht selten bin ich im Goliath, dem Ort, mit welchem mich viele Erinnerungen verbinden.

Ein Gedicht, das im und über das Lager Kalbe (Milde) geschrieben wurde.
"Camp Calbe" - Eine kleine Lagerskizze' des Kriegsgefangenenlagers Calbe Milde

Wenn der Sturm in den Antennen braust und der Stacheldraht dir graust, wenn der Boden sich durchfeuchtet, und im Zelt kein Licht Dir leuchtet, während draußen strahlend helle Lichterbündel blitzeschnelle zischen ruhlos durch die Nacht und am Zaun der Posten wacht, der Dich hütet vor dem Walde, merk, Du bist im Lager Calbe.

Wenn du morgens früh aufstehst um zum Kaktusfriedhof gehst, dass er groß und größer werde, decke zu mit etwas Erde was du sorglos hinterlassen, dann zieh fröstelnd durch die Gassen hin zu Deiner Feuerstelte wärm dich und verzieh Dich schnelle, wasche und rasier Dich halbe, so ist's Brauch im Lager Calbe.

Ist der Kaffee Dir gelungen ohne dass Du angesungen, gibt's kein Frühstück zu verzehren, musst Du Schmiere ganz entbehren, schaust Du auch nach Mittagskost und erhältst Du keine Post, ärgern Dich die Zeitungsboten und die ständig schwarzen Pfoten, schau dich um und sei im Bilde - hier ist Calbe an der Milde.

Lässt Du die Gedanken schwirren in die Heimat sich verirren oder Deine Lieben suchen, kommt Dir an das große Fluchen, schaust Du sehnsuchtsvoll nach Zügen in die Heimat zu entfliegen, trauerst um den Omnibus der Verpflegung fahren muss, sende Grüße mit der Schwalbe aus dem fernen Lager Calbe.

Blenden Dich die Sonnenstrahlen, brauchst Du Miete nicht zu zahlen, wirst Du kostenlos bewacht, schläfst Da ein ganz unbedacht, schatten Wolken Deine Tage, wird die Nässe Dir zur Plage und beginnt es zu gewittern, dass die Zelte heftig zittern sich erheben, ganz und halbe, merk, Du bist im Lager Calbe.

Hörst Du Namen hier von Kreisen, die der Heimat Nähe preisen, zieht es hin Dich zu den Zeiten, die der Vorentlassung gelten, bist beim Ammi Du gewesen, und er hat Dich ausgelesen, packst dann fröhlich Deine Sachen, um dich aus dem Staub zu machen, schau nicht wie die Kuh zum Kalbe, Du nimmst Abschied vom Camp Calbe.

Die dramatischen Ereignisse, die vor mehr als 50 Jahren bei uns in Deutschland und vielen Schauplätzen der Welt stattfanden, verschuldet durch den Nationalsozialismus mit seinen größenwahnsinnigen Ideen und seiner menschenverachtenden Politik, sollten von uns Allen Nicht vergessen werden.

An der Schwelle des 21. Jahrhunderts sollten wir dankbar sein, in einer stabilen Zeitepoche in einem demokratischen Staat zu leben und dafür eintreten, dass die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit sich niemals wiederholen.

Für die Heimatgeschichte geschrieben von Bernhard Schulze Vorstandsmitglied im Kalbenser Kultur- und Heimatverein "Johann Friedrich Danneil" e.V.

   
  
 

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